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12/11/2021

"Lasst Brüder nicht kämpfen": Wie Krawalle in Favoriten aufgearbeitet werden

Eineinhalb Jahre danach reden Jugendliche, die bei den gewalttätigen Auseinandersetzungen dabei waren, darüber. Und wie sie heute darüber denken.

von Naz Kücüktekin

"Mir war fad“, erinnert sich Cengiz an den 25. Juni, als er eine Nachricht aufs Handy bekam. "Ein Kurde hat einer Schwester das Kopftuch runtergezogen. Kommt alle Reumann“. "Ich dachte mir: Passt. Aktion. Da bin ich dabei“, erzählt Cengiz. Für den 17-Jährigen klang es nach Spaß.

Für die meisten Außenstehenden war es eine der heftigsten Ausschreitungen des Jahres, wenn nicht sogar der vergangenen Jahre. Auch Tage und Wochen danach war davon noch zu lesen. Türken gegen Kurden. Faschisten gegen Linke. Konflikte aus dem Ausland, die mitten in Wien ausgetragen werden. Integration. Gescheitert?  

Drei Tage voller Gewalt

Alles begann mit einer Versammlung von hauptsächlich kurdischen Demonstranten. Diese wollten kurdischen Frauen gedenken, die kurz davor bei einem türkischen Luftanschlag nahe der Stadt Kobanê auf der syrischen Seite der Grenze ums Leben gekommen waren. Die friedliche Demonstration wurde vor allem von türkischstämmigen und extremistisch eingestellten jungen Männern gestört, die Demonstranten attackierten. Es gibt zahlreiche Videos, auf denen der in Österreich verbotene Wolfsgruß, ein Symbol der ultranationalistischen türkischen Bewegung „Graue Wölfe“, zu sehen ist. Die Demonstranten flohen ins nahegelegene linksautonome Ernst-Kirchweger-Haus (EKH) und verbarrikadierten sich dort.

Die Polizei griff hart gegen die Auseinandersetzungen durch. Sogar die Wega musste gegen den faschistischen Mob einschreiten. Doch die Lage sollte noch weiter eskalieren, die Ausschreitungen in Favoriten drei Tage dauern.

Vier ausgeforschte Rädelsführer und zehn erwischte Täter wegen Verstößen gegen das Symbolgesetz waren die Bilanz. Sieben Polizisten und ein Diensthund wurden verletzt, ein kurdischer Journalist krankenhausreif geprügelt.  "Es war eine in dieser Intensität bisher kaum bekannte Gewaltbereitschaft", sagte der damalige Innenminister Karl Nehammer über die Ausschreitungen.

Der türkische Botschafter Ozan Ceyhun wurde zum damaligen Außenminister Alexander Schallenberg zitiert. Der Verfassungsschutz begann in dem Fall zu ermitteln, die Staatsanwaltschaft Wien setzte eine eigene Sonderstaatsanwältin ein. Die Ausschreitungen beschäftigten Medien und Politik noch eine Weile. Verschiedenste Menschen ergriffen das Wort.

Lasst Brüder nicht kämpfen

"Aber niemand fragte die Jugendlichen“, erzählt Pamina Gutschelhofer, Sozialarbeiterin bei Juvivo 21. Für ihre Bachelor-Arbeit beschäftigte sie sich mit den Ausschreitungen und interviewte dutzende Jugendliche, die dort waren. Wie konnte es so weit kommen? Wieso waren überhaupt so viele Jugendliche dort? Welche Ideologien stecken dahinter? 

Aus den Gesprächen entstand „Bro und Kontra – Lasst Brüder nicht kämpfen“ – ein Videoprojekt, das die Geschehnisse in Favoriten, inspiriert von den Erzählungen der Jugendlichen, die dort waren, durchleuchtet und aufarbeitet. Die Message des Projektes ist: Wir alle sind Brüder, egal ob Türken oder Kurden.

Passt. Aktion

Die Nachricht, die Cengiz, einer der Darsteller in dem Videoprojekt, bekam, ging an jenem Abend an viele. „In wenigen Stunden wurden bis zu 500 Menschen mobilisiert. Das ist zwar mit sozialen Medien kein großes Kunststück, aber ein Phänomen, dass uns noch nicht so oft begegnet ist“, analysierte der Landespolizeivizepräsident Franz Eigner die Geschehnisse.

„Es war extrem laut. Polizei. Hubschrauber. Es war überall Rauchgas. Irgendwann wurden wir all in einem Park eingekesselt. Dann hat die Polizei alle Ausgänge versperrt und die Hunde losgelassen“, erinnert sich Cengiz zurück. „Da hatte ich schon Angst“, gibt der Teenager zu. Aber er sei ja schnell. Ihn könne man nicht erwischen. Mit Bekannten floh er in die Wohnung eines Freundes in der Nähe. „In Favoriten brauchst du nur eine Person zu kennen. Dann kennst du alle anderen auch“, erzählt er.  „Mich wundert es aber eigentlich schon, dass mich die Polizei nicht gefunden hat. Die haben doch Kameras überall?“, fragt er sich.

Die Existenz der Kurden wurde im Osmanischen Reich nie in Zweifel gezogen und noch in den 1920er Jahren sorgte die Verwendung des Begriffes „Kurdistan“ in offiziellen Dokumenten nicht für Widerspruch. Mustafa Kemal  Atatürk, Gründervater der Türkischen Republik, selbst sprach in einem Interview mit Journalisten Anfang 1923 noch offen über die Möglichkeit einer kurdischen Autonomie.

Nach Abschluss des Lausanner Vertrages änderte sich das jedoch grundlegend. Die Türkei betrieb eine Assimilierungspolitik gegenüber den Kurden und leugnete kulturelle und ethnische Unterschiede. So wurde versucht, die Kurden als ein türkisches Volk darzustellen, das aus Zentralasien eingewandert ist. Die Kurden galten im Sprachgebrauch als Bergtürken. Der offizielle Gebrauch der kurdischen Sprache war lange Zeit verboten und wurde erst unter Recep Tayyip Erdoğan erlaubt.

Die Kurden bezeichnen sich selbst als "größtes Volk ohne Land". Die Kurden in der Türkei stellen mit schätzungsweise 19 Prozent der Gesamtbevölkerung (ca. 15 Millionen) die größte ethnische Minderheit in der Türkei dar. 

Insgesamt leben zwischen 25 und 30 Millionen Kurden zwischen der Türkei und Iran. Einen eigenen Staat, der sich über das komplette Gebiet der kurdischen Bevölkerung erstreckt, hat es nie gegeben. Der Traum viele Kurden von einem Staat namens "Groß-Kurdistan" lebt weiter.   

Cengiz ist auch an den zwei folgenden Krawallen in Favoriten noch mit dabei. Warum er nach dem ersten Tag noch weiter hingegangen ist? So richtig scheint er darauf keine Antwort zu haben. „Irgendwann wusste eigentlich niemand mehr, warum man überhaupt dort ist oder worum es geht. Keiner hat sich das gefragt“, sagt Cengiz. „90 Prozent von denen, die dort waren, waren wahrscheinlich wie ich. Und 10 Prozent wirklich aus Stolz dort.“

Auch bei der Sache mit der Schwester, der das Kopftuch heruntergezogen wurde, wisse bis heute niemand, ob das wirklich passiert sei. „Es gibt so viele Geschichten zu diesen Tagen“, sagt Atilla.

"Mit 13 war jeder ein Grauer Wolf“

Er und Mert bekamen die Nachricht ebenfalls. „Ich habe zuerst auch überlegt hinzugehen. Aber dann dachte ich mir: Nein, das ist voll unnötig, für sowas riskiere ich nicht mein Leben“, erzählt der mittlerweile 16-jährige Mert. „Ich wollte eigentlich hingehen. Wurde aber von einem Abi  davon abgehalten“, sagt der 16-jährige Atilla. Abi steht im Türkischen für „älterer Bruder“. Verwandt muss man allerdings nicht unbedingt sein, um jemanden Abi zu nennen. Vielmehr steht der Begriff für eine ältere, männliche Person, der Respekt gebührt.Das kann jeder im Umfeld sein, zu der man aufsieht.  

Das Wort „Abi“ fällt oft, wenn es um die „Grauen Wölfe“ (tr. Bozkurtlar“) geht. Cengiz, Mert und Atilla haben sich früher mit der extremistischen Ideologie identifiziert. „Mit 13 war jeder ein Bozkurt“, sagt Cengiz. „Aber da hat man auch keine Ahnung, was das bedeutet“, erzählt er. Für ihn hieß es einfach Türke zu sein. „Wenn ich jemanden kennengelernt habe, und er war auch ein Bozkurt, dann hieß es einfach: Passt. Ein Wort und man war befreundet“, so Cengiz. Die zwei anderen Burschen nicken als er das sagt. Mittlerweile wisse man, wie falsch das sei. „Wir hatten alle Abis, die uns irgendwann aufgeklärt haben“, sagt Atilla. „Nur Kinder unterstützen die Bozkurt. Und zu viel Nationalstolz ist auch nicht gut“.

Feindbild Kurden: Die „Grauen Wölfe“ sind eine türkisch-nationalistische Gruppe, Sie bezeichnen sich selbst als „Idealisten“ und träumen von einem großtürkischen Reich. Kurden, Aleviten und auch Juden sehen sie als ihre politischen Gegner. In den vergangenen Jahren hat sich ihre Ideologie mit dem politischen Islam verbunden. Zeitgleich sind die „Grauen Wölfe“ eine Art Jugendkultur, die für Männlichkeit und Nationalismus steht. Neben dem Wolfsgruß gehört eine Flagge mit drei Mondsicheln zu ihren Erkennungszeichen.

Gut organisiert: In Österreich werden die „Grauen Wölfe“ durch die österreichisch-türkische Föderation (ATF) vertreten. Sie betreibt rund 20 Moscheevereine, vor allem in Wien und Oberösterreich. Offiziell agiert die Föderation als Kulturverein, der sich für ein friedlicheres Zusammenleben in Österreich einsetzt. Wirft man einen Blick auf die Aktivitäten des Vereins, tauchen immer wieder Bilder vom Wolfgruß (seit März 2019 in Österreich verboten) sowie eindeutige Sympathiebekundungen zur rechtsextremen, türkischen Partei MHP auf. Wie viele Anhänger sie haben, ist schwer zu schätzen.

Verbindung in die Türkei: Die „Grauen Wölfe“ sind Anhänger der ultranationalistischen MHP-Partei, dem Juniorpartner der regierenden Partei von Präsident Recep Tayyip Erdogan. Sie soll wichtige Entscheidungen der  österreichisch-türkischen Föderation von der Türkei aus lenken. 

“Tamam, Abi”

Ein Abi war es auch, der Cengiz’ Ausflug in Favoriten beendete. „Irgendwann am dritten Tag stand ich sicher mit so 20 anderen da. Und dann kam ein älterer Mann und sagte: Es reicht. Wir sollen jetzt alle nach Hause gehen. Einer sagte dann sofort `Tamam, abi` (OK Bruder) und dann gingen wir alle. Einfach so“, erinnert sich Cengiz zurück.

Für Fabian Reicher, Sozialarbeiter im Bereich der Ausstiegsarbeit für die Beratungsstelle Extremismus war es eine Situation, die zeigt, welche Dynamik bei vielen herrschte. „Wahrscheinlich hatten viele schon Zweifel, wollten nicht mehr dort sein. Aber sie wussten nicht, wie sie da rauskommen sollen. Und dann passiert so etwas, und man kann gehen, ohne dass man quasi sein Gesicht verliert“, erklärt Reicher, der ebenfalls bei „Bro und Contra“ mitwirkte. 

In der Videoserie werden Gedanken von vielen verschiedenen jungen Burschen wiedergegeben. „Für einen war es etwa eine ganz große Angst, dass er von seinen Freunden ausgestoßen wird, wenn er nicht mitkommt“, sagt Gutschelhofer.

Die Videoreihe besteht aus vier Kurzclips. Der letzte Teil endet damit, dass der Protagonist draufkommt, dass der, gegen den er gerade kämpft, ein Freund von ihm ist. Dieser Teil des Videoprojekts ist fiktiv, aber deshalb nicht unrealistisch.

Mert, Atilla, Cengiz, die in Wirklichkeit anders heißen, haben übrigens alle drei neben türkischen auch kurdische Wurzeln.

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