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07/23/2021

Erreichen Corona-Infos migrantische Communities?

Mit dieser Frage beschäftigte sich die Studie „COVID-19 und Migrationshintergrund“ der WU Wien.

von Naz Kücüktekin

Welche Maßnahmen gelten eigentlich ab wann? Brauche ich eine FFP-Maske oder reicht auch ein Mund-Nasen-Schutz? Wann und wie werde ich geimpft? Seit Beginn der Corona-Krise begleiten uns täglich viele offene Fragen. Die Pandemie ist nicht nur eine Gesundheitskrise, sondern auch eine Informationskrise. Dass gerade in solchen Extremsituationen alle wichtigen Fakten bei der gesamten Bevölkerung ankommen, ist von maßgeblicher Bedeutung.

    Menschen mit Migrationshintergrund wurden und werden in diesem Zusammenhang oft genannt, und in den Raum gestellt, ob die Gruppe tatsächlich erreicht wird. Das beschäftigte jüngst auch Forscher der Wirtschaftsuniversität Wien. In Kooperation mit dem nationalen Planungs- und Forschungsinstitut Gesundheit Österreich wurde nun die Studie „COVID-19 und Migrationshintergrund- Erreichbarkeit, Umgang mit Maßnahmen und sozioökonomische Herausforderungen von Migranten und Migrantinnen und Geflüchteten“ veröffentlicht. Die Ergebnisse zeichnen ein differenziertes Bild.

    Hohe Kompetenz bei Einschätzung der Quellen

    „Die österreichische Gesellschaft ist wesentlich durch Migration bestimmt: Aktuell sind zwei von zehn in Österreich lebenden Menschen im Ausland geboren“ wird gleich zu Beginn die Studie begründet. Befragt wurden Personen mit Westbalkan-Migrationshintergrund, mit türkischer/kurdischer Abstammung, sowie Konventionsflüchtlinge und subsidiär Schutzberechtige aus Syrien, Irak und Afghanistan, die in Wien und Umgebung leben.

      In den Ergebnissen wird festgehalten, dass Menschen mit Migrations- und Fluchthintergrund in Österreich verschiedenste Informationskanäle nutzen, um gesundheitsrelevante Informationen einzuholen. Diese sind zum Teil auch sehr spezifisch und für Frauen und Männer unterschiedlich. Grundsätzlich zeige sich eine gewisse (teils hohe) Quellenkompetenz, was die Einschätzung der Seriosität von Quellen betrifft (Österreichische Rundfunk vs. Social Media ).

      Information per Zufall 

      Jedoch: Ob und wie Informationen, die aus Sicht der Regierung bzw. der Fachleute für die gesamte Bevölkerung wichtig sind, bei Menschen mit Migrations- und Fluchthintergrund ankommen, bleibt derzeit eher dem Zufall überlassen. Denn die Verbreitung relevanter Information erfolgt häufig über Initiative aus den verschiedenen Communities oder einzelne Schlüsselpersonen, die etwa im Gesundheitsbereich arbeiten.

      Ein ausgeprägtes soziales Umfeld scheint vor allem für geflüchtete Menschen eine wesentliche Rolle spielen. Dieses kann nämlich dabei helfen, Kommunikationshürden zu überwinden. Neben Fragen der Kommunikation und Erreichbarkeit zeigen sich auch verstärkte sozioökonomische Herausforderungen für Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund, die teils durch die Pandemie entstanden, teils durch sie verstärkt wurden. Der lockdownbedingte Abbau von Sozialkontakten, sowohl innerhalb der Community als auch zur Wohnbevölkerung, betraf vor allem Neuangekommene stark und wirkte sich auch auf ihr berufliches Vorankommen aus.

        Viele arabische und afghanische Teilnehmer/innen berichteten etwa von großen Schwierigkeiten, mit der Mehrheitsgesellschaft in Kontakt zu treten. Diese wären zwar bereits vor der Pandemie gegeben gewesen, hätten sich durch Corona aber noch drastisch verschärft. „In Bezug auf Österreicher und andere Nationalitäten gibt es eine große Gruppe von ihnen, die nicht gerne mit uns in Kontakt treten, mit oder ohne Corona. Wir haben vor Corona viel versucht, um mit Österreichern in Kontakt zu treten, auch um die Sprache zu lernen, und man konnte spüren, dass sie das Ablehnen. Mit Corona wurde es schlimmer, weil sie Angst vor dem Virus haben“, sagt ein Mann mit afghanischen Migrationshintergrund.

        Von den befragten Personen mit BKS-Hintergrund wurde zudem wahrgenommene Ablehnung durch Politiker/innen thematisiert. Die im Sommer 2020 über die Medien transportierten Schuldzuweisungen („das Virus reist mit dem Auto ein“) wurden so interpretiert, dass damit vor allem jene Menschen gemeint waren, die zu Familienbesuchen in die Heimat gefahren sind, aber nicht Touristen. "Die Adressierung von Österreicher/inne/n (vor allem in Pressekonferenzen) führte dazu, dass sich Menschen mit anderen Nationalitäten, unabhängig von der Aufenthaltsdauer und dem Aufenthaltsstatus, als nicht zugehörig fühlten. Das führte bei manchen Teilnehmerinnen zu der Wahrnehmung, dass die verkündeten Regeln nicht für die gesamte Bevölkerung gelten, bzw. zu Enttäuschung", heißt es in der Studie.

          Was kann man machen?

          Um die Kommunikation zu verbessern, und das Ankommen der Information in Zukunft nicht mehr vermehrt dem Zufall zu überlassen, schlägt die Studie folgende Handlungsmöglichkeiten vor:

          • Große TV-Sender und Tageszeitungen sollen mehrsprachige Nachrichten anbieten. Zum Beispiel als Zusatzangebot im Internet und auf den eigenen Social Media Kanälen
          • Corona-Sprechstunden für Communities anbieten, um Austausch und Gespräche auf Augenhöhe zu ermöglichen.
          • Engere Kooperationen mit den Vereinen der unterschiedlichen Communities und jenen Initiativen, die im Zuge des Fluchtherbstes 2015 entstanden sind und teils sehr enge Kontakte zu ihren Mitgliedern pflegen.
          • Ausbildung von Peer-to-Peer „Corona-Lotsen“ in den Communities (siehe Box)
          • Massiver Ausbau der vorhandenen Impfinformationen - niederschwelliger und zielgruppengerecher. Hier könnten „Impf-Role-Models“ aus der Community wie beispielsweise Pflegekräfte, Ärzte und Arztinnen sowie Systemerhalter und Systemerhalterinnen Beitrag leisten, um die Impfbereitschaft zu erhöhen.
          • Bereitstellung der Website „Österreich impft“ und seiner umfassenden FAQ in den wichtigsten Migrantensprachen (BKS, Türkisch, Rumänisch, Arabisch, Farsi).

          „Corona-Lotsen“ sind spezielle Gesundheitslotsen, die Personen mit Migrations- und Fluchthintergrund während der Pandemie unterstützen und als erste Anlaufstelle dienen können. Sie haben in der Regel selbst Flucht- oder Migrationshintergrund mit mehrsprachiger Kompetenz. Sie können an relevante Stellen im Gesundheits-, Arbeits- oder Sozialsystem weiterverweisen und/oder zu Ärzten und Anlaufstellen begleiten. Pilotprojekte dieser Form wurden im Zuge der Fluchtbewegung 2015 von der Deutschen Akademie der Wissenschaften angeregt.

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