© REUTERS/Dado Ruvic

Leitartikel
02/02/2021

Die Rückkehr des Denunziantentums

Im Internet wird mit Corona-Sündern kurzer Prozess gemacht. Ob die Vorwürfe stimmen, ist egal. Die 1930er lassen grüßen.

von Gert Korentschnig

Von all den Kollateralschäden, die das Virus und dessen Bewältigungsversuche anrichten, ist einer besonders schlimm: die Rückkehr zum Denunziantentum. Aktuell auf der Anklagebank: ein Winzer, ein Hotelier und einige andere, denen vorgeworfen wird, eine neue Corona-Variante leichtsinnig nach Österreich eingeschleppt zu haben, weil sie einige Wochen in Südafrika verbrachten.

Ob das stimmt, ist nebensächlich. Und auch die Frage, ob zum Zeitpunkt der Reise von diesem Virus überhaupt schon die Rede war, interessiert die selbst ernannten Staatsanwälte nicht. Es braucht einen Schuldigen, damit man für ein paar Stunden die Sau durchs Dorf treiben kann (wobei nicht immer klar ist, wer wer ist).

Nun ist es freilich nicht klug, in Corona-Zeiten Fernreisen zu machen, darauf wird man sich rasch verständigen können. Aber eine Reisewarnung ist nicht automatisch ein Verbot. Und es soll Menschen geben, die beruflich reisen (müssen). Für eine Hetzjagd a priori besteht also kein Grund. Aber wen kümmert das schon in einer Zeit, in der Mitglieder der Neidgesellschaft gerne Kerkermeister des Lockdowns spielen. Man zeigt wieder verstärkt mit dem Finger auf den Anderen (Andersdenkenden, Anderslebenden) und beruft sich auf das größere Ganze. Die Blockwart-Mentalität lebt – das macht die Corona-Krise deutlich.

Aber wie soll man reagieren auf Lärm in der Nachbarwohnung, in der man eine Corona-Party vermutet? Wie begegnet man Mitmenschen, die Abstandsregeln nicht einhalten? Am besten mit Vernunft, mit direkten Gesprächen hinter der Maske. Am schlechtesten mit Denunzierungen am öffentlichen Pranger namens Internet. Wenn dort zum Beispiel Autos mit ausländischen Kennzeichen gepostet werden, sagt das zunächst einmal mehr über die Gedankenwelt der Poster aus als über die Autobesitzer.

Die Stadt Essen hatte im Herbst sogar ein Formular für anonyme Klagen über Verstöße bei Corona-Regeln eingerichtet – und musste das nach heftiger Kritik entschärfen. Auf sozialen Medien aber ist seit langem alles ungefiltert möglich. Nachdenken, ob die geäußerten Vorwürfe stimmen, muss man ja nicht, beim Klickprozess kann jeder Mitläufer mit einem Like Schöffe spielen. Und da das Netz nichts vergisst, hat der Angeklagte noch nach Jahren einen Schlechtpunkt. Geschieht ihm recht in der Facebook- und Twitter-Logik.

Eigentlich müsste man hoffen, dass das reale Leben nie so wird, wie das Internet ist. Leider sind wir auf dem besten Weg dorthin. Auch die Politik spricht von Gemeinschaft und im nächsten Atemzug von Abgrenzung. Mit Corona als Brandbeschleuniger haben wir, 100 Jahre nach der Spanischen Grippe, ein Jahrzehnt übersprungen: willkommen in den 30er-Jahren. Da war doch was.

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