Leben
05.03.2017

Streikaufruf: Ein Weltfrauentag ohne Frauen

Aktivistinnen legen für einen Tag ihre Arbeit nieder – eine Protestaktion für mehr Gleichheit.

Was passiert, wenn fast alle Frauen eines Landes ihre Arbeit für einen Tag ruhen lassen? Die Isländerinnen haben es schon im Jahr 1975 vorgemacht: Am 24. Oktober haben 90 Prozent von ihnen sowohl die Erwerbs- als auch die unbezahlte Hausarbeit nieder- und damit das Land lahmgelegt. Flüge mussten gestrichen werden, Schulen blieben geschlossen, Zeitungen konnten nicht gedruckt werden. Heute steht Island laut dem Global Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums in puncto Gleichstellung auf Platz eins.

Auch hierzulande haben Frauen vorheriger Generationen hart für ihre Rechte gekämpft. Doch immer mehr junge Frauen sehen diese Errungenschaften in Gefahr. "Die Debatte rund um die mögliche Verschärfung des ohnehin schon strikten Abtreibungsgesetzes in Polen und Donald Trumps Kampf gegen die Rechte von Homo- und Transsexuellen zeigen, dass wir uns in einigen Punkten rückwärts bewegen", erklärt Natalie Assmann vom Kollektiv "Frauen wollen mehr". Die Gruppe, die sich aus Aktivistinnen aus den Bereichen Medien, Wirtschaft, Kunst, Kultur und Politik zusammensetzt, hat für den 8. März, den Internationalen Frauentag, einen österreichweiten Frauenstreik ausgerufen. Denn für Assman zeigen die weltpolitischen Entwicklungen klar, dass Feminismus heute wichtiger denn je ist.

Streik gegen Populisten

Genau so sehen das zwei ihrer Mitstreiterinnen, Mahsa Ghafari und Anna Müller-Funk. Mit dem Streikaufruf wollen die Aktivistinnen ein Zeichen gegen die Populisten setzen, "die weltweit ihr Unwesen treiben". Mit ihrem Protest schließen sie sich dem Aufruf für einen weltweiten Generalstreik unter dem Motto "A Day Without A Woman" (Ein Tag ohne eine Frau) an. Dieser wurde kurz nach den weltweiten Protesten am 21. Jänner 2017 gegen den neuen US-Präsidenten Donald Trump ausgerufen. Millionen Frauen gingen im Zuge dieser auf die Straßen, um ein Zeichen gegen sein frauenverachtendes Verhalten zu setzen – auch in Österreich.

Globale Bewegung

Die Initiatorinnen des Women’s March machten von Beginn an klar, dass es nicht bei dieser Protestaktion bleiben soll. Vielmehr sollte der Marsch Ausgangspunkt einer globalen Bewegung sein, die nicht nur für die Rechte von Frauen, sondern für Menschenrechte im Allgemeinen einsteht.

Dass es in Österreich aufgrund des Streiks ebenfalls zu einem Stillstand kommen könnte, halten die Aktivistinnen von "Frauen wollen mehr" für unwahrscheinlich. Schon alleine deswegen, weil nicht jede Frau ihren Arbeitsplatz einfach verlassen kann. Darum sei es auch jeder Frau selbst überlassen, ob sie eine Stunde, einen ganzen Arbeitstag streikt oder ihre Solidarität lieber durch das Tragen von Schwarz zeigen will. Im Ankündigungstext zum Streik heißt es: "Egal, ob wir angestellt oder selbstständig sind, ob wir Hausarbeit erledigen müssen oder Kinder betreuen – am Internationalen Frauentag machen wir das alles einfach nicht."

"Es ist uns bewusst, dass ein Streik für viele Frauen nicht möglich ist, weil gerade Frauen oft prekär beschäftigt sind", sagt Assmann. Sie ist selbständig als Regisseurin, Schauspielerin und Aktivistin und wird aus Solidarität mit anderen Frauen am 8. März nicht arbeiten. "Uns geht es bei dem Streik auch darum, Frauen ihre machtvolle Position bewusster zu machen", sagt Ghafari. Zu den konkreten Forderungen von "Frauen wollen mehr" zählen unter anderem jene nach Frauenquoten in Führungspositionen, die Aufwertung von sogenannten Frauenberufen, gleicher Lohn für gleiche Arbeit sowie die Umsetzung von Maßnahmen für die Förderung von Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Frage der Priorität

Letzteres zu ermöglichen, sei laut Müller-Funk eine Frage der Priorität. "Was sollte auch sonst der Grund dafür sein? Wir leben in einer Zeit, in der man zum Mond fliegen kann, aber noch immer keine Lösung für die Doppelbelastung durch Kind und Karriere gefunden hat."

Geschichte

Der Weltfrauentag entstand in der Zeit um den Ersten Weltkrieg im Kampf um die Gleichberechtigung und das Wahlrecht für Frauen. Der erste Frauentag fand am 19. März 1911 in Deutschland, Dänemark Österreich-Ungarn und der Schweiz statt. Auf Beschluss der Vereinten Nationen (UN) wird er seit 1977 am 8. März begangen.

Aktionen

Wien: Um 17.00 Uhr streiken Alleinerzieherinnen vor dem Parlament. Im Rathaus wird Besucherinnen von 15.00 bis 19.30 Uhr ein umfangreiches Programm mit Workshops, Lesungen und Führungen geboten. Informationen unter www.wien.gv.at/menschen/frauen

Graz: Demo vom "8. März Komitee" um 17.00 Uhr beim Griesbäcker am Griesplatz.

Linz: Demo von "Feminismus und Krawall" um15.00 Uhr beim Volksgarten, Musiktheater Linz.