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Leitartikel
04/16/2021

Migranten in der Krise: Lasst keine Gruppen abdriften

Niemand will darüber reden, aber Zuwanderer landen häufiger mit Covid im Spital. Besser vorbeugen, als das Thema tabuisieren

von Martina Salomon

Genaue Zahlen will man in der Politik lieber nicht wissen (und kommuniziert sie nur unter der Hand), vom Spitalspersonal wird es aber bestätigt: Corona-Kranke in den Spitälern haben überdurchschnittlich oft Migrationshintergrund. Auch an städtischen Brennpunktschulen gibt es häufiger Cluster.

Indem man das Thema zum Tabu macht, erschwert man eine Lösung. Denn Infektionsvorbeugung funktioniert nur, wenn wir wissen, wo die höchste Ansteckungsgefahr lauert. In diesen Gruppen sollte übrigens auch schneller geimpft werden. So gesehen wäre es wichtiger gewesen, beispielsweise Lagerarbeiter früher zu immunisieren als das Wiener Hochschulpersonal mit Schreibtisch im Homeoffice.

Knapp ein Viertel der Österreicher hat Migrationshintergrund (beide Eltern im Ausland geboren). Ohne ihre Arbeit würden ganze Branchen zusammenbrechen. Doch es ist nicht zu leugnen, dass sich manche Gruppen (wozu natürlich auch gebürtige Österreicher zählen) zunehmend abkapseln und für den Staat schwer erreichbar sind. Das ist in einer Pandemie besonders schlecht. Eine Analyse des Integrationsfonds hat ergeben, dass sich zum Beispiel Zuwanderer aus Syrien, Afghanistan und der Türkei überdurchschnittlich häufig via Soziale Medien informieren, was Verschwörungstheorien fördert (etwa dass eine Impfung die Fruchtbarkeit von Frauen beeinflusst). Wenn dies nun mit niedriger Bildung, schlechtem Gesundheitszustand sowie beengten Wohn- und Arbeitsverhältnissen zusammenfällt, sind höhere Infektionsraten eine logische Folge.

Diese Faktoren von der Wissenschaft zu verknüpfen (und ohne Schuldzuweisungen Konsequenzen zu ziehen), könnte Leben retten. Aber wir befinden uns in Österreich, wo ein geradezu neurotischer Datenschutz gilt, was auch eine rasche Kontaktverfolgung im Umfeld von Infizierten verhindert. (Während erstaunlicherweise parallel dazu in der Justiz Briefgeheimnis und Persönlichkeitsschutz abgeschafft sind.)

Integrationsministerin Susanne Raab hat eine Info-Offensive für Zuwanderer angekündigt. Spät, aber doch. Wichtig wäre, vor bedenklichen Entwicklungen nicht die Augen zu verschließen. Das Abdriften ganzer Gesellschaftsgruppen verschärft sich durch die Pandemie. Eingeschränkte Kontaktmöglichkeiten sind Gift für jede Integration. Der Arbeitsmarkt wird künftig für schlechter Gebildete noch weniger Chancen bieten, und monatelanger „Heimunterricht“ hat in Familien, wo Eltern nicht als Lehrer(innen) einspringen konnten, längst klaffende Bildungslücken noch deutlich vergrößert. Wir dürfen diese Kinder nicht „verlieren“, und auch nicht ihre Eltern. Positive Vorbilder in den Communitys und „Erklärer“ sind daher wichtiger denn je. Ja, auch um das Virus schneller in den Griff zu kriegen, aber nicht nur.

Martina Salomon
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