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Kommentar
01/23/2020

Paketzusteller: Das neue digitale Proletariat

Manchmal wiederholt sich die Geschichte. Warum ein neues Massenheer von Unterprivilegierten unbedingt verhindert werden muss.

von Wolfgang Unterhuber

Im 19. Jahrhundert entstand durch die Industrialisierung das Proletariat. Aus dem Handwerker wurde der Fließbandarbeiter.

Durch die Digitalisierung geschieht jetzt in ähnlicher Weise dasselbe. Aus dem Handelsangestellten wird ein Paket-Zusteller. Dieser agiert zwar im Range eines selbstständigen Unternehmers, steht aber im Kasten-System des Online-Handels mit seinen Sub-Sub-Sub-Firmen-Konstruktionen ganz unten.

Die Paket-Zusteller sind also die Parias (in Indien die „Ausgestoßenen“) der digitalisierten Welt. Von den Konsumenten werden sie gehasst, wenn ein Paket falsch oder zu spät ankommt, und gleichzeitig leben sie am Rande des Existenzminimums.

Die Politik ist mit dieser Entwicklung weitgehend überfordert. Sie hätte längst – und das europaweit – neue sozialrechtliche Normen für das „digitale Proletariat“ schaffen müssen. Mehr noch: Die europäische Politik muss Profite und Wertschöpfung, die durch die Digitalisierung entstehen, geschickt verteilen und gleichzeitig Innovation ermöglichen.

Vor allem aber muss das Entstehen einer neuen Armut verhindert werden. Denn ein Massenheer von Unterprivilegierten wendet sich immer politisch radikalen Lösungen zu, wie das 20. Jahrhundert zeigte. Hier darf sich die Geschichte nicht wiederholen.