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Wolfgang Unterhuber

© Kurier

Leitartikel
02/26/2020

Angriff auf die Globalisierung

Die Maßnahmen der Politik von China bis Europa erinnern an jene des Kriegsrechts. Das schadet der Weltwirtschaft mehr als das Virus an sich.

von Wolfgang Unterhuber

So schnell also kann sich die Themenlage ändern. Keine Rede mehr vom Klimawandel. Das Coronavirus ist das beherrschende Thema – zumindest von China bis nach Europa. Abseits des medizinischen Aspekts rückt dabei immer mehr der wirtschaftliche in den Mittelpunkt. Denn der Ausbruch der Seuche zeigt die ganze Verletzbarkeit der global vernetzen Ökonomie. Zugespitzt könnte man es auch so formulieren: Ein Virus attackiert die Globalisierung.

In China wird sich das Wachstum im ersten Quartal von den prognostizierten sechs Prozent auf drei Prozent halbieren. Für die Weltwirtschaft bedeutet das laut ersten Berechnungen ein geringeres Wachstum von 0,1 bis 0,2 Prozentpunkten. Klingt wenig. Doch hinter dieser Zahl verbirgt sich die Zukunft von Zigtausenden Jobs. Und es ist sehr wahrscheinlich, dass die Folgen für die globale Wirtschaft noch stärker ausfallen werden.

Ausgehend von den massiven Einbrüchen in der Autoindustrie, in der Reisebranche, in der Logistik und in der Rohstoffverarbeitung werden die Folgen der Seuche auf alle Branchen übergreifen. Das gilt übrigens auch für Österreich. Österreich hängt zum großen Teil vom Wohl und Wehe der deutschen Autoindustrie ab. Und die wiederum steht und fällt mit China.

Der französische Wirtschafts- und Finanzminister Le Maire bezeichnete die Seuche am Dienstag pathetisch als "Game-Changer für die Globalisierung". Doch genau da liegt das Problem. Die Frage ist nämlich, ob nicht die Politik ihre Spielregeln ändern müsste. Denn das Virus hat das Politbüro in Peking offensichtlich genauso am linken Fuß erwischt wie die Staatskanzleien in Europa. Sichtbarstes Zeichen dieser Ohnmacht sind Maßnahmen, die mehr oder minder an jene des Kriegsrechts erinnern.

Genau diese Maßnahmen aber sind es, die für die globale Weltwirtschaft eine weitaus größere Gefahr darstellen als das Virus an sich. Die Ökonomie wird mit Werksschließungen und Ausgangssperren unter Quarantäne gesetzt. Entsprechend hilflos sind auch Forderungen der (italienischen) Politik nach Konjunkturpaketen (bei völlig leeren Staatskassen) und – kein Witz – nach weiteren Zinssenkungen. Fiskalische Maßnahmen also sollen ein medizinisches Problem lösen, für das die Politik kein Krisenszenario entwickelt hat, obwohl dies seit BSE, SARS oder Ebola irgendwie auf der Hand gelegen wäre. Logik sieht jedenfalls anders aus.

Bei aller Tragik hat das Virus aber vielleicht auch sein Gutes. Im Zuge der Klimadebatte wird die Wirtschaft gerne als das Böse schlechthin dargestellt. Das Coronavirus macht den Menschen bewusst, dass die Wirtschaft der Ast ist, auf dem wir alle sitzen.