Meinung
07.07.2018

Ein Vorschlag für das „Wort des Jahres“

Was Trump, die digitale Revolution und Christian Kern gemeinsam haben: Disruption.

Noch steht das Wort des Jahres 2018 nicht fest (das Jahr dauert auch noch eine Weile). Unverbindlicher Vorschlag: „disruptiv“ (laut Duden: zerstörerisch). Denn es hat den Weg vom Manager-Sprech in die Alltagstauglichkeit gefunden, kein Trendforscher kommt ohne aus. Es verbreitet sich viral (auch so ein Wort), eingeschleppt mit dem digitalen Umbruch. Diesen haben wir ja hier in Österreich ein, zwei Jahrzehnte nicht so ernst genommen. Seit wir es doch tun, schmerzt uns die fast unüberbrückbare Kluft zwischen Europa und dem Technologieführer USA sowie den rasend auf- und überholenden Asiaten. Ja, da kriegt man ein Gefühl für, äh, Disruption. In Wahrheit genügt es, sich in den eigenen vier Wänden umzuschauen: Lexika, Festnetztelefon, CD-Player – alles von neuen Entwicklungen „wegdisrumpiert“.

Oder betrachten wir die USA: Disruption ist auch hier das – hilflose – Erklärungsmuster für einen Präsidenten, gegen den China und Russland mittlerweile wie ein Hort der Stabilität wirken. Zugegeben: Manchmal kann es sogar erfolgreich sein, in ein seit Jahrzehnten diplomatisch fein gesponnenes Ritual rücksichtslos hineinzutrampeln. Dabei aber nicht vergessen: „speed kills“ – die Strategie des Gegners nämlich.

Eine Disruption der besonderen Art machte Christian Kern durch. Als smarter ÖBB-Chef mit wirtschaftsliberaler Attitüde trug er stets Anzug. In der Politik gibt er nun in Jeans und T-Shirt den Revoluzzer gegen den 12-Stunden-Tag, den er als Spitzenmanager gar nicht gefährlich fand. Was hätte er damals wohl zu Gewerkschaftern gesagt, die aus Protest Pflastersteine vor Abgeordneten-Türen legen?

Unsicher und komplex

Das Praktische an „ disruptiv“ – es ist universell anwendbar: Zum Beispiel haben wir gerade eine „disruptive Immigration nach Europa“ erlebt. Auch in den Accelerators dieses Landes wird nach „disruptiven“ Lösungen gesucht. Was, Sie wissen gar nicht, was ein Accelerator ist? Das ist eine Art Brutkasten für Start-ups – also junge, innovative Unternehmen. Gut möglich, dass man sich in unsicheren Zeiten hinter hochtrabenden Worten versteckt. Wobei unsere Welt tatsächlich anstrengend komplex geworden ist.

Haben Sie zum Beispiel die „disruptive“ Wirkung von Fintechs (digitale Plattformen, die Bankgeschäfte erledigen) und Kryptowährungen im Finanzsektor beobachtet? Oder halten Sie es mit dem britischen Talkmaster und Komiker John Oliver? Der hat es mit einem Satz auf den Punkt gebracht: „Kryptowährungen sind alles, was du nicht über Geld verstehst, kombiniert mit allem, was du nicht über Computer verstehst.“

Sie können jedenfalls davon ausgehen, dass es nichts zu lachen gibt, sobald in Ihrer Firma „disruptive Entscheidungen“ fallen. „Wer nicht disrupted, wird selbst disrupted“, pflegen Manager ja schon lange zu sagen. Und unangenehmerweise stimmt das auch noch.

Aber was ist, wenn man die angekündigte Disruption dann doch zögernd absagt? Ganz einfach: Dann „seehofert“ man. Eine brandneue Wortkreation, die zumindest in Deutschland durchaus einen Stockerlplatz im Ranking „Wort des Jahres“ verdient. Zumindest meinen das ein paar „Influencer“.