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Kolumne
10/22/2021

Wo die Nachbarn einen bis zum Tod begleiten

Unten, im Süden und Osten Europas, ist der Nachbar nicht bloß ein Namensschild auf der Gegensprechanlage, sondern mehr als das. Viel mehr.

von Mirad Odobašić

Der Termin kurz nach 18 Uhr ist EIN MUSS. Da versammeln sich die älteren Stadtbewohner vor ihren Fernsehschirmen und sehen gebannt zu, wer sie denn heute verlassen hat. "Ach, schau, bei dem habe ich am Markt immer Gemüse gekauft", "Erinnerst du dich an die, sie fütterte jeden Abend an der Flusspromenade die Tauben" oder "Jammerschade, dabei war er so nett" lauten die Kommentare der Zuschauer von Todesanzeigen, die täglich in einer Sendung des lokalen TV-Senders ausgestrahlt werden. Der Rubrik mit aktuell Verstorbenen folgt in der Regel die Rubrik "Traurige Erinnerungen" (Tužna sjećanja"), die sich Todestagen widmet. 

Das Bild der Eltern, die sich beim abendlichen Kaffee & Kuchen über die Verstorbenen aus ihrem Wohnort unterhalten, sind jedem Balkan-Kind geläufig. Die Sendungen, in denen Toter gedacht wird, erfreuen sich vor allem in kleineren bis mittelgroßen Orten enormer Beliebtheit. Selbstverständlich in erster Linie bei Menschen in einem gewissen Alter, in dem der Sensenmann nicht so fern erscheint. 

Die Sendungen sind eine Win-Win-Win-Situation, weil... 

  1. ... informativ - die Zuseher werden über den Abgang ihrer Mitbürger in Kenntnis gesetzt 
  2. ... sozial - die Erinnerung an die Toten wird am Leben gehalten, wie etwa in Südamerika, wo die Fotografien der Toten eine wichtige Rolle spielen 
  3. ... lukrativ - die stets finanzklammen TV-Sender reiben sich die Hände, das Aufgeben von Todesanzeigen bringt ihnen das dringend nötige Geld. 

Lebensbegleiter

Als der Verfasser dieser Zeilen vor zwei Wochen selbst eine Anzeige zum ersten Todestag seines Großvaters erstellen musste, hegte er zu keinem Zeitpunkt Zweifel daran, in Namen welcher Trauernder er den - leider pathetischen - Text an Opa unterschreiben sollte. Gleich hinter den Namen der engsten Familie MUSSTE "deine Nachbarn" kommen. 

"Es ist besser, einen guten Nachbarn zu haben als einen Bruder in der Ferne", lautet ein altes Sprichwort am Balkan. Die Nachbarn sind hier viel mehr als bloß ein Namensschild auf der Gegensprechanlage. Hier sind die Nachbarn eine Institution. Die von nebenan begleiten einen ein ganzes Leben lang. Sie sind die ersten Besucher, wenn ein Neugeborenes auf die Welt kommt ("babine"), bei ihnen wartet der Reserveschlüssel, wenn du erstmals allein von der Schule nach Hause kommst, ihr Name ist unverzichtbar auf der Gästeliste, wenn du heiratest. Und sie begleiten einen in den Tod - und dienen wiederum als Trostpflaster. 

Trendwende?

Ein junger Kollege, der sich an die Vorkriegszeiten nicht erinnert, wird mir hier kein Recht geben. Alles habe sich mit dem Krieg geändert, behauptet er. Die Nachbarn würden nicht mehr aufeinander achten, ja gar nicht mehr kennen, sagt er. Dem kann ich als jemand, der seit 18 Jahren nur mehr ein Heimatbesucher ist, nicht widersprechen. Fakt ist: Die Menschen haben sich geändert, die Demografie der Balkan-Städte wurde durch den Krieg durcheinander gewirbelt.

Auch dass sich die einst liebenden Nachbarn beschossen haben, das wird auch stimmen, auch wenn man's als Nostalgiker nicht wahrnehmen möchte. Nicht umsonst gibt es auch diesen alten Spruch: "Es ist besser ein schlechtes Jahr als einen schlechten Nachbarn zu haben".

Mein Opa darf sich glücklich schätzen, er war von guten Nachbarn umgeben. Bruno klopfte bis zum letzten Tag jeden Morgen an und fragte ihn, ob er etwas aus dem Supermarkt brauche. Sandra pflegte seine Blumen und begleitete ihn bei seinen Spaziergängen. 

Als sie am Todestag die Anzeige im lokalen TV sahen, riefen die Nachbarn gleich meine Mutter an und bedankten sich für die rührenden Worte, sie hätten Deda (Opa) sehr gern gehabt. Nichts zu danken, wer, wenn nicht ihr, hat es verdient?

P. S. Vor wenigen Tagen läutete es an meiner Tür. Der Nachbar sei nicht zuhause, erklärte der Amazon-Zusteller und fragte, ob ich das Päckchen übernehmen kann. Ich tat es, machte die Tür zu und sah mir den Namen an. Ich kannte ihn nicht. Nachher sollte sich herausstellen, dass der Herr seit neun Jahren in der Wohnung nebenan wohnt.  

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