© Kurier/Jeff Mangione

Weihnachten mal anders
12/20/2021

"Für uns ist es selbstverständlich, Weihnachten mitzufeiern"

Die Wiener Soziologin Asiye Sel über die Gemeinsamkeiten mit dem kurdischen Gaxend-Fest.

Österreich ist ein katholisches Land. Weihnachten ist für die meisten Menschen nicht wegzudenken. Aber nicht für alle. Denn auch Moslems, Juden, Orthodoxe, Buddhistin und viele andere Menschen mit unterschiedlichen Konfessionen leben hierzulande. Mehr Platz hat sich gefragt, wie verbringen die Menschen eigentlich die Feiertage? Steht trotzdem ein geschmückter Baum in ihrem Wohnzimmer? Feiern sie bei Freunden mit? Oder was machen sie sonst zu Weihnachten?

Aus diesem Gedanken ist die Reihe „Weihnachten mal anders“ entstanden. Zum Start der Woche erzählt Asiye Sel, Soziologin und Referentin in der Frauenabteilung der Arbeiterkammer, wie sie Weihnachten empfindet:

Meine Familie, Kurd:innen und im Besonderen Alevit:innen generell feiern traditionell seit eh und je zwischen dem 23.12. und Anfang des nächsten Jahres das Gaxend-Fest, in dieser Region auch genannt Kalikê Gaxendê, Gaxan oder Gahan.

Gaxend ist ein Fest, wo Familien feierlich zusammenkommen, friedlich miteinander umgehen, Streitigkeiten beiseitegelegt werden. Der Höhepunkt ist dabei der Kalikê Gaxendê (Opa Gaxend). Dieser zieht mit seiner hübschen Frau Fatikê und seinem angemalten Begleiter, mit Musik und einer Schar von Kindern von Tür zu Tür, um Lebensmittel für das gemeinsame Festmahl zu sammeln und seinen Segen zu geben. Die Kinder versuchen dabei die Frau des Kalikê Gaxendê zu entführen, die dann mit einem Stock spielerisch getadelt werden und so symbolisch den bösen Geist vertreiben.

Nach diesem Gemeinschaftsspiel wird in einem vorher bestimmten Haus des Dorfes gemeinsam das „Parxac“ zubereitet, eine Art Früchtebrot mit viel Fett. Es schmeckt herrlich. Gemeinsam wird dann gegessen, gesungen und getanzt.

Möglicherweise war das der Einfluss von Armenier:innen, die genau in den Regionen mit Kurd:innen lebten und Weihnachten feierten. Das Gaxend-Fest könnte ebenso auf das zoroastrische Fest „Gahanbar“ zurückgeführt werden. 

Gaxend hat somit in den kurdischen Regionen uralte kulturelle und religiöse Tradition. Daher war es für uns selbstverständlich Weihnachten mitzufeiern. In diesem Sinne war für uns Weihnachten nichts Fremdes, sondern ein vertrautes Fest.

Als wir in den 70er Jahren nach Österreich kamen, gab es noch viele ältere Menschen der Nachkriegsgeneration, die Dank der Offenheit meiner Mutter sich mit uns schnell anfreundeten und regelmäßig besuchten. Sie wurden quasi zu unseren Großmüttern und Großvätern. Zu Weihnachten brachten sie uns selbstgemachte Kekse und Geschenke. Wir hatten immer auch einen Weihnachtsbaum, den wir ganz knapp am 24.12. kauften, weil er dann viel günstiger war.

Tradition hatte das große Schmücken der Fenster und der ganzen Wohnung etwa mit selbstgemachten. Wir sangen miteinander Weihnachtslieder und hofften, dass es genau am 24.12. schneit. Jedes Jahr wurden wir von Tante Hermi, Tante Janja oder der besten Freundin meiner Mutter, der Gitti, eingeladen, gemeinsam zu feiern. Wir gingen auch zur Messe in die Mariahilfer Kirche und freuten uns auf die Äpfel, die wir dann bekamen.

Genauso feiern wir mit unseren eigenen Kindern und Geschwistern Weihnachten. Am 24. mit der eigenen und an den nächsten Tagen mit anderen Familienmitgliedern. Das Backen von Keksen gehört jedenfalls immer dazu. Für meine Kinder habe ich immer selbst Adventkalender gestaltet und mit Begeisterung nach passenden Bescherungen gesorgt.

Für uns hat Weihnachten keinen religiösen, sondern hat vielmehr einen kulturellen Charakter. Weihnachten heißt einfach nur Zusammensein und für einander da zu sein.

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