Allein

Nur noch Inseln, keine Kontinente.

Guido Tartarotti | über das Alleinsein, Rosinen, die Wahl.

Immer mehr ... (Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Immer mehr Zeitungsmeldungen beginnen mit den Worten „Immer mehr...“. Das signalisiert Aktualität, Dringlichkeit und Trendnähe!) ... immer mehr Menschen leben als Singles. Bzw.: Immer mehr Menschen geben zu, dass sie als Singles leben. Das Alleinsein gilt heute nicht mehr als Schicksalsschlag, den es durch Aufenthalte in würdelosen Bars bzw. Dating-Portalen so rasch wie möglich zu überwinden gilt. Sondern als durchaus angenehmer, oft selbst gewählter Zustand. Die alte Topf-Deckel-Doktrin („Auf jeden Topf passt...“) wird heute kritisch hinterfragt – weil der Mensch eben ein Mensch ist und kein Kochgeschirr.

Der Nachteil ist: Die schöne Idee der Gemeinsamkeit geht verloren. Wir spalten uns auf, in Rosinen-Liebhaber und Rosinen-Hasser, Wähler von dem und Wähler von dem anderen, in Bewohner immer kleineren Echo-Kammern und Meinungs-Blasen, nur noch Inseln, keine Kontinente.

Wahlen wurden übrigens ursprünglich auch als ritueller Akt der Gemeinsamkeit erfunden.

Guido Tartarottis neues Kabarettprogramm "Selbstbetrug für Fortgeschrittene" ist am 20. Dezember und am 20. Jänner im Theater am Alsergrund zu sehen, am 11. Jänner beim Satirefestival Schwechat, am 18. Jänner im Kabarett Niedermair und am 17. Februar in St. Pölten, Bühne im Hof.

( kurier.at ) Erstellt am 04.12.2016