Leben
27.06.2018

Teenie-Sex: Dieser YouTube-Star ist die neue Dr. Sommer

Die spanische Vloggerin Chusita überrascht mit einem offenen Aufklärungsbuch.

Meine Freundin möchte mit mir schlafen, aber ich fühle mich noch nicht bereit. Bin ich krank?

Mein Freund möchte, dass ich die Pille nehme, aber ich habe Angst vor Nebenwirkungen. Was rätst du mir?

Ich bin mit jemandem zusammen, der möchte, dass ich ihm Nacktfotos schicke. Was soll ich tun?

Es sind Fragen wie diese, die die 31-jährige Chusita regelmäßig über ihren YouTube-Kanal erreichten. Ursprünglich drehte sich dort alles um Mode, doch irgendwann führte die Vloggerin (Video-Bloggerin) die Rubrik „Ich an deiner Stelle...“ ein, wo sie die Anliegen ihrer jugendlichen Zuseher beantwortete. Die Inhalte waren fast immer die gleichen: Sex, Verliebtsein, körperliche Veränderungen während der Pubertät. „Ich merkte, dass viele verwirrt sind, wenn es um Sexualität geht – genauso wie ich in ihrem Alter. Da dachte ich, es wäre gut, ein Buch zu schreiben, in dem ich den jungen Leuten sagen kann, was ich damals so gerne gewusst hätte.“

Denn die Spanierin besuchte eine Klosterschule, in der sexuelle Aufklärung nur bedingt eine Rolle spielte. „Die Lehrer brachten uns alles über Fortpflanzung bei und zu Hause zeigten mir meine Eltern, wie man Kondome verwendet. Aber niemand sprach mit mir über Gefühle oder was in meinem Körper passiert, wenn ich jemanden mag. Mein Buch soll dazu beitragen, dass sich Jugendliche nicht verloren fühlen und ihnen zeigen, was alles natürlich ist.“

Am kommenden Freitag erscheint Chusitas Aufklärungsbuch mit dem schlichten Titel „Sex“ auf Deutsch, insgesamt wurde es bereits in sieben Sprachen übersetzt – ein Überraschungserfolg. Auf 160 Seiten erläutert die Autorin erfrischend unaufgeregt Themen wie Masturbation, Oralsex und Verhütung, gibt Tipps und entzaubert Mythen. Dabei nimmt sie sich kein Blatt vor den Mund, so plakativ wie das neonfarbene Cover ist auch der Inhalt. Da werden vermeintliche Tabus wie Analsex oder Bisexualität besprochen, die Comics zeigen ganz bewusst auch zwei Mädchen bzw. zwei Burschen, die einander küssen.

Das Wichtigste steht wahrscheinlich zwischen den Zeilen: Was du fühlst, was dich erregt, ist nicht peinlich, kein Tabu – sondern ganz normal.

Sexleben wird vielfältiger

Damit spiegelt die Spanierin durchaus die Lebensrealität der Teenies wider, wie vor wenigen Monaten eine groß angelegte britische Studie zeigte: Das Sexleben der 16- bis 24-Jährigen ist demnach heute viel facettenreicher als noch vor 25 Jahren (vor allem der Anteil jener, die Analsex praktizieren, ist gestiegen). Schon damals forderten Sexualpädagogen, dass die Lehrpläne den geänderten Bedürfnissen der Jugendlichen angepasst werden sollten. Eine andere Befragung kam 2015 zu dem Schluss, dass nahezu die Hälfte der Millennials bisexuelle Neigungen verspürt.

„Es ist offensichtlich, dass das Thema sexuelle Aufklärung modernisiert werden muss“, betont Chusita. „Wir müssen damit ganz normal umgehen und es von Tabus befreien. In der Schule und in der Familie sollten wir natürlich über Sex sprechen und nicht nur über biologische Prozesse wie die Menstruation.“

Die Sexualpädagogin Bettina Weidinger sieht das ähnlich. Fragen wie jene, die Chusita in ihrem Buch beantwortet, kennt sie von Workshops mit Schülern. „Es geht nicht so um die Facts wie etwa Verhütung, da wissen sie viel mehr als noch vor 30 Jahren. Planlos sind sie bei Dingen, die man nicht pragmatisch einordnen kann, wo es um subjektive Wahrnehmung geht. Vor allem beim Thema Erregung gibt es ganz viele Fragen und Mythen.“ Die klare Sprache im Sex-Ratgeber der YouTuberin findet sie wichtig – „Klarheit sollte aber kein Synonym für Grenzüberschreitung sein“. Der Erfolg des Buches zeige, dass es bei den Teenagern ein großes Bedürfnis gebe, Sexualität ehrlich und konkret zu besprechen. „Und ich denke, dass Erwachsene diesem Bedürfnis oft zu wenig nachkommen, denn ihre Antwort ist oft nur eine Broschüre. So erreicht man die Jugendlichen nicht.“

Die logische Folge: Die Generation Internet vertraut nicht mehr nur bei Lippenstift-Kaufempfehlungen auf Vorbilder aus dem Netz, sondern auch bei Sex- und Beziehungsfragen. Was früher Dr. Sommer war, ist heute die Lieblings-YouTuberin – ungeachtet dessen, ob sie über eine sexualpädagogische Ausbildung verfügt. „Mich wundert das nicht“, sagt Weidinger. „Sie sind präsent, sympathisch und respektvoll. Das Wort ‚Pubertät‘ ist bei vielen Erwachsenen immer noch oft negativ konnotiert. Die Herausforderung wäre, dass sie nicht nur ein Gesprächsangebot schaffen, sondern ihren Kindern auf Augenhöhe begegnen.“ Im Grunde, sagt die Pädagogin, könne so jeder ein „Rolemodel“ für Junge werden. „Man muss dafür nicht mal YouTuber sein.“