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Leitartikel
03/05/2021

Gratis- und Vollkaskogesellschaft

Wir wollen alles, und zwar sofort. In Österreich ist diese Grundhaltung viel deutlicher ausgeprägt als die Eigenverantwortung.

von Martina Salomon

Wer bis dato in Berlin ohne Symptome einen Covid-Test machen wollte, nahm größere Anfahrtswege in Kauf und musste außerhalb von Ordinationen dafür zahlen. Demnächst setzt man auf die österreichische Teststrategie: In Wien geht dasselbe ziemlich schnell und ist auch noch gratis. Toll findet das hier aber niemand, wir sind schließlich in Österreich: Da soll der Staat gefälligst für alles sorgen, geraunzt wird dennoch.

Sogar fünf Stück Selbsttests werden in Apotheken jetzt gratis abgegeben – doch halt: nicht an alle. Wer sich von der Elektronischen Gesundheitsakte, kurz Elga, abgemeldet hat, muss ein paar Euro zahlen. Wir wären nicht in Österreich, wenn nicht Ärztekammer und Patientenanwälte im Chor „ungerecht“ schreien würden. Ketzerische Frage: Wieso soll jemand, der sich aus einem sinnvollen System abmeldet, dennoch die Vorteile desselben genießen? Mit Elga können die Tests kontrolliert abgegeben werden. Und der Österreicher neigt ja, wie wir wissen, zum Hamstern, Stichwort Klopapier. Aktuell sind eben gerade die Wohnzimmertests ausgegangen.

Weil wir außerdem ein Volk von Datenhysterikern sind, geben wir zwar alle Daten an Handybetreiber, Kundenkarten sowie Kreditkartenfirmen und akzeptieren alle Cookies. Aber wenn sinnvollerweise Gesundheitsdaten mit einer Karte gesammelt abrufbar sein könnten, kriegen wir kollektiv die Krise und verkomplizieren alles so lange, bis das System relativ nutzlos ist. Dabei wäre es genau jetzt hilfreich, um treffsicherer jene zu finden, die eine Impfung aus gesundheitlichen Gründen am meisten brauchen.

Die Corona-Krise hat die unfassbaren digitalen Defizite einer überforderten Verwaltung (nicht nur bei uns) und die fehlende Vernetzung zwischen den Behörden sichtbar gemacht. Das war natürlich nicht gerade vertrauensbildend. Es ist zu befürchten, dass wir technisch immer mehr abgehängt werden. Datenmedizin zum Beispiel ermöglicht riesige Gesundheitsfortschritte. Klarerweise sind da viele sehr heikle Fragen zu klären. Der österreichische Weg wird sein, lieber auf solche Innovationen zu verzichten, aber von der Regierung dennoch zu verlangen, uns gesundheitlich auf dem letzten Stand und natürlich gratis zu versorgen.

Das ist im Pensionssystem nicht anders: Selbstverantwortung gilt als neoliberales Teufelszeug, private Pensionsvorsorge wird scheel betrachtet. In Deutschland (und anderswo) muss man mittlerweile nicht nur länger arbeiten, sondern bekommt auch niedrigere Pensionen. Dennoch wächst das Anspruchsdenken der Österreicher an den Staat umgekehrt proportional zur Eigenverantwortung. Eine Zeit lang wird das schon noch gut gehen. Aber für die heute Jungen wird es wohl irgendwann ein Erwachen aus dem Traum vom Gratis- und Vollkaskostaat geben.

Martina Salomon
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