Lebensart | Gesundheit
20.06.2018

Alzheimer kindgerecht erklärt: "Warum ist die Oma so seltsam?"

Demenz-Workshop: Die Puppe „Dita von Dingsda“ hilft Kindern, die Demenz ihrer Angehörigen besser zu verstehen

„Mein Uropa zieht im Sommer eine Winterjacke und Stiefel an.“ „Meine Oma hat sich mit Senf statt mit Zahnpasta die Zähne geputzt.“ „Die Uroma hat mich nicht mehr erkannt und vergessen, wer sie ist. Nach drei Jahren ist sie gestorben, sie konnte nicht mehr schlucken.“

Was ist los mit den Urgroßeltern, warum ist die Oma oder der Opa auf einmal so seltsam? Wenn Kinder über demenzkranke Familienmitglieder sprechen, klingt das manchmal nachdenklich, manchmal lustig. Je nachdem, was sie erleben mussten oder gerade erleben.

Aktuell gibt es zirka 130.000 Demenzkranke in Österreich, laut Prognosen wird sich diese Zahl bis zum Jahr 2050 verdoppeln. Mit dem Thema sind und werden immer mehr Kinder und Jugendliche konfrontiert – demenzielle Erkrankungen wie Alzheimer treffen stets die ganze Familie.

Watte im Kopf

Ein Vormittag in der Volksschule Pressbaum, wo Schüler der 4 a das Thema Demenz im Rahmen des Projekts „Merkima“ kindgerecht nahegebracht bekommen. Hauptfigur ist Dita von Dingsda, eine Puppe, die sich sehr komisch verhält und vergesslich ist. „Wo bin ich hier? In Pressburg?“, fragt sie die Kinder. Die lachen und sagen: „Du bist doch in Pressbaum!“

Danach erklärt Workshop-Leiterin Dina Elmani-Zanki mithilfe gefilzter Tiere die Gehirnregionen und ihre Funktionen. Eine Schlange steht für den Hirnstamm, das Reptiliengehirn. Ein Tintenfisch für das Großhirn. Das Spinnennetz symbolisiert die Verbindungen im Hirn. Wattebausche sind Eiweißablagerungen – das, was die Verbindungen im Gehirn Alzheimerkranker „verstopft“. Es wird darüber gesprochen, welche Folgen das hat. Einige Kinder erzählen von Erlebnissen mit demenzkranken Familienmitgliedern. Oft haben sie einen natürlicheren Umgang mit dem Thema als Erwachsene. „Sie gehen spielerischer und unbefangener damit um“, sagt Elmani-Zanki.

„Die Idee für den Workshop ist entstanden, weil ich in Gesprächen mit Angehörigen Demenzkranker gemerkt habe, dass Kinder – Enkerl, Urenkerl – ein Thema sind, das verunsichert“, sagt Monika Frank, ebenfalls „Merkima“-Projektverantwortliche. Demenz ist ein Tabu, Eltern wollen Kinder schützen, indem sie das Thema vermeiden. „Viele Mütter und Väter muten ihren Kindern die Begegnung mit demenzkranken Familienmitgliedern nicht zu. Was zur Folge hat, dass ein sehr wichtiger Kontakt abreißt.“

Kinder betrachten die Welt des Vergessens mit anderen Augen. Je jünger, desto offener. „Zugleich spüren sie, dass etwas anders ist, und haben eine ausgeprägte Intuition für die Änderung im Familiensystem“, sagt Frank. Umso wichtiger ist es, kindgerecht zu erklären, was Demenz ist und wie die Krankheit Betroffene verändert.

Wie es ist, alt zu sein

Ein Teil des Workshops widmet sich daher dem Thema „Wie es ist, alt zu sein“. An verschiedenen Stationen werden alterstypische Probleme nachgestellt. In einer Ecke der Klasse schlüpfen die Kinder in Handschuhe, die mit Watte befüllt sind, sodass das Gefühl in den Fingern fehlt. Trotzdem sollen Münzen aufgehoben oder Briefmarken in die Hand genommen werden. Das Gekreische ist groß: „Das fühlt sich komisch an, das geht nicht“, ruft Pia.

An einer weiteren Station werden die Beine der Kinder mit Klebeband zusammengeklebt, sodass die Bewegungsfreiheit fehlt und Gehen fast unmöglich wird. Viele probieren es mit Hüpfen. Anstrengend. Konstantin sagt: „Das ist komisch und lustig zugleich.“ Und: „Meine Oma legt manchmal Dinge wohin und vergisst sie, dann regt sie sich auf.“

Die Stimmung ist super, die Kinder sind fröhlich. „Wir sind immer wieder überrascht, wie locker Kinder mit diesem Thema umgehen“, sagt Monika Frank. Dennoch ist es meist nicht greifbar, was Demenz konkret bedeutet. Wenn sich das Wesen der Patienten verändert, Aggression und Verwirrung dazukommen, wird es besonders heikel. Aufklärung hilft, Berührungsängste zu vermindern. Vor allem geht es um gesellschaftliche Teilhabe Betroffener – statt sozialer Isolation. „Unser Anliegen ist es, darüber zu reden, Eltern und Kindern Ängste zu nehmen, und spielerisch zu zeigen, was man konkret tun kann“, sagt Monika Frank. Sie kritisiert, dass dieses Thema international seit Jahren behandelt wird, in Österreich aber kaum Aufmerksamkeit gefunden hat. „Die Merkima-Workshops wollen einen Beitrag zu der im Jahr 2015 von der Bundesregierung beschlossenen Österreichischen Demenzstrategie leisten.“

Resümee von Ulrike Kraft, Lehrerin der 4 a in Pressbaum: „Das hat allen unglaublich Spaß gemacht, diese zwei Stunden gehen sehr in die Tiefe. Ich merke, dass die Kinder viel angenommen und verstanden haben.“ Sie kennt das Thema Demenz übrigens aus eigener Erfahrung: „Meine Oma war betroffen – und hat uns am Schluss nicht mehr erkannt.“

Info: Die Workshops (90 Min.) sind spendenfinanziert, prinzipiell kostenlos. Das Angebot gibt es vorerst nur für Schulen in Wien und Niederösterreich, siehe: www.alzheimer-selbsthilfe.at Spendenkonto IBAN: AT241200000645157314 BIC:BKAUATWW

Tipps: Was Eltern sagen können, wenn Kinder fragen, warum sich Angehörige verändert haben

Kinder merken, wenn mit dem Uropa, der Uroma, der Oma oder dem Opapa etwas nicht stimmt. Dann stellen sie Fragen und brauchen Antworten darauf, um besser einordnen zu können, was passiert. So entwickeln sie mehr  Verständnis für die Alzheimerpatienten, Berührungsängste werden abgebaut. Drei Fragen, auf die die „Merkima“-Experten kindgerechte Antworten  geben:

Warum vergisst Oma so  oft unsere Namen?

Im Kopf gibt es viele kleine Zellen, die Namen und Erinnerungen speichern. Diese Zellen sind miteinander verbunden. Das sieht wie ein großes Spinnennetz aus. Wenn wir uns erinnern, wird dein Name von einer Zelle zur nächsten geleitet. Bei Oma sind manche Fäden gerissen und  Zellen verschwunden. Deswegen kann sie sich Namen nicht mehr merken.

Warum ist Opa immer so komisch und schimpft? Habe ich etwas falsch gemacht?

Nein. Du bist nicht schuld. Opa ist krank. Er hat eine Krankheit im Kopf, die ihn verändert. Er vergisst Dinge und Namen. Das ist ihm oft peinlich und deshalb ist er oft ungeduldig oder grantig. Das hat aber nichts mit dir zu tun. Es gibt keine Medikamente, die ihn gesund machen, aber er hat keine Schmerzen. Er wird leider nie wieder so wie früher sein. Trotzdem hat er dich lieb.

Die Urlioma kennt mich nicht mehr, wenn wir sie im Heim besuchen. Ich weiß gar nicht, was ich dort tun soll.

Die Urlioma hat leider eine Krankheit im Kopf und kann sich manchmal nicht gut an viele Sachen erinnern. Du kannst ihr aber helfen. Sage ihr zum Beispiel  immer wieder deinen Namen und vor allem,  dass du sie lieb hast. Ihr könnt  auch gemeinsam etwas singen, du liest ihr etwas vor oder bringst ein selbst gemaltes Bild mit. Wir können ihr alte Fotos als Erinnerung mitnehmen und sie uns gemeinsam ansehen.  Das gefällt ihr sicher. Urli freut sich, auch wenn sie es vielleicht nicht mehr so zeigen kann. Aber sie hat dich bestimmt lieb!“


Buchtipps:

Für 4 bis 6-Jährige:  
– Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor, M. Baltscheit (plus Kurzfilm!)
– Kuddelmuddel in Omas Kopf, M. Baumbach
– Oma isst Zement, D. Kratzke

Für 6 bis 9-Jährige:
– Omas Rumpelkammer, B. Westera
– Als Opapi das Denken vergaß, U. Marmon
– Oma heißt jetzt Alzheimer, P. Tonn

Ab 10 Jahren:
– Oma auf dem Sonnenstrahl, K. Bottke
– Ein himmlischer Platz, G. Kuijer
– Als Opa alles auf den Kopf stellte, M. Musgrove