Meinung
02/22/2020

Nach dem Amoklauf von Hanau müssen wir auch über Youtube diskutieren

Nur ein Klick zum Extremismus-TV: Würden all die Inhalte, die auf Youtube zu jeder Tageszeit zu finden sind, in einer Zeitung abgedruckt, hätte der Verleger binnen Tagen den Verfassungsschutz vor der Tür stehen.

von Elias Natmessnig

Viel wurde bereits geschrieben über die Frage, wie es so weit kommen konnte, dass ein Rechtsextremer elf Leute erschießt. Wer ist Schuld, wer hat versagt, wer trägt die politische Verantwortung?

Unterdessen ist zwei Tage nach der unfassbaren Bluttat von Hanau das irre Manifest des Täters nach wie vor auf Youtube zu finden. Neben Musikvideos, Schminktipps und Kochvideos existieren auf der Videoplattform Tausende Videos mit extremistischem Inhalt. Egal, ob islamistischer Terror, Neonazis oder Verschwörungstheoretiker, die an Chemtrails und Geheimbünde glauben.

Würden all die Inhalte, die auf Youtube zu jeder Tageszeit zu finden sind, in einer Zeitung abgedruckt, hätte der Verleger binnen Tagen den Verfassungsschutz vor der Tür stehen – und das völlig zurecht. Diese Maßstäbe werden bei den großen Internet-Plattformen nicht angelegt. Wir müssen endlich erkennen, dass Facebook und Youtube eben nicht nur Plattformen sind, sondern Medien, die auch für die Inhalte verantwortlich sind.

Klassische Medien verstehen sich als Korrektiv in einer offenen Gesellschaft und wollen Diskurs ermöglichen, Youtube und auch Facebook agieren ausschließlich gewinnorientiert. Dort geht es darum, rund um Inhalte Werbung zu verkaufen. Was auf Youtube gezeigt wird, entscheiden nicht Redakteure oder Programmmacher, sondern Algorithmen. Und die sind darauf optimiert, den Seher möglichst lang zum Weitersehen zu verführen. Wer ein Verschwörungsvideo sieht, der bekommt ein weiteres vorgeschlagen. So kann man stundenlang in einer Parallelwelt verbringen und immer tiefer hineinrutschen.

Was wollen wir sehen – und was nicht?

Nein, Youtube ist nicht automatisch das Böse. Die Tat in Hanau macht aber erneut schmerzhaft deutlich, dass wir noch nicht alle Werkzeuge haben, mit den neuen technologischen Möglichkeiten umzugehen. Wir brauchen dringend eine Diskussion darüber, welche ethischen Maßstäbe wir im Netz anlegen müssen und mit welchen Gesetzen wir Hetzern beikommen können. Das Vorgehen der Regierung gegen Hasspostings kann da nur ein erster Schritt sein.

Natürlich ist der Ruf nach einer Zensur heikel. Ein essenzieller Eckpfeiler unserer Demokratie ist das Recht auf freie Meinungsäußerung. Die freie Meinungsäußerung endet allerdings dort, wo Postings und Videos dazu beitragen, die Gesellschaft zu spalten, zu destabilisieren und aufzuhetzen. Man muss eben nicht jeden rassistischen Quatsch lesen oder hören. Und man muss labile Persönlichkeiten davor schützen, immer tiefer in eine Parallelwelt abzudriften, um dort ihre Vorurteile bis hin zum Hass auszuleben – bis sie dann das Unfassbare machen.

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