Leben
06.07.2018

Die Rolle von Sex wird überschätzt

Es muss nicht oft zur Sache gehen – ab dem dritten Jahr gibt es für Paare Wichtigeres, zeigt eine Umfrage.

Frisch Verliebte tun es öfter als Langzeitpaare: Wie wichtig Sex in einer Beziehung ist, hängt von deren Dauer ab. Ab dem dritten Jahr nimmt zumindest die Häufigkeit deutlich ab – die meisten Paare haben dann einmal in der Woche Sex. In den Jahren davor geht es laut einer aktuellen Umfrage von Marketagent.com für die Online-Partnerbörse Parship, gefragt wurden 1000 Österreicher im Alter von 18 bis 69 Jahren, noch mehrmals die Woche zur Sache.

Ist die Beziehung in Gefahr, wenn die Lust aufeinander schwindet? Die Umfrage-Ergebnisse sagen etwas anderes: Österreichische Paare sind trotzdem zufrieden mit ihrem Liebesleben. Sandra Gathmann wundert das nicht. Die Sexual- und Paartherapeutin aus Wien findet, dass Sex oft zu sehr gesellschaftlichen Normen unterliegt: „Die Veränderung des Sexualverhaltens wird auch von Paaren oft zum Problem konstruiert, während sie mit anderen Entwicklungen in den ersten Jahren oft entspannter umgehen.“ Als Therapeutin begleitet sie Menschen dabei, Vor- und Nachteile einer solchen Entwicklung abzuwägen.

Während der Sex ab dem vierten Jahr also weniger wird, nehmen andere Dinge an Wichtigkeit zu – das gaben auch die befragten Personen in der Studie an: Eine gemeinsame Zukunft zu planen und ein glückliches Familienleben zu führen, steht für rund 90 Prozent an erster Stelle. Für die meisten verändert sich die Partnerschaft im Laufe der Jahre also tatsächlich zum Positiven.

Beziehungsdauer

Zeit um die Vertrautheit zu genießen, bleibt etlichen Paaren: 14 Jahre lang sind Österreicher im Schnitt mit einem Partner zusammen, wie eine europäische Umfrage 2017 ergab. Scheiden lassen sich die meisten früher: Die durchschnittliche Ehe dauert rund elf Jahre. Dass der Sex bei fast allen Paaren ab dem dritten Jahr weniger wird, ist kein Zufall. Gathmann begründet die Entwicklung auch mit der Beziehungsphase, in der sich Paare dann befinden, wobei sie darauf hinweist, dass das auch wieder sehr individuell sein könne. „Der Hormoncocktail der Verliebtheitsphase hat Einfluss auf die sexuelle Lust, das kann man nicht leugnen. Wenn man verliebt ist, sieht die Gehirnaktivität fast so aus wie unter Kokain“, führt sie aus.

Für manche Menschen sei Sex in einer frischen Beziehung häufig auch ein Mittel, um die Beziehung zu sichern – unbewusst: „Von der Gesellschaft wird suggeriert, dass Beziehungen ohne regelmäßigen Sex nicht glücklich sein können“, ist die Paartherapeutin überzeugt. Wenn Partner über die Jahre miteinander vertrauter werden, kann dies auch Auswirkungen auf das Sexleben haben, weil dieses von anderen Faktoren gespeist wird als jene einer stabilen Beziehung, erklärt Gathmann: „Sexualität lebt anders als Partnerschaft von Fremdheit, Differenzen und Risiken. Das läuft wiederum der Beziehungssicherung zuwider.“

Mit den Beziehungsjahren nehme der Sex aber nicht kontinuierlich weiter ab. „Die Häufigkeit pendelt sich meist nach etwa drei Jahren ein und bleibt dann in der Regel konstant.“ Dass laut Parship-Umfrage mit der abnehmenden Frequenz von Sex auch die Zufriedenheit damit sinkt, sieht die Sexualtherapeutin kritisch: „Oft wird bei solchen Umfragen nicht definiert, was unter Sex verstanden wird. Der Geschlechtsverkehr ist ja nicht das ganze Spektrum. Außerdem zeigen die statistischen Daten keinen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit und der sexuellen Zufriedenheit auf.“

Paare sollten sich mit solchen Statistiken nicht vergleichen: „Das kann unnötigen Stress verursachen.“ Es gebe keinen Richtwert, der besagt, wie viel Sex man in einer glücklichen Beziehung haben muss.