Martina Salomon

KURIER-Chefredakteurin Martina Salomon

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Leitartikel
03/06/2020

Lehren aus dem "Testfall" ziehen

Ob das Virus eine echte Krise auslösen kann, werden die nächsten Wochen zeigen. Negative Effekte werden sich aber wohl addieren.

von Martina Salomon

Müssen wir uns wegen des neuen Virus sorgen? Eher nicht, wenn es um die individuelle Gefahr geht. Kollektiv schon: Weil nicht absehbar ist, wie die globale Ausbreitung des Virus gestoppt werden kann – noch gibt es weder Therapie, noch Impfung. Unser Leben, speziell die Wirtschaft, beeinträchtigt es jetzt schon.

Man könnte es sogar als eine Art Testfall für eine wirklich große Krise sehen, die hoffentlich nie Wirklichkeit wird. So wurden unsere Katastropheneinrichtungen einem Stresstest unterzogen. Und der hat ergeben, dass in Österreich (wie immer) zu viele Institutionen beteiligt sind: das für den Zivilschutz zuständige Innenministerium, das Gesundheitsministerium und die Länder. Alle haben angenehm unaufgeregt reagiert, im Falle einer wirklich gefährlichen Situation vielleicht sogar zu zurückhaltend. Und was die Katastrophenschutz-Info betrifft: Bitte, Herr Innenminister, lassen Sie ein paar vife Techniker ran, um die App auf den letzten Stand zu bringen (das gilt übrigens auch für andere digitale Services des Bundes).


Das Virus hat auch ein unfreiwilliges Klimaschutzpaket ausgelöst. Nicht nur, dass die Schließung vieler chinesischer Industrieanlagen einen starken positiven Umwelteffekt hat, auch das teilweise Lahmlegen des Flugverkehrs hat Folgen. Firmen setzen lieber auf Videokonferenzen, statt ihre Mitarbeiter um den Erdball zu senden. Urlaubsreisen werden sicherheitshalber nicht gebucht. Gut fürs Klima, schlecht für eine krisengeschüttelte Branche. Wenn bei der AUA ein Fünftel aller Flüge gestrichen wird, bedeutet das Jobverluste und höhere Flugticketpreise. Auch die Hotellerie leidet unter abgesagten Kongressen und einem De-facto-Stopp des Tourismus.

Da wird es staatliche Kredithilfen brauchen, um Insolvenzen zu verhindern. Das Wachstum der Wirtschaft wird mit Sicherheit gedämpft. Ob das Virus eine echte Krise auslösen kann, werden die nächsten Wochen zeigen. Negative Effekte werden sich aber wohl addieren. Angesichts gestrandeter Containerschiffe aus China denken wir ja auch über Konsumgewohnheiten nach: Kauf-Zurückhaltung und Vintage sind Trend, das ist gar nicht schlecht. Aber ein ernsthafter Konsumverzicht würde arme Familien in asiatischen Textilhochburgen um ihr (geringes) Einkommen bringen. Licht und Schatten liegen oft nah beieinander.

Uneingeschränkt gut ist die unbezahlbare „Werbeeinschaltung“ für Impfungen. Schon lange hat man nicht mehr so sehnsüchtig auf einen Impfstoff gewartet. Nein, wir müssen nicht in Panik verfallen – schon gar nicht in Österreich mit seiner vergleichsweise gut funktionierenden Infrastruktur. Hier muss man sich (im Gegensatz zu China) auch nicht vor gezielter Desinformation fürchten. Aber für einen wirklichen Ernstfall müssen wir schon noch ein paar Lehren aus den vergangenen Wochen ziehen.