Leben
22.01.2018

Was ein Mann beim Sex fühlt

In einem neuen Buch "Ich komme" schreibt der Autor Christian Seidel offen über erotische Gefühle. Im KURIER-Interview sprach er über Rollenklischees, Monogamie und das Weibliche im Mann.

Sex und Gefühle? Darüber reden Männer eher ungern, sagt Christian Seidel. Der 59-jährige Autor, einst Medienmanager und u.a. als Agent von Claudia Schiffer tätig, will dieses Schweigen nun durchbrechen. In einem neuen Buch schildert er explizit, was im Körper, im Kopf und in der Seele eines Mannes vorgeht, wenn er Sex hat. Wir trafen ihn in Wien zum Gespräch.

KURIER: Sie haben fast drei Jahre als Frau gelebt. Was haben Sie dabei über das Mannsein gelernt?

Christian Seidel: Wenn wir in diesem Gespräch über Frau und Mann sprechen, sprechen wir ja stets über Klischees bzw. über Begriffe, wie wir Empfindungen oder Identitätsgefühle beschreiben. Da beschreiben wir das eine als männlich, das andere als weiblich. So betrachtet habe ich schon den starken Eindruck, dass wir Männer einen gehörigen Teil an Weiblichkeit und Frau in uns tragen. Ich würde spontan sagen, es sind 100 Prozent. Und dass ich das Männliche, also das, was ich als Mannsein empfunden habe, gar nicht mehr als meine Identität empfinde. Ich empfinde das Mannsein eher als Art Schablone oder Mechanismus. Die männliche Rolle grenzt das Weibliche aus, das ist meine generelle Erfahrung aus dieser Zeit. Indem man das Weibliche ausgrenzt, kann man aber kein besserer Mensch sein. Für mich ist Frausein eher das Menschsein, als das Mannsein. Weil es vollständiger ist.

Das klingt aber auch ein wenig nach Schablone.

Deshalb würde ich ja gerne aufheben, dass wir von Männern und Frauen sprechen. Wenn man in einem gedanklichen Experiment nur mehr von Menschen statt von Männern und Frauen sprechen würde, heben sich automatisch Geschlechtergrenzen auf.

Unterscheidet sich aus Ihrer Sicht weibliches und männliches Fühlen?

Es entscheidet sich dadurch, dass Frauen tiefer und weicher fühlen. Aber das ist auch wieder klischiert. Es würde ausschließen, dass Männer weich oder tief fühlen. Es existieren viele Facetten, der Übergang zwischen Männern und Frauen ist relativ fließend. Deshalb weiß ich nicht, ob ich zustimmen würde, wenn gesagt wird, Frauen fühlen anders als Männer. Im Rahmen meines Frau-sein-Experiments betraf das auch mein erotisches Empfinden, was im Becken oder zwischen den Beinen passiert. Ich habe festgestellt, das ist ein Gefühl, das tief in mir drinnen ist und nicht draußen. Auch den Orgasmus habe ich in mir als Ausbreiten empfunden und nicht außen. Das heißt nicht, dass ich nicht respektiere, wie Frauen sind, wie Männer sind. Aber Ich will erreichen, dass Frauen, aber auch Männer als Menschen respektiert werden.

Gibt es einen Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Sexualität?

Ich glaube, es gibt einen Unterschied von Sex zu Sex, nicht von Mann zu Frau. Ich erkenne keinen tieferen Sinn darin, warum man überhaupt feststellen soll, dass das unterschiedlich ist.

In den vergangenen Jahren hat sich das Rollenbild des Mannes verändert. Im Rahmen der #metoo-Debatte beklagen viele Männer eine gewisse Verunsicherung.

Ich kann das sehr gut verstehen und empfinde es selbst so. Im Rahmen der Veröffentlichung meines letzten Buchs „Gender Key“, in dem ich mich mit der Gleichstellungsproblematik auseinander gesetzt habe, habe ich erlebt, dass ich von vielen Frauen aus dem feministischen Bereich verurteilt wurde. Dass ich als Mann mir erlaube, sowas zu schreiben. Die Art und Weise wie die Männer, kaum dass sie mal ein bisschen den Kopf aus der Luke herausstecken, abgewatscht werden, trägt dazu bei, dass die Debatte schwierig wird. Ich finde, da sollte auch ein bisschen was von den Frauen kommen, indem sie auf Männer zugehen. Dialogisch, aber auch im praktischen Leben. Weil jeder verunsichert ist. Da könnten die Frauen sich öffnen, sodass man mehr spürt, was sie mögen oder nicht mögen. Und die Männer selbst müssen dringend ihre Gefühle öffnen. Deshalb habe ich dieses Buch geschrieben. Ihr empathisches Empfinden öffnen und zulassen, damit sie besser wahrnehmen können, was gewollt ist oder was nicht.

Die Schilderung diverser sexueller Begegnungen in Ihrem neuen Buch sind recht explizit – Sie schreiben gleichzeitig, dass Sie sich damit nicht als Frauenheld positionieren wollten. Trotzdem stellt sich die Frage, ob es für dieses Buch notwendig war, so ins Detail zu gehen.

Ich bin jetzt 59 Jahre alt und habe in meinem Leben seit Entdeckung meiner Sexualität mehrere längere, sehr schöne Beziehungen gehabt. Da komme ich auf einige. Dazwischen gab es Phasen, wo ich keine Beziehung haben wollte und Affären hatte. Ich ging auch fremd. Wenn ich über meine Sexualität schreibe und das in einem einzigen Beispiel, aus der klaustrophobischen Angst heraus, man könnte mich als Casanova verurteilen, dann wäre das verlogen. Zumal ich ja nicht bei jeder Frau das Gleich empfand, ich hatte mit jeder Frau, mit der ich Sex hatte, vollkommen andere Empfindungen.

In Ihrem Buch kritisieren Sie Internet-Pornografie. Warum?

Ich finde, sie gehört verboten oder gravierend reglementiert durch ein Gremium von Psychologen und einer Ethikkommission, die darauf achtet, was das mit unserem Bewusstsein anstellt. Es gibt Untersuchungen, wie viele Männer durch das Internet masturbiersüchtig sind. Das macht einsam und viele haben dann gar keine Lust mehr, mit der eigenen Frau zu schlafen.

Stattdessen meinen Sie, dass Männer mehr über ihre Gefühle sprechen sollten und über ihre Sexualität. Ist das immer noch so schwierig?

Ja, aufgrund der als männlich definierten Geschlechterrolle. Die macht den Sex so kaputt. Die Rolle besteht aus Abgrenzung, aus Gewinnen aus sich Erheben und aus Macht zelebrieren und ausüben. Das lernt man schon in der Kindheit, so werden schon die kleinen Buben konditioniert. Und Gefühle nicht zu zeigen, gehört da immer noch dazu. Indem ein Mann Gefühle zeigt, ist das etwas Schwaches. Weil es der weiblichen Geschlechterrolle zugeordnet wird. Und wenn man jetzt über Sex spricht, impliziert das, dass man damit ein Thema hat. Ich habe im Zuge dieses Buchs sehr oft versucht, mit Männern über Sex zu sprechen, aber es ist schier unmöglich. Dabei sollte man viel mehr darüber reden, man kann gar nicht oft genug darüber reden. Weil es das ist, was wir alle am liebsten machen. Sex ist das tollste, was es gibt - warum soll man nicht ganz viel darüber sprechen? Indem man darüber spricht, öffnen sich auch die Gefühle. Automatisch. Es ist eine schöne Brücke, um an die Gefühle besser ranzukommen.

Sie prägen in Ihrem Buch den Begriff „gefühlte Sexualität“. Was verstehen Sie genau darunter?

Ich glaube, dass wir Sex nicht von unseren Gefühlen loslösen können, indem wir ihn so stereotyp ausüben, wie das etwa in Pornos vorgegeben wird. Da geht man dann immer mehr den Gewohnheiten nach. Beim Sex ist es ähnlich wie beim Rotwein, den besten Wein, den man gefunden hat, trinkt man dann immer. Irgendwann schmeckt er nicht mehr, weil man zu viel davon getrunken hat. Genauso ist das beim Sex, man macht die eine Nummer mit dem Partner, die man besonders gut findet und wo man merkt, man fühlt sich wohl und kommt gut. Irgendwann wird das langweilig, und dann mag man vielleicht den ganzen Sex nicht mehr. Wenn man allerdings tiefer fühlt, den gefühlten Sex mehr in den Vordergrund wachsen lässt, dann verändert sich was.

Wie soll das genau gehen?

Da sind Worte hilfreich, man kann Worte erfinden, sehr fantasievoll sein. Ein Gefühl ist etwas Grenzenloses, Sex ist etwas Grenzenloses und nicht etwas, das beim Vorspiel anfängt und mit dem Orgasmus aufhört. Es ist etwas, das ständig existiert. Jetzt hier, zwischen ihnen und mir, überall, wenn ich etwas einkaufen gehe, auch wenn ich in der Natur alleine spazieren bin. Wie kann es sonst sein, dass ich alleine im Wald stehe und plötzlich erregt bin? Ich habe Erregung auch empfunden ohne einer Begegnung mit Frauen oder dass ich an etwas Pornografisches denke. Ich habe es auch schon empfunden, wenn ich in einem tollen Auto saß oder auf einem Berggipfel stand. Das ist etwas ganz naturverbundenes und eng mit Gefühlen verbunden. Sex, der kein gefühlter Sex ist, ist kein Sex.

Kann man das lernen?

Ja, durch viel fühlen üben. Ich würde sagen, dass der Weg oft dort ist, wo der Schmerz liegt. Wir machen so viel nicht im Leben, weil wir genau davor Angst haben. Im Laufe der vielen Jahre vermeiden wir das immer mehr. Auf diese Weise werden wir sichere, selbstbewusste Erwachsene, in Wirklichkeit sind wir nur noch Menschen aus Beton, indem wir als Erwachsene alle Dinge, die uns verunsichern, vermeiden. Wo wir nur mehr einen kleinen Teil haben, mit dem wir fühlen. Alles andere ist eine sichere Kruste um uns herum. Das gilt es aufzubrechen und da müssen wir mit uns experimentieren. Zum Beispiel mit Meditation, Tantra-Gruppen, Selbstbewusstseinsübungen – das würde ich jedem Menschen raten. Ich finde sogar, man müsste die Männer per Verordnung in solche Therapien schicken.

Sie sind offenbar kein Anhänger monogamer Beziehungen – ist Monogamie die falsche Idee? Was wäre die Alternative?

Ich bin dafür, unsere Sexualität frei zu leben. Vollkommen. Die Form der monogamen Paarbeziehung, wie wir sie heute haben, ist eine von den Religionen vorgegebene Regel, und sie ist unnatürlich. In der ersten Verliebtheitsphase haben wir noch keine Bedürfnisse nach jemandem anderen. Das ist ein hormoneller Spuk. Das geht bei manchen Paaren über ein zwei Jahre, langsam verändert sich das. Warum sollte man, wenn sich diese Beziehungschemie verändert, starr daran festhalten? Würden wir uns da mehr öffnen, würden sich die Beziehungstypen, die wir erleben, von alleine ergeben.

Gibt es da gar keine Lösung?

Die Lösung sind die Gefühle und das tiefere Empfinden dabei. Ich glaube, dass sich die Sexualität in diesem Sinne dann wandeln muss. Es kann einfach nicht sein, dass man immer in der gleichen Stellung, auf die gleiche Art und Weise und mit dem gleichen Funkenstieben Sex hat. Das verändert sich. Es kommt dann vielleicht auch viel mehr Freundschaft hinzu und eine andere Beziehungsqualität. Deshalb bin ich dagegen, dass wir Beziehungen in diese Beziehungstypen einteilen. Es gibt nur die Paarbeziehung, die Freundschaft und die Bekanntschaft – da zählt noch die Arbeitsbeziehung dazu. Das ist engstirnig, da muss es Variationen geben.

Das Konzept der freien Liebe ist aber schon einmal gescheitert…

Stimmt. Aber das war halt gefühllos, da wurde einfach rumgemacht. Deshalb bin ich so für die Aufrechterhaltung der Gefühle. Da geht das nicht mehr so einfach, dass man nur mehr durch die Gegend schnackselt.

Waren Sie je verheiratet?

Ja, einmal.

Mit Treugelübde?

Ja, ich habe das probiert. Ich hatte vorher schon auch langjährige Beziehungen, ohne Trauschein, aber mit entsprechendem Treuegelübde. Die haben jeweils drei bis vier Jahre gedauert. Das war so ein Wendepunkt, da war dann alles anders. Ich glaube, das ist so ein Zeitraum, wo die ganzen Gewohnheiten anfangen, Fuß zu fassen. Und da müsste man in einer Beziehung einen neuen Impuls reinbringen.

Buch und Autor

Christian Seidel gilt als bekannter Autor für Genderthemen und Selbsterfahrungsprojekte. In seinem Bestseller „Die Frau
in mir“ beschreibt er den mehrjährigen Selbstversuch, in die Rolle einer Frau zu schlüpfen. Unter dem Titel „Christian und Christiane“ wurde das Projekt für Arte verfilmt. Im Nachfolgewerk „Gender-Key“ setzt sich Seidel kritisch mit Geschlechterklischees auseinander. Sein neuestes Buch „Ich komme. Was Mann beim Sex fühlt. Eine Grenzüberschreitung.“ ist bei Heyne erschienen. 320 Seiten, 13,40 Euro,www.christianseidel.de