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07.01.2018

Ruhe geben und nehmen

Zeit der Entspannung. Oder auch nicht. Über seinen Sammeltrieb und ihre Bergungsarbeit

Fix ist: Jagen kann er, aber sammeln kann er vielleicht noch besser als ich.

Gabriele Kuhn | über die Szenen einer Redaktionsehe.

Sie

Sammlerin. So nennt mich der Mann nebenan oft, um gleichzeitig mit dem Image des „Jägers“ zu liebäugeln. Ja, so gerne verlieren wir uns in Klischees, um den Alltag erträglicher zu machen. Also gehe ich Teelichter sammeln, während er wasweißich jagt. Keine Ahnung, was Sie in diesem Kontext exakt assoziieren, fix ist: Jagen kann er, aber sammeln kann er vielleicht noch besser als ich.

Abgenudelt

Wunderbar dokumentieren lässt sich das an einer völlig abgenudelten Reisetasche, die er vor 20 Jahren in unsere Beziehung mitgebracht hat. Was da drin sei, wollte ich damals wissen. Daraufhin schaute er verklärt und sprach: "Liebesbriefe von früher. Postkarten. Und so Zetterln halt." Zetterln aus der Volksschulzeit, auf die Adorantinnen Liebeserklärungen gekritzelt hatten, etwa: "Ich will dir ein Buhsi geben." Auch allerlei Ansichtskarten schimmelten darin vor sich hin. Liebesgrüße, nicht aus Moskau, aber aus Lignano, Caorle und Großpritschelsdorf an der Blunz’n. Erst vor Kurzem meinte ich, dass eine Entsorgung angesichts des hohen Alters der Tasche und deren Inhalt durchaus angebracht sei. Es sah mich an, als hätte ich ihm vorgeschlagen, sich eine Hand amputieren zu lassen. Also muffeln die Frühwerke diverser Amouren weiter vor sich hin. Was ich mir rund um den Neujahrsputz allerdings schon gegönnt habe: den Stapel auf seinem Nachtkasterl großzügig zu entsorgen. Und sieh an, da fand sich ein Dachstein-Bergbahn-Panoramaticket aus dem Jahre 2014. An sein Dingsda mit Liebessouvenirs denkend, fragte ich mich in der Sekunde, was das wohl zu bedeuten hat. Aber ich bin mir sicher, er hat dafür eine geschmeidige Erklärung.

Paaradox-Termine: 23. 2. Ziersdorf, 24. 2. Klosterneuburg, 3. 3. Eisenstadt, 19. 4. Rothneusiedlerhof, 8. 5. Perchtoldsdorf

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Er

Den ganzen Herbst lang stöhnt meine Frau über die Intensität unseres Seins, klagt die Rastlosigkeit, vor allem jene im Dezember, richtig an. Um dann zwischen Weihnachten und Dreikönigstag, wenn die Zeit für Ruhe gekommen ist, erst recht keine zu geben. Während ich mich mit postweihnachtlicher Regenerationslust ins Sofa plumpsen lasse, um dort (mit der Vanillekipferl-Dose auf dem Bauch) allerlei cineastische Versäumnisse nachzuholen, flitzt sie durch die Wohnung. Lebensprinzip: Es gibt immer etwas zu tun (vor allem Dinge, zu denen man ja sonst nie kommt, wie Badezimmerkachelfugen bürsten). Und wehe, ich wage den Einwand, dass es höchste Zeit wäre, eine Leidenschaft für das Unerledigte zu entwickeln. Da wird gnä Kuhn fuchsig und offenbart Fassungslosigkeit – über meine gewissenlosen Entspannungszustände ... während sie fleißig Stromabrechnungsbelege der Jahre 2011 bis 2014 sortiert und neu ordnet. Und mir – freilich ohne ein Wort zu sagen – das Gefühl vermittelt, dass auch ich das längst hätte tun können, statt mir „zum tausendsten Mal irgend so eine unnötige Herumballerei“ (Anm.: Thriller) anzuschauen.

Aufräumen

Und nur deshalb kann es dazu kommen, dass der Liebsten ausgerechnet jetzt die uralte Tasche mit meiner einstigen Korrespondenz ins Auge sticht. Oder dass sie im Aufräum-Furor allen Ernstes mein Nachtkasterl ächzend entstapelt. Dabei entdeckt sie zuverlässig viel und will dann auch noch, Thriller hin oder Augenverdrehen her, zuverlässig darüber reden. Ab Montag hat uns dann aber eh der Alltag wieder. Endlich. Ich kann den Stress schon gar nicht mehr erwarten.

Solo „Abend mit einem Mannsbild“: 2. 2. Wien, Studio Akzent, 4. 3. Wien (CasaNova). 7. 3. Graz (Casino). Termine: paaradox.at

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