Leben
23.07.2018

Studie: Warum Frauen den Orgasmus nicht vortäuschen sollten

Ein Viertel aller Ehemänner überschätzt die Orgasmen ihrer Partnerinnen in puncto Häufigkeit. Warum das problematisch ist.

Der weibliche Orgasmus wird überschätzt. Nicht nur in puncto Qualität, sondern vor allem bei der Quantität. Heißt: Männer denken, ihre Partnerinnen kommen öfter zum Höhepunkt, als dies tatsächlich der Fall ist. Das haben Forscher der US-amerikanischen Brigham Young University nun herausgefunden. Befragt wurden insgesamt fast 1.700 frisch verheiratete, heterosexuelle Männer und Frauen. Publiziert wurde die Erhebung im Journal of Sexual Medicine.

Es zeigte sich: 43 Prozent der Männer hatten eine falsche Wahrnehmung davon, wie oft ihre Partnerinnen beim Sex einen Orgasmus erleben. Während von den befragten Ehemännern 87 Prozent angaben, bei jedem Geschlechtsverkehr zum Höhepunkt zu kommen, trafen nur 49 Prozent der Frauen dieselbe Aussage. 25 Prozent der Männer dachten, dass dieser Prozentsatz wesentlich höher sei.

Penetration statt Stimulation

Für Kate Moyle, Sexualpsychologin und Paartherapeutin, deuten die Ergebnisse zum einen darauf hin, dass Sex nach wie vor häufig als reine Penetration verstanden wird – zum Nachteil der Frauen, die dadurch oft nicht auf ihre Kosten kommen. "Der ganze Fokus liegt auf dem Geschlechtsverkehr und weniger auf der klitoralen Stimulation", sagte die Expertin im Interview mit dem britischen Guardian. Moyel fordert, die sexuelle Bildung von Männern und Frauen in dieser Hinsicht voranzutreiben, um beiden Geschlechtern ein gleichsam befriedigendes Sexualleben zu ermöglichen.

Zum anderen deutet die Tatsache, dass Männer die Orgasmen ihrer Partnerinnen überschätzen, auch darauf hin, dass Frauen den Höhepunkt nicht selten vortäuschen. Dies kann aus diversen Gründen passieren, wie eine Studie aus dem Jahr 2014 belegt. Demnach werden vorgetäuschte Orgasmen unter anderem dazu benutzt, den Sex rascher zu einem Ende zu bringen. Frauen verfolgen damit auch eine Luststeigerung – oder sie "faken", um Gefühle der Unsicherheit, Unzulänglichkeit und Ängste, die mit vermeintlicher "Orgasmusunfähigkeit" verbunden sind, zu verdrängen. In den allermeisten Fällen wird allerdings vorgetäuscht, um die Gefühle des Partners nicht zu verletzen.

Problematisch ist das Moyle zufolge vor allem deshalb, weil dadurch eine offene und ehrliche Kommunikation und das Sexleben der Paare gehemmt wird. "Wenn man anfängt Orgasmen vorzutäuschen, bekommt man vielleicht das Gefühl, dass man damit weitermachen muss und das baut wiederum eine Mauer in der Kommunikation darüber, was sich gut und was sich nicht so gut anfühlt, auf", schildert sie. Bei Frauen können sich dadurch Hemmungen, den Partner über die ausbleibenden Höhepunkte aufzuklären, aufbauen. "Und der Mann denkt, dass sie eine gute Zeit hat und er nichts anderes machen muss." Eine Pattsituation entsteht.

Schweigen über weibliche Lust

In der aktuellen Studie konnte auch herausgefunden werden, dass 17 Prozent der Ehemänner die Erregung, die Frauen beim Sex mit ihnen erleben, unterschätzen. Für Moyle ebenfalls Ausdruck mangelnder sexueller Bildung. "Über die weibliche Lust wird nicht viel vermittelt", kritisiert sie. Während in der Pornographie der weibliche Orgasmus meist laut und eindeutig dargestellt werde, wird der Höhepunkt von Frauen im realen Leben weitaus diverser erlebt. Dies führe wiederum nicht selten zu einer Verunsicherung beim Mann, der die Reaktion seiner Partnerin nicht zu deuten weiß – und sie damit unterschätzt.

Wie auch immer die Erfahrungen in dieser Hinsicht bei Paaren gelagert sind: Für Moyle ist ein offener Umgang mit dem Thema zentral. Hilfreich sei, Gespräche über Sex nicht unmittelbar im intimen Setting, sprich vor oder nach dem Geschlechtsverkehr, sondern in einer neutralen Gesprächssituation zu führen. Ratsam sei auch, die Konversation positiv zu gestalten – anstatt mit harscher Negativkritik einzusteigen.