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Leitartikel
08/10/2020

Man hat aus Ischgl gelernt, man weiß nur noch nicht so genau, was

Das einzig Gute an der Krise: Sie ist zu kompliziert für einfache Antworten. Und zwingt damit zum gemeinsamen Nachdenken.

von Georg Leyrer

Man gewinnt zwar schon seit vielen Jahrzehnten keinen Pointenbewerb mehr, wenn man im August freudestrahlend verkündet: In vier Monaten ist Weihnachten.

Es ist halt nur leider auch nicht ganz falsch. Und insofern ist es kein Wunder, dass die Wintertouristiker händeringend um Richtlinien bitten, was sie denn ihren Kunden für Packages verkaufen können. Wie feuchtfröhlich der Alpenballermann heuer werden darf, ob es après Ski nur heiße Fußwickel gibt oder man mit dem Babyelefanten in der Gondel sitzen wird – all das ist derzeit weit weniger durchsichtig als der Schnaps nach der letzten Abfahrt.

Man hat aus Ischgl gelernt, man weiß halt nur noch nicht so genau, was.

Und das ist die neue Normalität, die – bei genauerem Blick – eine, wenn auch vielleicht wirklich nur diese eine positive Seite hat: Die Zeit der einfachen Antworten ist vorbei, und daran kann man gemeinsam wachsen. Nachdem sich zu viele zu lange von jenen, die mit der Behauptung einfacher Antworten hausieren gingen, an der Nase herumführen ließen, gibt es Patentlösungen derzeit einfach nicht. Wir fahren als Gesellschaft auf halbe Sicht durch die Coronakrise, mit der Fußspitze über dem Bremspedal. Und sind daher gezwungen, gemeinsam nachzudenken, Schwieriges selbst abzuwägen, kurz: Uns wie mündige Erwachsene, ohne vorgegebene Lösungen durch eine komplizierte Aufgabe zu bewegen.

Das ist eine durchaus willkommene Abwechslung zur staatsbürgerlichen Unmündigkeit, mit der es sich so leicht denkfaul liebäugeln lässt. Also, ruhig mal selbst Maßstab anlegen: Kann das gemeinsame Besäufnis nach dem Schneegerutsche vielleicht ein Jahr warten – und man heuer einfach nur Skifahren gehen? Braucht es die Polizei, um gegen feiernde Menschen am Donaukanal vorzugehen? Wie bringen wir die Kinder durch diesen Herbst? Wie viel Kultur – Museen gegen Theater, Festspiele gegen Clubs – brauchen wir, damit die Gesellschaft nicht unrettbar verroht?

All das ist schwieriger zu beantworten, als man impulsiv meint – und lässt sich demnach trefflich diskutieren. Ausgerechnet Corona ist eine gute Gelegenheit, aus dem Schlagwortgerangel – links! rechts! – auszubrechen, das zuletzt so gerne mit Politik und mit Meinungsfreiheit verwechselt wurde. Natürlich gibt es auch die, die vor dieser Aufgabe versagen und sich den Hirngespinsten der Verschwörungstheoretiker und der Demagogen ergeben.

Schade. Aber von denen darf man sich diesen Moment nicht nehmen lassen.

Wir anderen können in der Krise neu erfahren, wie das so ist, wenn keiner wirklich weiß, was kommt. Wenn alles morgen ganz anders sein kann. Wenn eigene Meinungen übermorgen falsch sind. Und in dieser gemeinsamen Schwäche wieder näher zusammenfinden.

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