In Jugoslawien musste es mit der Impfung schnell gehen. Schließlich stand Titos Geburtstag vor der Tür.

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12/15/2021

Wie Jugoslawien in drei Monaten eine Epidemie wegimpfte

1972 brachte ein Kosovare das Pockenvirus von einer Pilgerreise mit. Dieses breitete sich rasch aus, wurde aber ebenso rasch gestoppt. Wie?

von Mirad Odobašić

Als Ibrahim Hoti am 15. Februar 1972 heimkehrte, fühlte er sich schlapp. Kein Wunder, hatte der Kosovo-Albaner doch gerade eine lange Reise hinter sich. Der gläubige Moslem erfüllte sich einen Lebenstraum, indem er die heiligen Orte Mekka und Medina in Saudi-Arabien und einige weitere Pilgerstätte im benachbarten Irak besuchte. Die Gliederschmerzen sowie die körperliche Abgeschlagenheit am Tag nach der Heimkehr schrieb er der langen und anstrengenden Busfahrt zu. 

Hoti war aber bald klar, dass die Reisestrapazen allein seinen gesundheitlichen Zustand nicht erklärten. Zur Allgemeinschwäche hatten sich inzwischen Fieber und Ausschlag gesellt. Der 38-Jährige aus dem kleinen Dorf Damjane nahe der im Südwesten Kosovos gelegenen Stadt Đakovica (albanisch: Gjakova) musste zuerst in einem lokalen Krankenhaus hospitalisiert werden. Nachdem sich sein Zustand aber zunehmend verschlechtert hatte, folgte die Überstellung in eine Belgrader Klinik. Die Ärzte nahmen anfangs an, dass sein Körper falsch auf Antibiotika reagierte. Als an seinem Körper aber ein Hautausschlag ausbrach, machte sich Panik breit. Das Krankenhauspersonal wurde sofort isoliert. Man wusste nicht, womit man es zu tun hatte. Die damaligen Vorkommnisse sind breit dokumentiert und finden sich in den Archiven (ex-)jugoslawischer Medien.

Erstes Opfer

Derweil entwickelte in Hotis Heimatgemeinde auch ein gewisser Latif Mumdžić dieselben Symptome. Es ist nicht bekannt, ob der 30-jährige Lehrer, der gerade in einer Schule in Đakovica angeheuert hatte, Kontakt zu Hoti hatte. Man geht davon aus, dass Mumdžić von Freunden oder Verwandten Hotis angesteckt wurde oder aber diesem zufällig im Vorbeigehen auf der Straße streifte.

Als Mumdžić am 5. März das örtliche Krankenhaus aufsuchte, versuchten die Ärzte, sein Fieber mit Penicillin zu behandeln. Erfolglos. Da sich sein Zustand nicht verbesserte, brachte ihn sein Bruder wenige Tage später in ein Krankenhaus in das 150 Kilometer entfernte Čačak in Serbien. Dort konnten ihm die Ärzte aber auch nicht helfen, also wurde er ins Allgemeine Krankenhaus in Belgrad gebracht. Am 9. März diente Mumdžić Medizinstudenten und Mitarbeitern als Beispiel für eine atypische Reaktion auf Penicillin. Dies klang als eine plausible Erklärung für seinen Zustand.

Am nächsten Tag erlitt Mumdžić massive innere Blutungen und verstarb noch am selben Abend. Als Todesursache wurde eine "allergische Reaktion auf Penicillin" angegeben. Tatsächlich starb er an den Folgen einer Pockenvirus-Erkrankung. Ibrahim Hoti, der als "Patient Null" in die Annalen einging, erholte sich hingegen von der Krankheit. Jugoslawischen Medien zufolge hatte er sich zwei Monate zuvor gegen die Pocken impfen lassen. 

Vor seinem Tod steckte Mumdžić (oder Hoti?) 38 Menschen an. Darunter waren neun Ärzte und Krankenschwestern, von denen acht starben. Wenige Tage nach Mumdžićs Tod brachen in der gesamten Provinz Kosovo 140 Pockenfälle aus. Insgesamt 175 Menschen infizierten sich mit "Variola vera", davon starben 35 an den Folgen der Viruserkrankung. Besonders betroffen war das Belgrader Krankenhaus.

Schnelle Reaktion

Die jugoslawischen Behörden reagierten schnell. Sofort wurde der Ausnahmezustand ausgerufen. Die Behörden begannen, Dörfer und Stadtviertel, in denen Verdachtsfälle verzeichnet worden waren, mit Stacheldrahtzaun abzusondern. Außerdem wurden Verbote öffentlicher Versammlungen eingeführt, Grenzen geschlossen und alle Reisen - außer den notwendigsten - untersagt.

Die Hotels wurden vom Militär übernommen. Darin wurden 10.000 Menschen, die möglicherweise Kontakt zu Infizierten hatten, beherbergt und vom Militär bewacht. Gleichzeitig begann die wohl größte Impfkampagne in der Geschichte des damals 20,5 Millionen Menschen zählenden Vielvölkerstaates. Unterstützung erhielt Jugoslawien von der Weltgesundheitsorganisation. Der weltweit führende Pocken-Experte Donald Henderson wurde eingeflogen, um den jugoslawischen Medizinern mit Rat und Tat zu helfen. 

Die Frage nach der Impfpflicht stellte sich in dem kommunistischen Land nicht. Die Vorgabe der Regierung war klar: Jeder muss sich impfen, ohne Wenn und Aber. Das Ergebnis war beeindruckend: Innerhalb von nur wenigen Wochen wurden 18 Millionen Jugoslawen geimpft. Allein in Belgrad wurden 727 Impf-Punkte erstellt, an denen sich innerhalb von nur zehn Tagen 1,8 Millionen Menschen den Stich holten. 

Impfstoff kam aus der ganzen Welt

"Als uns der Institutsleiter sagte, dass es sich hierbei um 'Variola vera' handelt, haben wir sofort alle Mitarbeiter geimpft. Die ersten Impfdosen kamen aus Zagreb. Als unsere Vorräte aufgebraucht waren, wurde Jugoslawien aus der ganzen Welt mit Nachschub versorgt. Nach eineinhalb Monaten haben wir schon 18 Millionen Menschen die Vakzine verabreicht. Das entspricht einer Impfquote von über 90 Prozent", sagt der pensionierte Epidemiologe Dr. Radmilo Petrović, der 30 Jahre lang am Institut für Immunologie und Virologie "Torlak" gearbeitet hat. 

Ihm zufolge machte es der Umstand, dass der Pockenimpfstoff seit 150 Jahren existiert, einfacher, die Epidemie einzudämmen. "In Serbien wird seit 1839 gegen Pocken geimpft, als das Gesetz über die obligatorische Impfung gegen Pocken verabschiedet wurde. Wir konnten also zurückgreifen auf Tradition, Wissen, Erfahrung, alles", erinnert sich Petrović.

Anreiz

Einen zusätzlichen Anreiz, die Epidemie so rasch wie möglich zu einem Ende zu bringen, hatten die Jugoslawen auch noch: Josip Broz Tito feierte in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag. Mit dem unangefochtenen Staatsgründer machte sich das ganze Land bereit, für die am 25. Mai geplanten Feierlichkeiten. Doch wie ging eigentlich der große Staatsmann mit dieser Lage um?

"Tito hat es nicht nötig, um die Wählerstimmen zu kämpfen - er trat während der Epidemie kein einziges Mal im Staatsfernsehen auf", verriet im Gespräch mit BBC Serbia der Epidemiologe Zoran Radovanović, der damals an der ersten Frontlinie gegen die größte jugoslawische Epidemie kämpfte. "Das hat er anderen überlassen, und er hat sich sicherlich nicht gedemütigt, in dem er Impfstoffe nach Novi Pazar oder sonst wo brachte". 

Bis zum 19. Mai 1972, dem Tag an dem der letzte genesene Patient das Krankenhaus verließ, dauerte offiziell die jugoslawische Pockenepidemie. Sechs Tage später fanden im vollen "Stadion der Jugoslawischen Volksarmee" in Belgrad die traditionellen Feierlichkeiten anlässlich von Titos Geburtstag statt.

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