© Kurier/Jeff Mangione

Leitartikel
11/12/2020

Corona: Im Wettbewerb der Ängste

Wenn wir für ein paar Wochen alles zusperren, heißt das nicht, dass damit auch das Denken und der Widerspruch abgedreht werden.

von Gert Korentschnig

Ein härterer Lockdown kommt, zumindest noch ein Vorhangschloss – das ist fix. Reden wir also an dieser Stelle nicht über das Ob, sondern über das Wie. Ist Freitag, der 13., ein guter Tag, um weitere Maßnahmen zu verkünden? Eher nicht, bringt Unglück im Unglück. Aber erfährt man ernsthaft am Samstag, dass ab Montag alle Schulen zu sind?

Der erste Lockdown wurde übrigens auch an einem Samstag, dem 14. (März), ausgerufen. Geschichte wiederholt sich.

Von außen betrachtet sieht man ein entsetzliches Herumeiern bei Fragen, die uns alle betreffen. Und man rätselt, was eigentlich in den vergangenen Monaten geschehen ist, wenn ohnehin klar gewesen sein dürfte, dass uns die zweite Welle eine furchtbare Watsch’n verpasst. Wenn man sich allerdings hineinzufühlen versucht in die Entscheidungsträger, möchte man nicht tauschen. Auch Regierungsmitglieder wissen wohl manchmal nicht weiter. Wär’ fein, wenn sie das auch zugäben. Und nicht erst getrieben von verheerenden Zahlen Pläne schmieden. Die müsste es längst geben.

Apropos Hineinfühlen: Zu den (gesellschaftspolitisch) schrecklichsten Dingen in der Corona-Krise gehören die Ignoranz, das Einzementieren im mentalen Homeoffice (aus dem man dann schwer wieder rausfindet), das Nicht-Zuhören-Können und die überhandnehmende Macht der Vorurteile. Sobald jemand eine Maßnahme im Kampf gegen das Virus kritisiert oder deren Sinnhaftigkeit infrage stellt, kommt sofort der Vorwurf: Eh klar, ein Coronaleugner! Völliger Unsinn: Nicht jeder, der die Richtigkeit der Tests anzweifelt oder diese Gesundheitskrise in einen historischen Rahmen einbettet, negiert automatisch die Gefahr. Meist äußert sich die Angst nur anders.

Die Schriftstellerin (und Richterin) Juli Zeh unterschied zuletzt in einem Kommentar für Die Zeit zwischen konkurrierenden Fundamentalängsten. Der Angst vor dem Virus, also vor Krankheit und Tod; der Angst vor den wirtschaftlichen Folgen der Virusbekämpfung; und der Angst vor der Abschaffung der Demokratie im Zuge des Übergangs zu einer „Fürsorge-Diktatur“.

Ihre Schlussfolgerung ist ebenso klug wie ihre Differenzierung: Der Streit zwischen den unterschiedlichen Angst-Gruppen könne niemals mit einem Gewinner enden, es gehe nicht darum, wer beim Angsthaben am meisten recht habe.

Umgelegt auf unsere aktuelle „Unruhe vor dem Sturm“ – wie der KURIER gestern titelte – bedeutet das wohl, dass wir es nur gemeinsam durch die und aus der Krise schaffen. Dass die gesundheitlich-ökonomisch-politischen Ängste vielleicht sogar denselben Ursprung haben. Dass Demokratie immer Widerspruch bedeutet und es nicht die eine richtige Antwort gibt. Und dass am Ende des Tages das Gemeinwohl über dem singulären steht. Auch am Freitag, dem 13.

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