© REUTERS/Arnd Wiegmann

Leitartikel
05/04/2021

Die nächste Scheidung

Einer der reichsten Männer der Welt lässt sich scheiden. Das hat zwar nichts mit Impfen und 5G, aber viel mit Politik zu tun.

von Georg Leyrer

Wer schon gegen Corona geimpft ist, hat die Nachricht von Bill Gates’ Scheidung sicher bequem über den injizierten 5G-Chip empfangen.

Sorry, war nur ein Witz. Nun aber schnell zur ernsthaften Betrachtung. Und auch für all jene, die wegen des mehr oder weniger geglückten Liebeslebens von Multimilliardären nicht nächtelang wach liegen, lohnt es sich, kurz innezuhalten.

Denn die Gatese (Gatesen? Gates’?) sind ein spannendes Phänomen unserer Zeit. Sie stehen für eine ganz neue Art von Geldadel. Dieser ist erst kürzlich entstanden. Und hat vorbei an jenen Machtstrukturen, in denen wir es uns bequem gemacht hatten, weitreichenden Einfluss auf unser aller Leben aufgebaut. Er steht damit auch mitten im vergifteten politischen Grundstreit unserer Zeit. Und inmitten der pandemiebedingten Verschwörungstheorien, mit denen so viele Menschen eine Welt zu ordnen versuchen, die sie nicht mehr verstehen.

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Bill Gates ist mit Microsoft irre reich geworden. 130 Milliarden Dollar soll er besitzen. Seit vielen Jahren schon verteilt er gemeinsam mit seiner Ehefrau große Brocken Reichtum für gute Zwecke – 50 Milliarden Dollar schwer ist ihre Stiftung, sie fördert unter anderem Bildungsprojekte für Kinder und medizinische Versorgung für Arme. Eine Milliarde floss allein in wichtige Teile der Pandemiebekämpfung. Man könnte zufrieden und dankbar sein: Mäzenatentum ist gerade in den USA immens wichtig.

Doch gerade diese aus dem Silicon Valley erblühte Wohltätigkeits- und Weltverbesserungsrhetorik berührt auch einen wunden Punkt, der aus der Pandemie heraus zusätzlich blutig gerieben wurde.

Denn die Techgiganten von Google bis Facebook, von Twitter bis eben Microsoft haben viele Jahre lang alles getan, um Staatsgefüge in wichtigen Funktionen zu ersetzen. Sie schufen so etwas wie parallele Gesellschaften mit eigenen opaken Gesetzen. Mit mehr Einwohnern als viele reguläre Staaten, und ähnlich großen Budgets.

Diese erklärten echte Grenzen für obsolet, und damit praktischerweise auch die wunderbar altmodische Pflicht, Steuern zu zahlen. Der Gestus des großzügigen Adels, der als Spätlebenshobby seine ohne viel Steueraufwand eingestreiften Milliarden als Almosen verteilt und als Begleitmusik trompetet, dass die eigenen Kinder eh nur ein paar Millionen erben werden, bekommt so einen schalen Beigeschmack.

Denn die Pandemie hat auch gelehrt, dass ohne die Staaten gar nix geht. Die werden sich, mit frischem Machtgefühl aufgeladen, bei der Bewältigung der kommenden finanziellen Krise vielleicht doch überlegen, wie man Steuergrenzen wieder hochzieht. Die schon lange schwierige Beziehung zwischen dem Silicon Valley und den Regierungen könnte dann die nächste sein, die vor einer Scheidung steht.

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