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03.09.2017

Unnötige Blöße

Damals war es journalistisches Unvermögen, heuer ist es mangelndes Gespür.

Philipp Wilhelmer | Über den ORF in Teufels Küche

Es war spannend zu sehen, wie wenig Sebastian Kurz und Tarek Leitner beim ORF-„Sommergespräch“ miteinander harmonierten. Hier ein Polittalent, das weiß, wie gut es bei der Bevölkerung rüberkommt, und deshalb tunlichst vermeidet, von Kürzungen im Leben potenzieller Wähler zu reden. Dort ein mit Fakten aufmunitionierter Interviewer, dem bei vagen Wiederholungen irgendwann zu Recht der Kragen platzte.

Ein Glücksfall: Wer Kurz nicht leiden kann, fand sich in seinen Vorurteilen bestätigt, seine Fans wiederum konnten sich an jeder Stirnfalte Leitners abarbeiten – die Quote war sowieso sensationell. Dass als Retourkutsche von der ÖVP ein Urlaub Leitners mit Christian Kern in dessen Zeit als ÖBB-Chef thematisiert wird, mag man mies finden. Es zeigt aber auch, wie undurchdacht der ORF die „Sommergespräche“ heuer besetzte.

Leitner hat eine tadellose Reputation, aber wenn man ihm Befangenheit auch nur unterstellen kann, ist das in Wahlkampfzeiten eine Blöße, die sich der ORF nicht hätte geben sollen. Auch der erfahrene Journalist hätte eigentlich ahnen können, dass seine private Nähe zum Kanzler von dessen politischer Konkurrenz zum Skandal aufgeblasen wird.

Einmal mehr begibt sich das Unternehmen in einem aufgeheizten Wahlkampf in Teufels Küche. Wir erinnern uns mit Schaudern an die „Tempelberg“-Affäre aus dem Vorjahr. Damals war es journalistisches Unvermögen, heuer ist es mangelndes Gespür. Beides war ein Fehler.