Martina Salomon

KURIER-Chefredakteurin Martina Salomon

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Leitartikel
05/05/2020

And the winner is …

Das Virus könnte am Ende die wirtschaftliche Vormachtstellung der USA festigen, während in Europa nur moralisiert wird.

von Martina Salomon

Die Dunkelziffer der Infizierten ist also niedriger als gedacht. Das ist Wasser auf die Mühlen beider Seiten in einem zunehmend gespaltenen Land. Die einen werden sich bestätigt fühlen, dass die Maßnahmen, die zur schlimmsten Weltwirtschaftskrise der Geschichte geführt haben, völlig unverhältnismäßig waren. Die anderen werden es als Erfolg des Shutdown betrachten und vor verfrühtem Leichtsinn warnen.

In spätestens einem Jahr ist eine schonungslose Analyse angesagt. Was wir jetzt schon wissen: 1.) Kaum ein Land war auf eine Pandemie vorbereitet, obwohl seit Jahren Gesundheits- und Militärexperten davor warnten. 2.) Die Welt beobachtete im Winter interessiert, aber teilnahmslos die Entwicklung in China. 3.) Wir werden, um uns wieder frei bewegen zu können, wahrscheinlich einen Teil unserer Persönlichkeitsrechte opfern. (Außer das Virus verschwindet so schnell, wie es gekommen ist – auch das ist möglich.) Kanzler-Beraterin Antonella Mei-Pochtler hat das Contact-Tracing und andere Technologien in einem Interview mit der Financial Times unverblümt angesprochen. "Das wird Teil der neuen Normalität sein", sagte sie – und ist damit nicht allein. Auch die Leiterin des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten trat gestern für das "Werkzeug" der Handy-App ein. Das erleichtert die Nachverfolgung der Kontaktpersonen von Infizierten. Als europäisch denkender Mensch sträubt man sich mit jeder Faser gegen diesen Gedanken. Aber während am alten Kontinent noch darüber moralisiert wird, entwickelt Apple gemeinsam mit Google bereits so eine App. Man kann sich ausmalen, womit wir demnächst ausgestattet werden: eher nicht mit der österreichischen Rot-Kreuz-Variante.

Verpufftes Geld

Durchaus ähnlich wird es bei der sehnsüchtig erwarteten Impfung sein. Wenn die EU nicht den Pharmafirmen einen Teil des Risikos abnimmt und den Zulassungsprozess beschleunigt, wird das große Geld außerhalb Europas verdient. Bei einer Pandemie geht es ja um Milliarden Impfdosen und entsprechend neue Produktionsstrukturen, die die Firmen dafür aufbauen müssen. Verschwindet das Virus vor der Marktreife einer Impfung, ist das Geld verpufft.

Die EU hat am Montag immerhin eine "Online-Geberkonferenz" mit Dutzenden Ländern und Organisationen gestartet. In einem ersten Schritt sollen 7,5 Milliarden Euro gesammelt werden, damit neue Mittel allen Ländern auf der Welt zugänglich gemacht werden. Nur einer fehlte: die USA. Sollte dort ein neuer Wirkstoff gefunden werden, so herrscht mit Sicherheit wieder das Prinzip "America first". Amerika fackelt nicht lange mit Spenden herum, sondern garantiert seinen Konzernen Milliardengewinne. Am Ende des Tages könnte das Virus die wirtschaftliche Vormachtstellung der USA wieder gefestigt haben.