© APA - Austria Presse Agentur

Leitartikel
11/07/2021

2-G-Pflicht und die Lehren aus dem „Schnitzelsturm“

Wenn es um die Bedürfnisse des Menschen geht, ist er auch bereit, den inneren Schweinehund zu überwinden – und impfen zu gehen

von Richard Grasl

Irgendwie hatte die Neuauflage von „Wetten, dass..?“ am Samstagabend etwas Tröstliches. Es war, als wäre die Zeit vor Corona stehen geblieben – und das mochten die Zuseher. Thomas Gottschalk glänzte, vergaß wie immer einige Namen der Gäste, Michelle Hunziger war adrett und schlagfertig. Eine große Show aus einer schönen Zeit. Damals war das Klimaproblem zwar auch schon evident, denn wir verzeichneten bereits eine Reihe heißester Sommer aller Zeiten. Doch wir schenkten dem Thema so viel Beachtung wie dem angeblich jährlich aus China kommenden schlimmen Virus. Dieses wurde immer angekündigt. Nur gekommen ist es nie. Bis Corona kam, und wir trotzdem zu wenig Schutzmasken, Ausrüstung und Pläne hatten.Seit heute geht ein Graben durch die Gesellschaft. Ungeimpfte müssen draußen bleiben, aus Gasthäusern, Stadien, Kinos und beim Frisör. Arbeiten gehen darf man als Ungeimpfter gerade noch. Der Graben ist furchtbar, aber er ist unumgänglich.

Jeder kann sich durch einen Stich entscheiden, ein Stückchen davon zuzuschütten. In ganz Europa steigen die Infektionszahlen dramatisch, außer dort, wo es eine hohe Durchimpfung gibt. In Frankreich sind 90 Prozent der Erwachsenen geimpft. Die Inzidenz beträgt 55, etwa ein Zehntel jener in Österreich. In den USA denkt man über eine Impfverpflichtung für Schüler nach. In Deutschland sprechen sich 57 Prozent für eine Impfpflicht für alle Erwachsenen aus. Deutsche Zeitungen titelten am Wochenende mit „Wieder nichts gelernt“ (Süddeutsche Zeitung) und „Der dritte Winter der Ratlosigkeit“ (Welt). Auch in Österreich sind sich Politiker und Experten nicht sicher, ob die am Freitag verkündeten Maßnahmen ausreichen, um einen neuen Lockdown für alle zu verhindern. Vizekanzler Koglers Antwort auf die Impfpflicht-Frage in der ORF-Pressestunde war zwar weiterhin ein Nein, aber das kam vom grünen Parteichef auch schon mal deutlicher und nicht im Konjunktiv nach langer Nachdenkpause.

Die Impfung ist und bleibt wohl das einzige Mittel, wie wir das Coronavirus halbwegs unter Kontrolle bringen können. Daher sollte es die Regierung nun zur höchsten Priorität erklären, die Quote in die Höhe zu bringen. Seit dem „Schnitzelsturm“ am Wochenende auf die Impfbusse im ganzen Land sieht man, dass durch das Ansprechen bestimmter Bedürfnisse die Menschen doch bereit sind, den inneren Schweinehund zu überwinden. Sogar kühle Rechner wie Wifo-Chef Gabriel Felbermayr sprechen sich mittlerweile für Impflotterien wie im Burgenland aus. Bei Kosten eines zweimonatigen Lockdowns von zwei Milliarden Euro könne man sogar 200 Millionen Euro Gewinn ausschütten, schreibt er in einem Gastkommentar im Standard. Und wenn wirklich alles nichts hilft, wird man auch über eine Impfpflicht reden müssen. Diese wurde viel zu früh verworfen, doch auch hier könnte die Politik mutiger werden. Denn eine Impfpflicht gab es schon, und sie wäre rechtlich auch zulässig. Sonst werden wir auch den vierten und fünften Lockdown-Winter erleben. Wetten, dass ..?

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.