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freizeit Leben, Liebe & Sex
12/23/2018

Shooting Star aus Wien: So sehen Sieger aus

Nico Langmann ist einer, der viel im Leben gewinnen kann - und das nicht nur beim Rollstuhltennis.

von Uwe Mauch

Und wieder treibt er mit einer phänomenal gespielten Rückhand seinen Trainer in die Ecke des Tennisplatzes, um in der nächsten Sekunde den Rollstuhl kräftig anzutauchen und mit einem Volley erfolgreich abzuschließen. Manchmal gelingt das an diesem Vormittag, machmal nicht.

„Der Volley am Netz zählt nicht zu meinen Stärken“, erklärt Nico Langmann den Zweck dieser intensiven Übung. Der 21-jährige Wiener hat erst am Wochenende eine Kräfte raubende Saison beendet. Doch will er sich bis Weihnachten keine Ruhephase gönnen.

Langmann ist aktuell die Nummer 24 der Welt, zählt somit zur erweiterten Weltspitze im Rollstuhl-Tennis. Doch er hat auch abseits des Tennisplatzes etwas, was ihn auszeichnet. Unverkrampft geht er mit seiner Behinderung um.

„Ich war zwei Jahre alt, als es passiert ist“, erzählt der Profi-Sportler während einer kurzen Trinkpause. Er kennt den Unfallhergang selbst nur aus Erzählungen. Ungefähr so muss es gewesen sein: Seine Mutter war mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Alex und ihm auf dem Weg zum Schnee. Es war bereits dunkel, als sein Leben auf der Autobahn A1 in Oberösterreich früh in eine so nicht vorgesehene Richtung schleuderte.

Seine Mutter sah den nicht beleuchteten Wagen, den ein Führerscheinnovize mitten auf der Autobahn geparkt hatte, spät, zu spät. Nach dem Aufprall prallte ihr Auto gegen die Leitplanke. Hätte und wäre gibt es in der Erzählung von Nico Langmann nicht. Daher stellt er sich auch nicht die Frage, was gewesen wäre, hätte er sich mitteilen und den Ärzten im Krankenhaus in Vöcklabruck sagen können, dass er seine Beine, die ein Monat lang in Schienen gelegt waren, nicht spüren kann.

Zurück zum Tennis: Anstatt Urlaub zu machen, trainiert er am Vor- und am Nachmittag. Sein sportliches Ziel für 2019 ist klar definiert: „Ich will unter die Top-8.“ Dann könnte Langmann mit seinem Freund Dominic Thiem nach Wimbledon oder Flushing Meadows fliegen und dort zeitgleich und in Sichtweite spielen. Denn bei Grand-Slam-Turnieren spielen die besten acht Rollstuhl-Tennisspieler neben den Weltstars.

Landsmann Thiem und der Spanier Rafael Nadal sind seine Vorbilder: „Weil sich beide ihre Erfolge ehrlich erarbeitet haben“, begründet das der Bundesheer-Angestellte, bevor er wieder an seinem Angriffsspiel feilt. Training ist in der Vorbereitungszeit von Montag bis Samstag – in einer Tennishalle im Westen von Wien sowie in der Kraftkammer. Auf dem Platz arbeitet er hartnäckig an Defiziten. Fordert von sich: „Ich muss meinen Return verbessern, muss offensiver ins Feld rein.“

Sein Trainer Patrick Mayer, selbst einmal Weltranglistenspieler, schont ihn beim Training nicht. Zwischen zwei Bällen sagt er: „Der Nico ist auf dem Platz eine Kämpfernatur und auch als Mensch absolut top.“

Als Mensch vergisst das Tennis-Ass nicht, einigen Mitmenschen zu danken: Seinem Vater, der nach dem Unfall seinen Job wechselte („von der Bank in die Medizinbrache“). Seiner Mutter, die ihren Job aufgab und sich unbezahlt um ihn kümmerte („immer lösungsorientiert, mit einem unglaublichen Drive“). Seinem Bruder, der ihm den Weg zum Tennis ebnete („am Anfang habe ich ja nur jede fünfte Kugel getroffen“). Auch all den Menschen im Österreichischen Behindertensportverband, die immer an ihn geglaubt haben („im internationalen Vergleich galt ich lange Zeit als nicht besonders talentiert“).

Tränen in den Augen

Zwischen dem Training am Vor- und dem Training am Nachmittag bestellt Nico Langmann in der Kantine eine Tasse Tee. Dann erzählt er vom bisher schönsten Moment in seiner noch jungen Sportlerkarriere. Den hat er in Rio de Janeiro erlebt, bei den Paralympics im Sommer 2016: „Als wir Sportler in das riesige Maracana-Stadion eingezogen sind und ich auf der Tribüne meine Familie erkennen konnte, eine rot-weiß-rote Fahne schwenkend, da hat es mir die Tränen in die Augen getrieben.“

Der Sport lässt derzeit wenig Luft für andere Betätigungen. Doch wenn es sein Trainings- und Turnierkalender erlaubt, wirbt der Sympathieträger für die Inklusion behinderter Menschen. Sein Impetus: „Ich trete für ein anderes, ein positiveres, ein reales Bild von Menschen mit Behinderung ein.“

Das scheint auch weiterhin notwendig. Behindert werden Behinderte in erster Linie von Nichtbehinderten, etwa von jenen Lehrkräften, die seinen Eltern und ihm einen Volksschulplatz in Aussicht gestellt und kurz vor Schulbeginn wieder entzogen haben. Es kommt nicht oft vor, dass Nico Langmann böse Miene macht. Aber da fehlt auch ihm das Verständnis.

Dass er sein geliebtes Tennisspiel zum Beruf machen konnte, beschreibt er hingegen als ein Geschenk: „Ich kann jeden Tag an meiner eigenen Perfektion arbeiten, im direkten Vergleich zur Weltelite, sehe auch sofort, was ich weitergebracht habe. Das ist schon cool.“

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