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Lifestyle Sommer
07/05/2019

Pures Adrenalin

Das Herz rast, der Blutdruck steigt. Stress pur für den Körper. Manche Menschen suchen genau das – den ultimativen Adrenalinkick.

von Julia Gschmeidler, Magdalena Meergraf

Sie springen, fliegen, wirbeln - mit viel Tempo und viel Adrenalin. Dieses bringt den Körper in Alarmbereitschaft. Extremsportler leben von diesem Gefühl. Aber auch Laien suchen diesen Kick immer wieder. Lange Zeit schon versuchen Psychologie und medizinische Forschung zu erkunden, was die Menschen daran reizt, sich freiwillig potenziell gefährlichen Situationen auszusetzen. Die Gründe dürften sehr unterschiedlich sein. 

Physiologischer Prozess

Die Wirkung der körpereigenen Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin, die in der Nebenniere gebildet und von dort ins Blut ausgeschüttet werden, war für unsere Vorfahren einst überlebensnotwendig. Denn sie ermöglichten dem Körper, schnell an Energiereserven heranzukommen, um rasch fliehen oder kämpfen zu können.

"Wenn Gefahr droht, optimiert der Körper alle Funktionen. Atemfrequenz, Blutdruck, Puls und Muskeldurchblutung steigen. Dopamin wird ausgeschüttet, wir werden schmerzunempfindlicher. "Dieses Gefühl macht uns high", erklärt Sportmediziner und Triathlet Robert Fritz. Kein Wunder also, dass der Kick süchtig machen kann - manche Drogen bauen sogar auf demselben Prinzip auf. 

Einerseits spielt der neurochemische Zustand eine Rolle. Aber es geht auch um die Bewältigung einer schwierigen Situation und um die Überwindung der eigenen Angst. Univ. -Prof. Wolfgang Kallus, Psychologe

Heute kommen wir kaum mehr in solche Extremsituationen, den meisten Stress verursacht uns die Arbeit. Vor den Kollegen, wegzulaufen oder sie sogar anzugreifen. ist hier aber weniger ratsam. "Hormone hören nicht darauf, die gehen trotzdem hoch. Man kann diese eigentlich normale Reaktion aber nicht ausleben. Ein konstanter Spiegel macht auf Dauer krank. Als Ausgleich kann sportliche Betätigung dienen", sagt Fritz. Wer Stress hat, sollte sich also unbedingt bewegen,. Intensiver Sport ist dabei jedoch die falsche Antwort. "Der Adrenalinkick macht uns leider nicht gesünder und baut auch langfristig keinen Stress ab. Wir sollten uns eher niedrigintensiv bewegen, um Stresshormone abzubauen und einen Gegenpol zu unserem stressigen Leben zu schaffen." 

Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die diesen Druck im Arbeitsalltag nicht haben und sich deshalb ganz bewusst in ihrer Freizeit den Extremsituationen aussetzen wollen. Doch viele davon überlasten sich eher, als dass sie einen Ausgleich schaffen, so der Experte. Um einen positiven gesundheitlichen Effekt zu erreichen, sollten 80 Prozent des Trainings aus niedrigintensivem Sport und 20 Prozent aus Intensivphasen bestehen.  

Wenn ich mit dem Rad vorher auf den Berg fahre und erst dann hinunter rase, dann macht das gesundheitlich mehr Sinn, als nur runterzufahren, um mir den schnellen Kick zu holen. 

Psychologischer Prozess

Doch geht es bei der Sucht nach dem Kick um noch mehr als nur um Stressabbau, die Aufregung oder den Gesundheitseffekt. Es dürften auch bestimmte psychische Mechanismen ausschlaggebend sein. "Einerseist spielt natürlich schon der positive neurochemische Zustand eine Rolle beim Extremsport, es werden ja als Stressantwort endogene Opiate ausgeschüttet", sagt Wolfgang Kallus, Professor für Psychologie an der Universität Graz und früher selbst begeisterter Wildwasser Sportler. "Aber es geht auch um die Überwindung der eigenen Angst. "Alle haben gesagt, etwas sei unmöglich und man hat es dennoch geschafft - gibt er ein Beispiel für ein solches Erfolgserlebnis. Dieses Gefühl kennt auch Robert Fritz.

"Es kommt der Punkt, an dem man sich denkt, man kann nicht mehr. Dieser wird überwunden. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl. Und es hilft auch für as restliche Leben, Wenn einmal alles den Bach runtergeht, dann denkt man sich: Unten war ich schon öfters, es geht trotzdem weiter."

Kalkuliertes Risiko

Professionelle Extremsportler kalkulieren ihr Risiko ganz genau. "Machen sie Fehler und verletzten sich, füllt ihre Einnahmequelle aus", gibt der Sportmediziner zu bedenken. Auf extreme Herausforderungen und Wettkämpfe bereiten sie sich gut vor, trainieren viel und lassen sich medizinisch durch untersuchen. So spricht überhautp nichts dagegen, sagt der Experte. Verrückt und gefährlich findet Fritz hingegen Base-Jumping oder Free Climbing. "Dafür habe ich überhaupt kein Verständnis. Ich halte das für keine Sportart, sondern für puren Irrsinn."

Für Laien ist Sport für ihre Gesundheit unabdingbar und steigert die Lebensqualität enorm. Der Rausch des gefärhlichen Risikos ist dafür aber nicht zwingend notwendig. Denn manche Extremsportarten verzeiehn nicht den geringsten Fehler.