Was kommt nach Weihnachten?

© APA - Austria Presse Agentur

Kolumne
12/16/2021

Warum Weihnachten auch in der Türkei ganz groß gefeiert wird

Die Traditionen des großen christlichen Festes finden auch in dem muslimischen Land Gefallen.

von Naz Kücüktekin

Der Weihnachtsbaum steht schon voll geschmückt in der Mitte des Wohnzimmers. Meine kleine Cousine hat ein Weihnachtkleidchen samt roter Haube an. Sie steht auf einem kleinen Hocker und bringt noch die letzten Details in Ordnung. „Wie süß“ sind die Reaktion auf das Foto in der Familien WhatsApp-Gruppe.

Nein, in meiner Familie ist niemand christlichen Glaubens. Aber wie für viele andere in der Türkei, gehören für sie im Dezember ein Weihnachtsbaum, festliche Beleuchtung und Geschenke einfach dazu. Jahr für Jahr verwandeln sich auch zahlreiche Straßen und Orte in der Türkei in ein Winterwonderland.

In Einkaufszentren gibt es spezielle Deals zu „noel“ und „noel baba“ (Weihnachtsmänner), die fleißig dafür werben. Die Weihnachtsstimmung auf manchen Istanbuler Straßen könnte dabei glatt der Wiener Innenstadt Konkurrenz machen.

Ich weiß, was Sie jetzt denken: Wieso feiert man in der Türkei überhaupt Weihnachten? Wie passt das zusammen?

Dieser Frage geht auch schon ein Artikel des Magazins Spiegel aus dem Jahr 2008 nach. Darin bringt man den Weihnachtbaum als urtürkische Erfindung und Tradition ins Spiel. Ob das der tatsächliche Grund ist, bezweifle ich sehr. Womit der Artikel allerdings sehr richtig liegt, ist, dass sich die Weihnachtstradition in der Türkei vom religiösen Aspekt losgelöst hat. Mit dem christlichen Fest und der Geburt von Jesus hat das, was in der Türkei gefeiert wird, nichts zu tun. Vielmehr wurde die Tradition einfach auf die türkische Lebenswelt übertragen.

So wird der „Noel“ und alles Drumherum in Wirklichkeit auch als Neujahrstradition feiert. Der Weihnachtsbaum ist der Neujahrsbaum (yılbaşı ağacı). Die Weihnachtsgeschenke überreicht man auch erst am 31. Dezember. So schaut das türkische Silvester aus.

Auch im muslimischen Albanien sieht es ähnlich aus:

Die westliche Film- und Unterhaltungsindustrie trug sicher einen großen Teil dazu bei – sowie der Hang der Türken, jegliche Anlässe ganz groß zu feiern. Muttertag, Vatertag, Valentinstag – alles womit sich gut vermarkten und verkaufen lässt, wird gerne genommen.

Daher haben auch selbst streng muslimische oder konservative Menschen kein Problem mit all diesen Sachen, die etwa in Österreich ganz typisch für Weihnachten sind. Es sind einfach Bräuche, die Spaß machen und mittlerweile dazu gehören. Und das infrage zu stellen ist verpönt – außer man will als Fundamentalist dastehen.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.