© Kurier/Jeff Mangione

Interview
08/30/2021

"Frauen wurden in der Integrationspolitik vergessen"

Warum Frauen mit Migrationshintergrund oft als Arbeiterinnen in Dienstleistungsberufen beschäftigt sind.

von Naz Kücüktekin

Asiye Sel ist Soziologin und Referentin in der Frauenabteilung der Arbeiterkammer. Im KURIER-Interview erklärt die selbst kurdisch-stämmige Expertin, wieso Frauen mit Migrationshintergrund in den letzten Jahren vernachlässigt wurden, welche Rolle Arbeit bei der Selbstbestimmung spielt und warum die Kopftuch-Debatte der Integrationspolitik geschadet hat.

KURIER: Sind Sie als erfolgreiche Frau mit Migrationshintergrund eine Ausnahme in Österreich?

Asiye Sel: Es gibt viele zugewanderte, erfolgreiche Frauen, die in wirklich guten Positionen sind – in der Politik, im Gesundheitsbereich, im Bildungsbereich. Aber es gibt sie nicht in der Zahl, wie es eigentlich sein sollte, und so, dass es die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit und Diversität widerspiegelt. Was wir jetzt haben ist, dass viele Migrantinnen nur in bestimmten Bereichen und Sektoren beschäftigt sind – meist als Arbeiterinnen. Man sieht sie weniger in höheren Positionen.

Wie erklären Sie sich das?

Es sind natürlich auch individuelle Faktoren, aber die meisten sind aus meiner Sicht strukturelle. Also zum Beispiel die geringere Bildung, die Migrantinnen oft haben. Das ist für mich kein individueller Faktor, weil Frauen oft gar nichts dafür können, dass sie z. B. in ihren Herkunftsländern nicht zur Schule gehen durften oder keine weiterführende Schule besuchen. Wenn man sich zum Beispiel afghanische Frauen anschaut, denen jetzt schon seit Jahrzehnten theoretisch, aber auch praktisch, der Schulbesuch verwehrt ist. Hinzu kommen rechtliche Zugangsbeschränkungen.

Welche denn?

Asylbewerberinnen und Asylwerber haben keinen freien Zugang zum Arbeitsmarkt. Und wir wissen, wie lange Asylverfahren oft dauern können. Wir wissen aber auch generell, dass Frauen ihre Berufskarrieren wegen der Kinder unterbrechen müssen - Und je länger Frauen vom Arbeitsmarkt fernbleiben, desto schwieriger wird der Wiedereinstieg. Ein wichtiger struktureller Grund sind ebenfalls die schlechten Arbeitsbedingungen in bestimmten Branchen. Viele Frauen, vor allem mit Migrationshintergrund, sind in Dienstleistungsberufen beschäftigt. Diese systemrelevanten Berufe, die immens wichtig für die Gesellschaft sind, bekommen aber wenig Anerkennung. Ein Beispiel ist die Reinigungsbranche. Und es sind oft  Berufe, wo Frauen nur geringfügig oder Teilzeit arbeiten. Das heißt, diese Frauen können von ihrem Einkommen alleine nicht auskommen. Sie sind damit – sehr häufig von ihren Männern abhängig.

Wie wichtig ist die Arbeit bei der Selbstbestimmung?

Damit eine Frau ihr Leben selbstbewusst bestimmen und leben kann, ist die Arbeit mit einem guten Einkommen das Um und auf. Arbeit ist nicht nur etwas, wo man einfach Geld verdient. Sie unterstützt die Frauen bei der Integration in die Gesellschaft. Sie unterstützt natürlich auch den Spracherwerb. Frauen sind wichtige Integrations-Akteurinnen - bei der Familie, der Community und auch bei den eigenen Kindern. Insofern ist es ganz wichtig, Frauen, die zugewandert sind, gezielt zu unterstützen. Das haben wir in der Integrationspolitik total verabsäumt. Frauen wurden vergessen. Da kann man Parallelen zu den damaligen Gastarbeitern sehen. Bis Frauen es geschafft haben, den Weg zu einer Institution oder Behörde zu finden, hat es sehr lange gedauert.

Sieht man die Auswirkungen davon heute noch?

Man sieht von den Gruppen, die in den 70er, 80er und 90er Jahren gekommen sind, dass der Beschäftigungsanteil der Frauen viel niedriger ist als jener der Österreicherinnen ohne Migrationshintergrund oder der Frauen aus EU-Ländern. Diese Frauen leben es hier den eigenen Töchtern und Söhnen vor. Die finden sich in einer Arbeit besser zurecht als Kinder einer Mutter, die nicht beschäftigt war.

Inwieweit spielt Diskriminierung für Frauen mit Migrationshintergrund bei der Arbeit eine Rolle?

Es gibt Studienergebnisse, die ganz deutlich zeigen, dass jene Menschen mit sichtbaren Merkmalen, wie der Hautfarbe, einem Kopftuch oder Akzent viel häufiger angeben, von Diskriminierung betroffen zu sein. Und deshalb sind Betriebe auch in der Verantwortung, einerseits Strukturen zu schaffen, die Diskriminierung erst gar nicht zulassen und andererseits wäre es auch wichtig eine klare Position gegen Diskriminierung zu beziehen. Das erwarte ich mir auch von der Politik.

In Deutschland gab es kürzlich zwei Fälle, wo der EuGH entschieden hat, dass der Arbeitgeber das Kopftuch verbieten darf. Ist das hilfreich für die Integration und Selbstbestimmung der Frauen?

Jeder Mensch sollte als Mensch aufgrund seiner Qualifikationen bewertet werden und nicht aufgrund dessen, was er oder sie trägt. Die feministische Bewegung hat lange dafür gekämpft, dass Frauen selbst entscheiden können, was sie tragen. Insofern finde ich es total kontraproduktiv, diese Gruppe von Frauen kritisch zu beäugen. Das Kopftuch ist in den letzten Jahren ganz stark in den Fokus der Politik gekommen. Die rechten Parteien versuchen mit dieser Thematik und die Art wie diese geführt wird ihre Interessen durchzusetzen. Nämlich von den tatsächlich bestehenden Benachteiligungen zwischen Männern und Frauen abzulenken und auf Stimmenfang zu gehen. Es sind wieder die Frauen, die dafür büßen und es ist eben wieder der Körper der Frau, der instrumentalisiert wird, über den bestimmt wird. Und so viele Frauen tragen nicht mal ein Kopftuch. Es wird der Anschein erweckt, als ob alle Frauen, die einen islamischen Glauben haben, auch Kopftuch tragen. Zudem ist es total islamfeindlich. Wenn eine Frau entscheidet, sie trägt das Kopftuch, dann ist das ihre Entscheidung. In so gut wie allen Berufen hätte es eigentlich gar keine Relevanz. Diese ganze Diskussion hat der Integrations- aber auch Gleichstellungspolitik insgesamt wirklich geschadet.

Kürzlich hat das AMS einen Report herausgebracht, wonach die Hälfte der 2015 in Österreich gekommen Flüchtlinge mittlerweile einen Job hat. Sehen Sie das als Erfolg?

Es dauert tatsächlich viele Jahre, bis Menschen, die geflüchtet sind, es in den Arbeitsmarkt schaffen und die deutsche Sprache lernen. In Wien haben wir es ein bisschen einfacher, da können die Menschen auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zum Kurs-Institut fahren. In Wien ist auch die Kinderbetreuung ein bisschen einfacher. Aber das ist nicht überall so. In vielen Bundesländern haben wir große Mobilitätsprobleme. Viele schaffen es dann einfach nicht von A nach B. Zudem ist die Kinderbetreuung in vielen Bundesländern sehr schwierig. Aber allgemein finde ich die Zahlen nicht so schlecht.

Kommen bei geflüchteten Frauen nochmal andere Herausforderungen zu?

Man muss generell sagen, dass Arbeitslosenquoten bei zugewanderten Frauen schon immer höher waren. Generell ist es auch so, dass Frauen stärker von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Bei Frauen mit Migrationshintergrund lässt sich sagen: Je mehr Faktoren aufeinandertreffen, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, noch stärker oder eben überhaupt diskriminiert zu werden.

Was kann man dagegen machen?

Es ist wichtig, Frauen eigene Räume zu schaffen, es ihnen in einem geschützten Rahmen zu erlauben, Deutsch zu lernen, mit ihnen ihre Qualifikationen zu erheben und zu reflektieren. Wichtig ist es auch, Bildungsangebote mit Kinderbetreuung zu erweitern. Ich glaube, man muss auch ganz stark nach Bildungsgrad und Qualifikationen unterschieden. Es gibt höher qualifizierte, aber auch sehr viele Frauen aus bestimmten Ländern, die erst einmal alphabetisiert werden müssen, bevor sie überhaupt einen Deutschkurs besuchen können. Aber Deutsch alleine wird nicht reichen. Wichtig ist es auch, die Arbeitsbedingungen in den verschiedensten Berufen, in denen die Frauen arbeiten, zu verbessern und sie so zu gestalten, dass die Frauen nicht unsichtbar bleiben. Sie sollen auch im Betrieb mitbestimmen können. Oft dürfen Migrantinnen in Betrieben wenig mitbestimmen.

Ist das belegt?

Was ich sagen kann ist, dass viele ausländische Staatsbürgerinnen in Unternehmen beschäftigt sind, wo es keinen Betriebsrat gibt. Ein wichtiges Thema ist hier auch das Netzwerk. Die Communitys leisten oft eine wichtige Arbeit, aber die Netzwerke, die Migrantinnen oft haben, sind eben auch nur in bestimmten Berufen und Branchen. Was ich oft sehe, ist etwa, dass in den türkischen oder ethnischen Supermärkten viele geflüchtete Menschen oder Frauen mit Kopftuch Arbeit finden. Ich glaube, es wäre wichtig, diese Netzwerke weiter zu öffnen.

Wäre auch eine Quote für Menschen mit Migrationshintergrund sinnvoll?

Quoten sind effizient und man kann viele Dinge damit schneller bewegen. Man muss an allen Rädern drehen, sonst hat man immer das Argument wie bei den Frauen: Wir würden ja eh gerne welche einstellen, aber es gibt einfach keine. Das kennen wir von der Gleichstellungspolitik. Ich finde auch, es wäre wichtig die Einkommensberichte, die wir nach Geschlecht haben, ebenfalls auf den Migrationshintergrund hin zu analysieren. Wo sind denn im Unternehmen die Migrantinnen? Wie viel verdienen sie? Wie viel Stunden arbeiten sie? Diversität spiegelt sich oft nur im ganz unteren Bereich wider – etwa in der Reinigung oder der Betriebsküche.

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