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Meinung Gastkommentar
08/25/2021

Anna Netrebko: Anspruchslose Salzburger Festspiele und ORF

Der ehemalige Staatsoperndirektor Ioan Holender über das Netrebko-bedingte Durcheinander bei den Salzburger Festspielen.

In der Zeit, als Gérard Mortier die Salzburger Festspiele leitete, wurde das Programm dramaturgisch durch ein Motto zusammengestellt. Würde man derzeit diesem Gedanken folgen, wäre das bestimmende Motto "Netrebko". Gleichgültig, was sie singt, mit wem sie singt, wer dirigiert und wer inszeniert, Hauptsache und alles entscheidend ist, dass sie singt. Wenn "die Netrebko" sich wie 2019 ein Randwerk wie Cileas "Adriana Lecouvreur" wünscht, dann kommt sogar dieses zu den Festspielen.

Und wenn die Verursacherin der Stückwahl einmal absagt – wie geschehen – wird das mindere Werk Netrebko-los gezwungenermaßen konsumiert. Heuer "toscat es" unübersichtlich und gleich zweimal. Einmal konzertant (!?) mit IHR mit dem derzeit wohl besten Tenor-Partner  Kaufmann, und jetzt zum Festspielende noch viermal in einer bereits vor drei Jahren bei den Osterfestspielen gezeigten und zu Recht durchgefallenen Inszenierung mit ihrem Gatten Yusif Eyvazov als ihrem Tenorpartner.

Ich frage mich, und bin damit nicht allein, wo der Anspruch des „besten Musikfestivals der Welt“ – laut der alles wissenden Festspielpräsidentin – ist, wenn kaum geprobte, von Frau Netrebko bestimmte und besetzte Produktionen samt dem musikalischen Leiter ihrer Wahl, passend zu ihrer weltweiten Beglückungstournee, auch bei den Salzburger Festspielen landen.

Qualität, Vorbereitung, und das Niveau von Werk und der Gesamtproduktion sind den Salzburger Festspielen und dem nachtrottenden ORF offenbar egal. Hauptsache, man kauft die teuren Festspielkarten, und die Quoten des Gebührensenders sind hoch. Doch jetzt geschah Unerwartetes: Netrebko, derentwegen die Festspiele, das ZDF und als Letztbeglückter unser kleiner, aber reicher Gebühren- Staatssender ORF die ganze Chose veranstalten und senden, enttäuschte bei der Festspielpremiere durch ihre Leistung sogar ihre Adoranten.

Früher hätte man gesagt, sie sei durchgefallen – generell schlechte Kritiken und wenig Applaus. Die übermäßig beworbene TV-Übertragung im Hauptprogramm des ORF am Freitag um 20:15
wurde „aus organisatorischen und dispositionellen Gründen“ (?) – eine weniger lächerliche Ausrede hat man wohl nicht gefunden – abgesagt und mit dem Krimi „Die Toten von Salzburg“ ersetzt.

Ob die große Diva nun am Freitag in Salzburg auftritt oder nicht, weiß man nicht – den Festspielen kann es egal sein, denn die Karten sind verkauft und dem sich im Abgang befindenden ORF-Leiter ist sowieso schon alles egal…

Ioan Holender war Staatsoperndirektor (1992 -2010) und gilt als einer der Entdecker von Anna Netrebko.

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