Im letzten Schuljahr sollen 80 Prozent der Kinder aus Deutschförderklassen nach einem Jahr in die Regelklasse gewechselt sein, so das Ministerium.  

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09/09/2021

Warum Deutschförderklassen immer noch umstritten sind

Das Fördersystem für Kinder mit unzureichenden Deutschkenntnissen gibt es nun seit drei Jahren. Ein Logopäde kritisiert das System, das Ministerium hält daran fest.

von Naz Kücüktekin

Als die Deutschförderklassen ins Leben gerufen wurden, war die Aufregung groß, die Stimmen dagegen laut. Dann wurde es aber ruhiger um die im Schuljahr 2018/2019 gestarteten Klassen, in denen Schüler, die dem Unterricht aufgrund unzureichender Sprachkenntnisse nicht folgen können, eigens unterrichtet werden. Doch fördern sie auch tatsächlich die Kinder, die es brauchen?

Ali Dönmez sagt Nein. Der Logopäde ist Initiator der Petition "Lasst Kinder gemeinsam lernen!" Fast 12.000-mal wurde bisher unterschrieben, damit "die Deutschförderklassen durch ein schulautonom adaptierbares Modell ersetzt werden". Ende Mai wurden die ersten 10.000 Unterschriften auch an den Bildungsminister übergeben. "Allerdings hatte er sich unseren Petitionsbrief vorher nicht mal durchgelesen", sagt der gefrustete Dönmez.

Spaltung der Kinder

Für ihn geht es vor allem um die dadurch benachteiligten Kinder. Größter Kritikpunkt der Petition ist die Trennung und Stigmatisierung der Schüler. "Dass Kinder in einzelne Klassen gesteckt werden, sorgt für eine Spaltung. Mir berichten immer wieder Lehrer und Lehrerinnen sowie Eltern von Vorfällen und Hänseleien", sagt Dönmez, der auch pädagogische Zweifel hat. "Förderung ist etwas Gutes. Aber in solchen Gruppen wird Deutschlernen geplant und technisch angeeignet und kann kaum interaktiv und forschend verwendet werden". Auch wie Kinder überhaupt in diese Klassen kommen, stellt Dönmez infrage: "Es gibt kein einheitliches System dafür. Die Schulautonomie entscheidet, wer diesen MIKA-D-Test machen muss. Ein 'falscher' Nachname bzw. eine 'falsche' Muttersprache und schon kann man zu so einem Test verdonnert werden. Wenn das nicht struktureller Rassismus ist, was dann?", so Dönmez.

Beim sogenannten MIKA-D-Test, der in wissenschaftlichen Fachkreisen äußerst umstritten ist, handelt es sich um ein 1:1-Setting, bei dem die Schulleitung oder eine Lehrkraft die Durchführung und auch die Bewertung der Sprachkompetenz vornimmt. In mehreren Testphasen werden Wortschatz sowie Verbstellung und Satzverständnis der Kinder überprüft. Kinder, die ihn nicht bestehen, werden als außerordentliche Schüler eingestuft und müssen für mindestens ein Semester eine Deutschförderklasse besuchen. Vier Semester sind das Maximum. In dieser Zeit verbringen sie den Großteil des Unterrichts getrennt von der Regelklasse. Das Unterrichten einer solchen Klasse stellt für viele Lehrkräfte eine Herausforderung dar, da ein sehr großer Teil davon keine zusätzlichen Qualifikationen zum Unterrichten von Kindern mit einer anderen Erstsprache als Deutsch hat.

Schwierige Mischung

„Die Heterogenität der Gruppen erschwert die Situation außerdem zusätzlich. Zudem frage ich mich: Passen Integration und die Trennung der Kinder in separaten Klassen überhaupt zusammen?“, so eine Lehrerin, die namentlich nicht genannt werden möchte. Ein Jahr lang hat sie selbst eine derartige Klasse unterrichtet. Keine Gruppierungen zuzulassen, hält auch sie für wichtig. „Die Kinder wissen dann ganz genau, dass sie wegen eines Defizits nicht in der Regelklasse sein dürfen“, betont die Lehrerin.

Sie und Dönmez sind sich einig, dass gemeinsame Klassen mit zusätzlicher Förderung, für jene, die es benötigen, sinnvoller wären. „Bei den Deutschförderklassen hört Sprachförderung zudem auch nach spätestens zwei Jahren auf. Und was dann? Auch Kinder mit Lern- oder Sprachschwierigkeiten werden damit nicht mitgedacht“, betont Dönmez.

Ein Drittel schafft den Sprung

Im Bildungsministerium ist man weiterhin überzeugt von diesem System. "Im vergangenen Schuljahr wechselten 80 % nach einem Jahr in die Regelklasse. 32 % davon konnten gleich als ordentliche Schüler geführt werden, 48 % hingegen mussten weiterhin Deutschförderkurse besuchen. 16 % der Schüler verblieben in der Deutschförderklasse, 4 % waren nicht mehr in Österreich", erklärt Pressesprecherin Barbara Knob.

Im Schuljahr 2020/’21 waren im Bereich der allgemeinbildenden Pflichtschulen rund 5,5 Prozent aller Schüler und Schülerinnen in einer Deutschfördermaßnahme (Deutschförderklasse oder Kurs). Für das heurige Schuljahr werden ähnliche Tendenzen erwartet. Die genauen Zahlen stehen aber erst nach der ersten Schulwoche fest. Da können sich Schüler, die in der Sommerschule waren, nochmals beim MIKA-D-Test versuchen.

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