© Getty Images/Pobytov/iStockphoto

Lifestyle
12/20/2020

Stilles Weihnachten: Österreicher erzählen, wie Sie heuer feiern

Heuer ist alles anders, auch der Heilige Abend. Doch die Menschen – alt und jung – lassen sich das Fest nicht nehmen.

Jetzt scheint also alles geregelt, was wir in Österreich zu den Weihnachtsfeiertagen zu beachten und zu befolgen haben. Und das ist eine Menge, damit die Infektionszahlen nicht wieder steigen.

Am 24. und am 25. Dezember dürfen sich zehn Personen aus zehn Haushalten treffen – und in Innenräumen gemeinsam feiern. Die Regierung appelliert jedoch an alle, vorsichtig zu sein.

Ab 26. Dezember – dem Stefanitag – gibt es erneut andere, strengere Bestimmungen. Da beginnt der harte Lockdown, der zumindest bis 18. Jänner gilt. Viele Menschen müssen daher ihre Pläne für diesen Tag, der in vielen Familien den erweiterten Angehörigen gehört, wieder ändern. Reisen quer durch Österreich zur Oma sind kaum noch möglich.

Aber wie begehen die Menschen in Österreich den Heiligen Abend und den 25. 12.? Feiern sie gemeinsam, einsam, gemeinsam einsam? Was machen diejenigen, die keine Wohnung haben? Oder solche, die nicht nach Hause fahren können? Wir haben in Österreich lebende Menschen nach ihrer persönlichen Weihnachtsgeschichte gefragt. Viele finden Lösungen – und sei es eine kleine Feier über WhatsApp. Schwierig wird’s übrigens auch zu Silvester, für den es keine Ausnahme vom Lockdown gibt.

Acht kleine Weihnachtsgeschichten:

Fest mit unerwünschten Nebenwirkungen

Text von Uwe Mauch

In der Ordination in Wien-Floridsdorf wartet bis Weihnachten noch viel Arbeit auf die Allgemeinmedizinerin. Naghme Kamaleyan-Schmied schlüpft daher sofort in ihren Schutzanzug, den sie lächelnd „Schlumpfanzug“ nennt.

„Ich bin froh, dass ich ihn habe“, fügt sie hinzu. „Denn ich habe etliche Patienten, auch jüngere, die  sich von Corona noch immer nicht erholt haben.“

Was das für ihre Weihnachten bedeutet? „Wir wollen wie jedes Jahr mit der Familie im Bauernhaus meiner Schwiegereltern feiern, aber dafür müssen wir unser Prozedere ändern.“ Den Heiligen Abend hat man auf den ersten Weihnachtsfeiertag verschoben. Damit kann die Ärztin alle in der Familie am Nachmittag des 23. Dezembers einem Covid-Schnelltest unterziehen, und nach freiwilliger Quarantäne am 25. Dezember mittags noch einmal testen.

Zu vorsichtig? Die Mutter von zwei Kindern sagt nur: „Wir haben alle nichts davon, wenn wir wie immer fein Weihnachten feiern, und dann liegt einer von uns zu Silvester auf der Intensivstation.“ Sie bedauert auch, dass es der Bundesregierung nicht gelungen ist, den Bürgern irreale Ängste zu nehmen und logisch-nachvollziehbare Richtlinien vorzugeben.

Wenn der Brenner wieder Welten trennt

Text von Katharina Salzer

Die Geschenke sind gekauft, der Koffer ist gepackt, das Ticket für den Direktzug von Wien nach Bozen gebucht. Eigentlich könnte es losgehen. Nicht aber in diesem Jahr. Heuer schaut die Situation für die „in Österreich lebenden Menschen“ etwas anders aus. So auch für Anna Perazzolo (23). Sie kommt aus Südtirol. Nicht dem südlichen Teil vom österreichischen Tirol, sondern dem nördlichsten Teil vom italienischen Sudtirol.

Im Jahr 2016 ist Anna für ihr Studium nach Wien gezogen. Geblieben ist sie bisher aufgrund der Freude am Großstadtleben. Um aber auch in diesem Jahr Weihnachten wie gewohnt bei ihrer Familie verbringen zu können, müsste sie Auflagen in beiden Ländern beachten. Zusätzlich wird die Planungssicherheit durch die immer neuen Verordnungen weiter erschwert. „Für mich ist es das erste Mal, dass sich die Staatsgrenze zwischen Österreich und Italien auch tatsächlich wie eine Grenze anfühlt“, sagt die 23-Jährige.

Wie genau das Fest für sie heuer aussehen wird, weiß sie bisher noch nicht. Als Studentin ergeben sich für sie zumindest bei der Einreise nach Italien einige Erleichterungen. Ob sie die Reise wagen wird, bleibt dennoch ungewiss. Einige Tage zum Überlegen bleiben noch.

Mit Keksbegleitung zum Fest im engsten Kreis

Text von Marlene Penz

Es ist Olivias zweites Weihnachtsfest und das zweite für ihre Eltern Liane Grassinger (29) und Maximilian Lehner  (27) als Familie. Sie werden wie auch im Vorjahr den Heiligen Abend zu dritt in ihrem Haus in Etsdorf am Kamp (Bezirk Krems-Land) verbringen. „Der Christbaum ist schon eingewassert. Am 24. Dezember werden wir ihn aufputzen“, erzählt die junge Mutter. Eigentlich wird dieser Abend genauso sein wie im Vorjahr – nur: „Die Kindermesse fällt aus, da wären wir sonst hingegangen.“

Am 25. Dezember kommen dann Olivias Großeltern und ihr Onkel zum Brunchen. Dann hat Maximilian Nachtdienst, ebenso am 26. Dezember, er arbeitet beim Notruf NÖ. „Sonst mussten wir mit der Diensteinteilung und  den Verwandtentreffen immer schauen, wie wir alles unter einen Hut bringen“, das erledige sich heuer von selbst, diese Feiern fallen aus.  

Generell ist alles bei ihnen zu Hause, was das Weihnachtsfest in diesem Jahr betrifft „stressfrei“. Ein Vorteil. Ein weiterer:  „Ich habe nur zwei Sorten  Kekse gebacken, den Rest bekomme ich von meiner Mama – was würde sie sonst mit so vielen Keksen machen, wenn kein Besuch kommt?“ Des einen Freud, des Besuchers Leid.

Herrn Grasingers Weihnacht mit den Tieren

Text von Valerie Krb

Sascha Grasinger wird sein Weihnachten in ungewöhnlicher Gesellschaft verbringen. Mit der 56-jährigen Orang-Utan-Dame „Mota“ etwa und einem quirligen Haufen Kattas. Der 26-Jährige ist Tierpfleger  im Tiergarten Schönbrunn und für das Affenhaus zuständig. Sein Dienst am 24. Dezember wird wie jeder andere ablaufen: Füttern, Anlage säubern, medizinisches Training, füttern, beschäftigen, und so weiter.

Aber heuer gibt es ein besonderes Geschenk: Am 24. Dezember wird der Tiergarten nach derzeitigem Stand aufsperren. Das ist vor allem für seine Orang-Utans eine gute Nachricht. Denn ohne Publikum wird ihnen langweilig. „Menschenaffen interagieren gerne und finden vor allem Kinder spannend. Sie deuten ihnen,  ihre Hand an die Scheibe zu legen oder die Taschen zu leeren“, erzählt Grasinger. Nach 11 Jahren im Zoo hat er bereits eine innige Beziehung zu den Affen. So merkt er, wenn sie einmal  schlecht gelaunt sind: „Wenn das Bärenstummelmännchen genervt ist, jagt es die Erdmännchen“, um nur ein Beispiel zu nennen.

Grasinger verzichtet übrigens nur am 24.  auf menschliche Gesellschaft. Am 25. wird mit der Familie nachgefeiert.

Lindi  und Ossi oder ihr Fest der Liebe

Text von Uwe Mauch

Wenn es denn so ist, dass Weihnachten das Fest der Liebe ist, dann ist’s ihr Fest. „Unsere ersten gemeinsamen Weihnachten  haben wir 1953 gefeiert“, erzählt das Ehepaar Miksch, während man Hand in Hand am Heustadlwasser im Wiener Prater entlang spaziert.

„Es war dürftig“, sagt Lindi, wie sie ihr Mann liebevoll nennt. „Aber wir haben uns gehabt“, fügt der  Ossi schnell hinzu. Und es war auch turbulent: Erst Heiliger Abend bei der Familie der Maßschneiderin, dann Heiliger Abend bei der Familie des Hafners. In die Mette haben sie es dann nicht mehr geschafft, wie sich der heute 92-jährige Wiener  erinnert: „Weil ich  ausg’rutscht bin und es mich auf den Allerwertesten g’haut hat.“

Das Fest anno 2020 wird ruhiger, in der Wohnung nahe des Heustadlwassers: „Einen Christbaum wird es keinen mehr geben“, so Gerlinde Miksch. „Das ist uns zu anstrengend, aber ich werde Föhrenzweige  dekorieren.“

Vor Corona haben Menschen, die  einen Weltkrieg überlebt haben, Respekt, aber keine Angst. Einen Wunsch ans Christkind haben sie schon. Im 20er-Jahr musste Oswald Miksch als Obmann des Freudenauer Kulturvereins mehrere Veranstaltungen absagen. „Das soll sich 2021 bitte nicht wiederholen.“

„Don’t cry for me, Argentina“

Text von Nina Oezelt

In Argentinien ist es zu Weihnachten warm. Man genießt  den Sommer  bei 30 Grad. Nach Mitternacht gehen alle auf die Straße und es gibt  Feuerwerke. Am 25. Dezember geht man auf eine Poolparty. „Wir sind zwar ein katholisches Land, aber wir feiern das Leben“, erklärt Martin Marconato.

Seit 2016 lebt er nicht mehr in Buenos Aires.   Nach Aufenthalten in Göttingen und Hamburg lebt er jetzt  in Wien. Sein Freund ist Wissenschafter, der  in einem Labor forscht. „Dieses Jahr können wir das erste Mal nicht nach Hause fahren“, erzählt er. Auch all die Kollegen aus dem Labor können nicht in ihre Heimat fahren. Sie haben  beschlossen „unter dem Motto gemeinsam einsam zu sein“, sagt er und lacht. Italien, Spanien, England, Frankreich und Argentinien werden an einem Tisch sitzen, jeder bringt Essen aus seinem Land mit.  „Wir machen natürlich Asado, argentinisches Fleisch“, betont er. 

Auch am 25. und 26. Dezember wird die Gruppe von Expats und Wissenschaftern weiter „gemeinsam einsam“ sein und vor allem essen.  Rochadenartig soll täglich jemand anderer einladen.   „Wenn wir das nicht tun würden, wären die meisten einfach alleine Zuhause.

„Weine nicht um mich, Argentinien“, sagt Martin. „Ich komme, sobald es geht“,  sagt er.

Schnitzeltradition für Menschen ohne Wohnung

Text von Yvonne Widler

Rund 200 Personen fanden sich in den vergangenen Jahren am Weihnachtsabend in der Wiener Gruft ein, um gemeinsam zu feiern. Heuer wird es anders sein. Nur 60 Menschen dürfen gleichzeitig vor Ort sein. Einer von ihnen ist Leo. Er war selbst jahrelang wohnungslos, hat es geschafft und lebt heute in einer Gemeindewohnung. Der Gruft bleibt er aus Dank für die Unterstützung damals als freiwilliger Helfer treu.

„Heuer wird Weihnachten leider etwas anders, da wir nicht singen dürfen. Aber es wird wieder Schnitzel geben, so wie jedes Jahr. Und ich bin schon sehr gespannt, was im Weihnachtspackerl drin sein wird. Das gibt es auch wie jedes Jahr für die Leute in der Gruft“, sagt Leo. Er werde die Schnitzel selbst zubereiten, das habe schon Tradition. Der Druck auf die Klienten und Klientinnen der Gruft nehme mit Fortdauer der Corona-Krise zu, heißt es vonseiten der Caritas.    

Die nächsten Wochen werden herausfordernd. So rechne man nicht nur in den Sozialberatungsstellen und bei den Suppenbussen, sondern auch bei den Notquartieren mit einem weiteren Anstieg der Nachfrage. Auch Menschen, die nie gedacht hätten, jemals auf die Hilfe der Caritas angewiesen zu sein, nehmen nun deren Angebote in Anspruch.

Dieses  Jahr „kein Schwein“ in Bosnien

Text von Nina Oezelt

Martina und ihre Familie kommen aus einem kleinen Dorf in Bosnien. In Oštra Luka steht das Haus ihrer Eltern. Normalerweise fährt die ganze Familie schon am 20. Dezember dorthin. Dann wird   das Haus  hergerichtet und ausreichend geheizt. Das Haus wird geschmückt, und sie besorgen einen Weihnachtsbaum. „Alles wird für den 24. Dezember eingekauft“, erzählt sie.

Es gibt traditionellerweise Fisch, und dann geht man zur Messe in der Kirche des kleinen Dorfes. „Dort treffen sich normalerweise  alle, die Tanten, die Onkel, die Cousinen ... alle, die man das ganze Jahr lang nicht gesehen hat“, erklärt sie. „Und dann gibt es kaltes Spanferkel bei uns“, erzählt  sie von der Tradition. Das werde schon in der Woche davor von allen Männern im Dorf gemeinsam vorbereitet.  Das ist ein Highlight für die ganze Familie. Am 25. Dezember kommen normalerweise alle Verwandten und Cousins, Geschenke werden ausgetauscht, es wird gefeiert.

Dieses Jahr muss ihre Mutter erstmals als Krankenschwester im Dienst sein. Nach Bosnien werden sie es nicht schaffen, sie feiern in einer kleinen Wohnung in Favoriten.  WhatsApp und Zoom wird wohl für das Familientreffen genützt, die Messe im Fernsehen angesehen und das Schwein, das wird fehlen.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.