Lebensart | Gesundheit
23.06.2018

Wie behinderte Kinder dank Pferden neue Lebenskraft tanken

Im Verein e.motion können Behinderte und Traumatisierte ein Stück Normalität leben.

Alissas Augen strahlen, als sie die Koppel mit einem Halfter in der Hand betritt, um die Stute Flitzi für ihre Reitstunde zu holen. Jeden Samstag kommt die 16-Jährige gemeinsam mit ihren Eltern auf das Gelände des Wiener Otto-Wagner-Spitals. Hier, versteckt hinter den Jugendstil-Pavillons, hat vor zehn Jahren der Verein e.motion ein Therapiezentrum für behinderte und traumatisierte Kinder und Jugendliche eröffnet. Die Psychologen stehen jedoch im Hintergrund – die Pferde erreichen hier das für unmöglich Gehaltene. "Wir sind diejenigen, die demütig zuschauen, wie Wunder vollbracht werden", sagt Gründerin Roswitha Zink.

Auf ein Wunder hatten Alissas Eltern kaum mehr zu hoffen gewagt. Ihre Tochter wurde mit fünf Gen-Defekten, die weltweit einzigartig sind, geboren. Entdeckt wurden diese, als sie sich mit einem Jahr Entwicklungsverzögerung bemerkbar machten – kurz, bevor es zu spät war. "Sie wurde damals im Spital gerade noch gerettet", sagt Alissas Mutter Sonja Altenkopf, während die Jugendliche ohne jegliche Scheu auf die braune Stute zusteuert.

Wendepunkt

Dass Alissa heute so gut laufen und sprechen kann, hat sie den Vierbeinern zu verdanken. Ihre Sprach- und Motorikstörungen wurden anfangs mittels klassischer Physiotherapie behandelt, der Wendepunkt kam jedoch erst bei Roswitha Zink.

Das Besondere an ihrem Konzept: Die Kinder und Jugendlichen werden nicht nur auf ein Pferd gesetzt, sondern lernen auch das Führen, Putzen und Satteln. Um eine tiefe Verbindung aufbauen zu können, finden die Reitstunden immer mit demselben Tier statt. Geeignet sind jedoch nicht alle für den "Job" als Therapiepferd. "Sie müssen sehr ruhig und sanft sein – und Spaß an der Beziehung zum Menschen haben", erklärt Zink. 19 Pferde wurden von ihrem Team und ihr jeweils drei Jahre lang ausgebildet. Bei Alissa und Flitzi stimmte von Anfang an die Chemie.

Erste Erfolge

Schon nach der ersten Therapiestunde zeigten sich bei der damals achtjährigen Alissa Fortschritte. "Mit der Motorik hatte sie immer große Schwierigkeiten und neigte dazu, leicht umzukippen. Nach der ersten Reitstunde mit Flitzi ist sie abgestiegen und ging fast wie ein Model. Ich war total überrascht", erinnert sich ihre Mutter. Auch sprachlich zeigten sich schnell Verbesserungen. Nachdem sich Alissa viele Jahre lang nur durch Zeigen oder mit Wortfetzen verständigt hatte, konnte sie dank der Pferde auf der Baumgartner Höhe innerhalb kürzester Zeit vollständige Sätze formen. "Keine Physiotherapie war so erfolgreich wie Flitzi", ist sich Altenkopf sicher.

Für Körper und Seele

Doch nicht nur der Körper verändert sich durch die Übungen am Pferd, sondern auch die Seele. "Es ist sehr beeindruckend, weil es eine ganz andere Ebene von Heilung und Kommunikation ist, als man es aus der Psychotherapie und Heilpädagogik kennt", sagt Roswitha Zink. "Pferde lassen sich auf einer so tiefen Ebene ein und spüren derart viel – da können wir Menschen gar nicht mithalten."

Wenn Alissa auf Flitzi galoppieren darf, ist die Welt für das Mädchen in Ordnung. "Sie genießt es, so akzeptiert zu werden, wie sie ist", weiß Sonja Altenkopf. Ihre Tochter habe in den vergangenen Jahren dank Flitzi sehr viel Selbstvertrauen gewonnen. "Hier darf sie ein Stück Normalität haben – und das ist unbezahlbar."

Unterstützen: Der Verein e.motion ist auf Spenden angewiesen (www.pferd-emotion.at). IBAN: AT25 1200 0504 7256 0101