Die Keawalle von Favoriten sind Thema auf höchster politischer Ebene.

© Michael Pekovics

Chronik Wien
06/30/2020

Favoriten: Randalierer nehmen Moscheevereine nicht ernst

Die Türkische Föderation, Ableger der Grauen Wölfe in Österreich, distanziert sich von den Krawallmachern.

von Bernhard Ichner

Die Ausschreitungen in Favoriten haben mittlerweile diplomatische Folgen. Nachdem rechtsextreme Austro-Türken mehrmals linke kurdischstämmige Aktivisten attackiert haben, ist die Situation zwischen Österreich und der Türkei angespannt. So wurde der türkische Botschafter Ozan Ceyhun, wie berichtet, ins österreichische Außenministerium zitiert. Dabei forderte ihn Minister Alexander Schallenberg (ÖVP) auf, einen Beitrag zur Deeskalation zu leisten. Doch kann er das überhaupt? Experten bezweifeln das.

Die Türkei habe starken Einfluss auf die Entwicklungen in Favoriten, sagt etwa Soziologe Kenan Güngör. Er meint damit den Narrativ vom allgegenwärtigen Kampf gegen sogenannte Terroristen und die „kriegstreibende, aggressive Grundstimmung“ dort. Zum Teil hätten die Jugendlichen keine großen Bildungsperspektiven und wenig, worauf sie stolz sein könnten – außer ihrem „Vaterland“. Bzw. dem ihrer Eltern oder Großeltern.

Deeskalation misslungen

Das bedeutet aber nicht, dass die Randalierer, die ideologisch sowohl mit der AKP von Präsident Erdoğan als auch mit der rechtsextremen MHP – also mit den Grauen Wölfen – sympathisieren, aus der Türkei oder von türkischstämmigen Vereinen gelenkt würden.

Moschee-Verbände wie die Türkische Föderation oder Atib erreichen die Jugendlichen nicht einmal, wenn sie es versuchen. Seitens der Türkischen Föderation, die als Ableger der Grauen Wölfe gilt, distanzierte man sich umgehend von den Favoritner Provokateuren. Deeskalationsversuche scheiterten aber – die Jugendlichen nehmen die ergrauten Herren in ihren Moscheen nicht ernst.

Aus der Verantwortung stehlen dürften sich die Vereine freilich nicht, meint Güngör. Die Jugendlichen seien in deren Umfeld mit vorgelebtem Nationalismus, mit Islamismus, mit Kriegsspielen und dem Traum vom Großtürkentum aufgewachsen. Daraus entstünde eine Begeisterung für Kampfsport, Männlichkeitskult und Nationalstolz, die die Vereine dann nicht mehr in den Griff bekämen.

Eltern sind gefragt

Erster Adressat, um die Gewalt in den Griff zu bekommen, seien daher die Eltern der Randalierer, so Güngör. In dieselbe Kerbe schlägt Politaktivist Hakan Gördü, dessen Kleinpartei SÖZ im Oktober zur Wien-Wahl antritt. Er lud daher beteiligte Jugendliche und deren Eltern zum Gespräch ein. „Es ging darum, ihnen klar zu machen, dass sie sich und andere gesellschaftlich ins Eck drängen“, sagt Gördü.

Fünf der geschätzten 500 betreffenden Jugendlichen hätten Einsehen signalisiert. Um diese Szene zu erreichen bedürfe es kultursensibler Sozialarbeit.