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Meinung Kommentare Chronik
03/23/2020

Alltag in der Risikozone: Die Macht der Gewohnheit

In Innsbruck sind jetzt auch die Uferpromenaden von Inn und Sill Sperrgebiet. Umso wichtiger werden in der Quarantäne tägliche Rituale.

von Christoph Geiler

Servus, wie war dein Wochenende?

Wie oft begrüßen wir uns normalerweise an Montagen mit diesen Worten. Seien wir ehrlich: In vielen Fällen ist es einfach nur so dahin gesagt. Eine Frage aus reiner Gewohnheit, oder weil es halt kein besseres Gesprächsthema gibt.

Wie war das Wochenende also?

Jetzt, wo wir kaum noch was tun können, erscheint diese Frage brennender und interessanter denn je. Wie verbringen die Leute die Zeit in den eigenen Wänden? Welche Bedeutung hat in diesen Tagen überhaupt noch ein Wochenende, wenn der Sonntag genauso gut ein Mittwoch sein könnte? Wenn die Tiroler auf das verzichten müssen, was sie an Sonntagen für gewöhnlich am liebsten tun: In der Natur zu sein.

Innsbruck ist über das Wochenende noch mehr zum Stillstand gekommen. Dafür mögen auch der eiskalte Wind und die dunklen Wolken verantwortlich gewesen sein. Ganz bestimmt liegt es aber auch an den neuen, noch einmal verschärften Maßnahmen in der Landeshauptstadt.

Inzwischen wurden auch die Uferpromenaden entlang des Inns und der Sill abgesperrt. Diese Grünstreifen waren so etwas wie das letzte Rückzugsgebiet der freiheitsliebenden Innsbrucker. Hier joggten, radelten und spazierten die Menschen noch bis Freitag - mit Sicherheitsabstand wohlgemerkt.

Diese Abwechslung fällt jetzt also auch weg. Und es stellt sich zwangsläufig die Frage: Wie kriegt man bloß die Zeit herum?

Meine Frau, meine Tochter (7) und ich sind mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem jeder Tag gleich abläuft. Wenn man so will haben wir uns eingespielt, wir funktionieren, nachdem die ersten Tage mit Homeoffice und Heimunterricht auch die eine oder andere Reiberei mit sich gebracht haben.

Jetzt weiß jeder von uns, was er wann zu tun hat. Wir haben bald einmal festgestellt, wie wichtig in dieser Zeit Rituale sind. Das, was wir früher oft lächelnd als Alltagstrott abgetan haben - um 8.00 den Cappuccino und die Zeitung, um 9.00 den ersten Anruf in der Redaktion, um 19.00 das Abendessen - sorgt jetzt für Halt, Orientierung und eine Form von Vertrautheit. Reicht ja, wenn’s da draußen drunter und drüber geht.

Zu den Quarantäne-Gepflogenheiten gehört auch der regelmäßige Besuch von Emmas Großvater, der glücklicherweise im ersten Stock wohnt. In Zeiten wie diesen lernt man so etwas ungemein zu schätzen. Erstens muss man bei den Balkon-Gesprächen nicht schreien, zweitens kriegt man keine Genickstarre und drittens lassen sich sogar kleine Geschenke zuwerfen.

Ein anderes Ritual der Tochter ist auch der tägliche Brief an die Volksschullehrerinnen. Es gehört für Emma zu den Höhepunkten des Tages, wenn die Mailbox blinkt und wieder eine aufmunternde Nachricht aus der Schule eintrifft. Nicht zu vergessen: Die täglichen Musikeinlagen auf den Balkonen der umliegenden Häuser um Punkt 18 Uhr.

So hanteln wir uns durch den Tag, ob Sonntag oder Mittwoch, und spulen unser Routineprogramm ab. Auf den Lagerkoller waren wir bislang immun.

Wir wären jedenfalls noch nicht auf die Idee gekommen, die Fenster zu putzen.