Meinung
02.07.2018

„Entzwergung“

Ein Denkanstoß von EU-Kommissar Hahn, der über die Ratspräsidentschaft Österreichs hinauswirken sollte.

Die Neigung Europas zur „Selbstverzwergung“ kritisierte Johannes Hahn in der sonntägigen ORF-Pressestunde. In Zusammenhang mit dem europäisch-amerikanischen Handelsstreit erinnerte er daran, dass Europa nur sechs bis sieben Prozent der Weltbevölkerung, aber eine globale Wertschöpfung von circa 23 Prozent hat. Auf diesem blühenden Mini-Kontinent wird übrigens auch die Hälfte aller weltweiten Sozialleistungen ausgezahlt. Österreich liegt in diesem Bereich sogar über dem EU-Schnitt, was man trotz aller Aufregung um die heimische Arbeitszeitflexibilisierung nicht vergessen sollte. (Die ja vorwiegend als Zwischenwahlkampf für die darniederliegende SPÖ und als ÖGB-Machtdemonstration benutzt wird.) Von Österreichs Arbeitnehmerrechten kann man in vielen anderen Ländern nur träumen.

Aber es gibt Anzeichen für ein Ende der Bequemlichkeit. Die USA weigern sich zunehmend, die Rolle des Weltpolizisten zu übernehmen und zu bezahlen. Oft genug haben die Europäer mit verschränkten Armen die moralisch Überlegenen gespielt. Seit dem gestiegenen Migrationsdruck aus Afrika geht das nicht mehr so leicht.

Der Rückzug Amerikas auf sich selbst böte der EU die Gelegenheit, sich neue, ehrgeizige Ziele setzen: zum Beispiel die Wirtschaftsmacht Nummer eins zu werden, ohne den hohen sozialen Standard zu opfern. Sich auch in Sachen Internetwirtschaft nicht mehr von den USA domestizieren zu lassen. Wachsam auf China blicken, das das europäische und amerikanische Machtvakuum für eine leise, aber aggressive Expansion nutzt. Auch Afrika sollte man letztlich weniger als armen Empfänger von (oft bei korrupten Diktatoren versickernden) Spenden und Entwicklungshilfe betrachten, sondern als Zukunftskontinent, dem man auf Augenhöhe begegnen muss.

Europa ist ein Riese – kulturell, wirtschaftlich, sozial, und ein wunderbarer Kontinent zum Leben. Wir Europäer sollen uns fürwahr nicht zum Zwerg machen.