Goran Novakovic

© Mirad Odobasic

Interview
07/12/2021

"Wien ist auch müde von Migration und Zuwanderung"

Integrationsexperte, Literaturwissenschaftler und Buchautor Goran Novaković kennt die Stadt Wien mit all ihren Facetten - und provoziert gerne.

von Naz Kücüktekin

"Ojforiš" steht mit weißen Lettern auf seinem schwarzen T-Shirt geschrieben. Menschen, die mit dem Bosnisch/Kroatisch/Serbisch-Alphabet vertraut sind, erkennen sofort, dass damit das Wort "euphorisch" gemeint ist.  Der Belgrader Goran Novaković lebt seit 1991 in Wien. Er arbeitet im Integrationsbereich und kennt die 2-Millionen-Metropole mit all ihren Facetten. Mit Büchern wie "Wien für (In- und) Ausländer/innen" oder seiner Modemarke "VAJTUNDBRAJT" will er die Vielfältigkeit des modernen Österreichs aufzeigen und mit Vorurteilen aufbrechen - und manchmal auch ein bisschen provozieren.

Dem KURIER gegenüber erklärt er, warum es nicht nur in dieser Stadt "InteRgration" statt Integration braucht, warum Serviceangebote mehrsprachig verfügbar sein sollten und spricht über die Schwierigkeiten für zugewanderte Menschen, Deutsch zu lernen.

Gab es Sachen, über die Sie sich in Wien gewundert haben?

Ich fand es verrückt, dass Paare getrennt zahlen. Bei uns wäre es unvorstellbar, dass die Frau zahlt. In Österreich ist auch Körperkontakt, vor allem beim selben Geschlecht, sehr unüblich. Wenn ich andere Männer umarmen wollte, was bei uns einfach normal ist, wurde mir die Hand aus sieben Metern Entfernung ausgestreckt. Was ich bei einigen Einladungen auch erlebt habe: Dass man vier Schnitzel für vier Gäste zubereitet. Was wenn jemand ein zweites Schnitzel essen möchte? Ebenfalls verwundert war ich von der Titel-Verliebtheit hier.

Sind Titel nicht überall, auch in Ex-Jugoslawien, wichtig?

Da ist eher nur Doktor für Medizin und der Architekt als Titel wichtig. Die anderen sind unwichtig, geschweige davon, dass der Titel gesetzlich Teil des Namens ist. Ich wurde auch als Professor Goran Novaković eingebürgert. Bei meinem zweiten Pass durfte ich den Titel nicht mehr führen.

Wie hat sich Wien verändert, seitdem Sie hier leben?

Als ich hergekommen bin, lebten in Wien bis auf Diplomaten, wenige Studenten und das UNO-Personal nur „Össis", „Jugos" und Türken. Hier und da gab es noch eine Handvoll Tschechen, Polen und Ungarn. Heute haben wir über 180 Nationalitäten. Wien ist eine ur-offene Stadt geworden. Früher musste am Samstag zu Mittag schon alles schließen.

War Wien früher nicht offen?

Solange es Gastgeberrecht als Begriff gibt, werden Zuwanderer immer als „Zugr`aste" und "Fremde" erlebt werden. Irgendwo ist das auch menschlich. Ich gebe hier gerne folgendes Beispiel: Zwei Menschen machen sich im Zug in einem Abteil für sechs Personen breit. Dann kommt eine dritte Person und will sich auch dazusetzen. Da sind die anderen zwei automatisch negativ gegenüber dem/der Dritten eingestellt, weil er/sie ihre Bequemlichkeit einschränkt.

Auf welche Vorurteile sind Sie in Wien gestoßen?

Ich flippe aus, wenn ich höre: “Ihr aus dem Ostblock”. Ich bin nicht aus dem Ostblock! Ostblock waren zwei Kilo Zucker pro Monat und vier Stunden Strom am Abend, wie in Rumänien. Ostblock hieß Reiseunfreiheit. Ich lebte in einem Land, in dem ich ohne Visum sogar nach England fliegen konnte.

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Hatten sie auch Vorurteile?

Natürlich. In Belgrad hatte ich z. B. nie Kontakt mit Türken. Und auf einmal arbeitete ich mit welchen. Bis man nicht in Kontakt kommt, hat man Angst vor dem Fremden. Zusätzlich verallgemeinert man gerne, wenn man auch nur einmal etwas Negatives mit einem Menschen aus einer bestimmten Community erlebt hat. Nur die wenigsten können sich dem entbehren.

Haben dieses Problem nicht die beiden Seiten?

Ich habe auch viel Verständnis für Einheimische. Das sind auch nur Menschen. Dass ich von Österreichern erwarte, dass sie mit Türken, „Jugos“ oder Arabern, egal wem, persönliche Bekanntschaften machen, damit sie sich davon überzeugen können, dass diese nicht so sind, wie es Vorurteile sagen, ist unrealistisch. Menschen wollen ihre wertvolle Lebenszeit auch nicht damit verbringen. 

Sie arbeiten im Bereich der Integration. Was ist hier wichtig?

Man muss bedenken, dass besonders Wien von Migration und Zuwanderung auch müde ist. Es dauert einfach sehr lange. Gerade deshalb muss Zuwanderung aber auch als Normalität kommuniziert und kanalisiert werden und nicht als "Andrang" auf unser Land. Wir brauchen eine „InteRgration“. Die Menschen sollen miteinander inter-agieren. Wir müssen weg von dem Gedanken der "Bring oder Holschuld". Wir können uns nicht zurücklehnen und warten bis die Leute sich "integrieren".

Was steht dieser “InteRgration" im Weg?

Desinteresse ist die erste Hürde. Zumindest bis man selber betroffen ist es, oder es einen Aufschrei gibt - wie etwa jetzt bei dem schrecklichen Fall von Leonie. Leider wird die Gesellschaft oft nur dann hellhörig und kommt drauf: “Ah, die gibt es ja auch”.

Hat Österreich bei der Integration verschlafen?

Die erste Generation der Gastarbeiter waren die Übersehenen und Ignorierten. Sie waren als Rotationskräfte gedacht, die man sich holt, verwendet und wieder zurückschickt. Das war die tolle „humanistische“ Idee des Gastarbeitertums. Da hat nie jemand an die Integration gedacht. Und dann kamen die Kinder dieser Eltern auf die Welt oder aus der Heimat der Eltern. Die Schulen waren darauf nicht vorbereitet. Da gab es dann nicht nur mehr die Susis, sondern auch die Draganas. Damit war die zweite Generation auch gewissermaßen verloren. 

Wie wichtig ist die Sprache bei der Integration?

Oft heißt es: "Die soll´n g`scheit Deutsch lernen". Ja, sollen sie. Aber die Frage ist auch: Können sie es? Von einem Menschen, der davor vielleicht noch keine Fremdsprache gelernt hat, kann man nicht erwarten, auf Anhieb gut Deutsch zu können. Das ist eine Sache der Unmöglichkeit. Nicht weil die Menschen dumm sind, sondern weil es irrsinnig schwer ist.

Ist das gute Beherrschen der deutschen Sprache so wichtig, wie immer behauptet wird?

Das frage ich die anderen auch immer. Dann kommt oft die Antwort: Ja, damit sie uns verstehen. Sie uns oder wir uns? Das ist ein Riesenunterschied. Wenn man sagt, sie sollen uns verstehen, ist es damit gemeint, dass wir ihnen Sachen auftragen oder verbieten können. Sie sollen verstehen, was sie zu tun haben. Wenn man sagt, damit wir uns verstehen, zeigt das hingegen eine Bereitschaft in Dialog zu treten. Da frage ich aber mich dann auch: Wer ist bereit, diese mühsam erworbenen Deutschkenntnisse der Kursbesucher im Rahmen eines höflichen Gesprächs zu überprüfen? 

Was kann man von Menschen, die neu nach Österreich kommen, erwarten?

Ich würde die Frage lieber umdrehen. Ich würde sagen, Menschen, die hier einwandern, sollten sich den hiesigen Erwartungen selbständig stellen können. Zum Beispiel bei Formularen: Wie soll eine Person, die A1-Niveau hat, diese ausfüllen? Das Leben beginnt mit Tag eins, Deutschkenntnisse halten leider den Schritt nicht. Das heißt, man fühlt sich immer auf fremde Hilfe angewiesen und nie selbstständig. Davon müsste man weggehen, hin zu einem dem modernen Staat angemessen Service-Angebot in verschiedenen Sprachen.

Hier kommt oft das Argument: Deutsch ist in Österreich nun mal die Amtssprache.

Warum ist dann aber überall alles auch auf Englisch? Wieso übersetzt man help.gv zum Beispiel nicht auch in die meist gesprochenen Einwanderersprachen? Immer heißt es: Deutsch, Deutsch. Deutsch. Ich liebe Deutsch ja auch. Es ist aber eine sehr schwere Sprache. Jeder Türke, der nicht hier geboren wurde und perfektes Deutsch kann, ist das reinste Genie. Die türkische Sprache ist komplett anders aufgebaut als Deutsch. Und dann erwarten Menschen von einem anatolischen Hirten, dass er komplett verdreht denkt und Konjunktiv lernt? Haben wir doch ein bisschen Erbarmen. Es geht darum, den Menschen das Leben einfacher zu machen. Dadurch haben sie weniger Stress und die Behörden weniger Arbeit. 

Merken Sie einen Unterschied zwischen den Serben, die hier geboren und aufgewachsen sind und jenen, die erst später nach Österreich gekommen sind?

Die Generationen, die hier aufgewachsen sind, sind sehr verwirrt, was ihre Identität betrifft. Sie sehnen sich immer noch nach der Heimat ihrer Ahnen. Was sagt uns das? Sie erleben Österreich nicht als ihre einzige Heimat. Wenn du das Land, in dem deine Eltern und du geboren bist, nicht als Heimat spürst und erlebst, läuft etwas ganz falsch. Mir fehlt total, dass man die Menschen, die hier geboren wurden oder von klein auf leben, aktiv anspricht und sagt: Ihr seid die Unsrigen. Wir wollen euch.

Mit "VAJTUNDBRAJT" haben Sie eine Modemarke, die deutsche Wörter mit einem Hatschek oder einem türkischen „ş“ schreibt. Was ist die Idee dahinter?

Ich habe 2011 damit begonnen, Aufschriften in Mutterschriften der Wiener Gastarbeiter zu machen. Ich wollte die Gemischtheit unserer Gesellschaft auch schriftlich vorantreiben. Ich fände, das wäre auch eine tolle Hilfe für Menschen, die gerade erst Deutsch lernen. Im Englischen ist Lautsprache als Hilfe auch normal. Wieso nicht dasselbe für BKS und Türkisch?

Wie kam die Marke denn in der Öffentlichkeit an?

Ich wurde sofort von der FPÖ angegriffen. Mir wurde vorgeworfen, die deutsche Sprache "zu verhunzen". Das hat mir aber eher gezeigt, dass ich etwas richtig mache. Das haben auch viele österreichische Käufer gezeigt.

Sie kennen die österreichische Kultur und Menschen sehr gut. Ist das für Sie ein Fluch oder Segen?

Sicherlich ein Segen. Ich habe dadurch verstehen können, wie und vor allem warum diese Menschen so agieren. Ohne mit echten Österreichern auch privat befreundet zu sein, gibt es keine InteRgration. Das funktioniert aber - auf beiden Seiten - nicht mit Zwang. Dafür braucht es Möglichkeiten und Plattformen, um miteinander in Dialog kommen zu können.

Wie könnte so eine Plattform ausschauen?

Es gibt beispielsweise tausende Menschen in Pensionistenhäusern und Klubs, die sich da nützlich machen könnten und dabei selber auch von anderen Kulturen etwas erfahren. Wichtig ist es, miteinander und nicht nebeneinander zu leben.

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