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Leben
07/11/2019

Shitstorm-Feuerwehr: Neue Initiative hilft bei digitaler Gewalt

Hass im Netz kann schwerwiegende Folgen haben - für den Einzelnen, aber auch für die Gesellschaft.

von Julia Pfligl

Es war Anfang des Jahres, als ihre Twitter-Seite plötzlich mit Beleidigungen, Beschimpfungen und Morddrohungen geflutet wurde. Die bekannte deutsche Journalistin, sie möchte ihren Namen nicht in der Zeitung lesen, hatte zuvor einen Tweet abgesetzt, der den rechtsextremen Mob zu einem Shitstorm, also einer Lawine von Hasspostings, animierte.

Die Journalistin hatte schon resigniert, sich zurückgezogen, den Hass über sich ergehen lassen. Dann entdeckte sie in ihrem überfüllten Postfach die Nachricht von Anna-Lena von Hodenberg: Sie könne ihr helfen, sich zu wehren, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen.

Frauen als Zielscheibe

Die Deutsche, selbst gelernte Fernsehjournalistin, ist Geschäftsführerin der neuen Initiative HateAid (etwa: Hasshilfe), eine gemeinnützige Organisation, die Opfern digitaler Gewalt im deutschsprachigen Raum beisteht – emotional, vor allem aber juristisch. Das Wort „Gewalt“ verwendet sie bewusst, denn die Folgen von Angriffen im Netz ähneln jenen von physischer Gewalt: körperliche Beschwerden, Panikattacken, Depressionen, sozialer Rückzug. Betroffen sind nicht nur Prominente, zeigt eine deutsche Studie von 2018: 78 Prozent der Internetnutzer wurden in Foren, Chats oder sozialen Medien Zeuge von Hasskommentaren. Frauen, die für Feminismus oder Geflüchtete einstehen, werden besonders oft zur Zielscheibe, meist in Form von sexualisierten Beleidigungen (man erinnere sich an den Fall Sigi Maurer). Laut einer Studie der Opferhilfe Weisser Ring war bereits eine von drei Österreicherinnen von Gewalt im Internet betroffen.

„Wir haben zugelassen, dass es im Internet eine Kultur des Hasses gibt. Wenn einen jemand in der U-Bahn wüst beschimpft, würde man sofort die Polizei rufen. Im Netz sieht man darüber hinweg“, sagt HateAid-Chefin von Hodenberg. In 55 Fällen wurde HateAid bisher tätig, konnte fünf Unterlassungserklärungen und zwei einstweilige Verfügungen erwirken, die meisten Verfahren seien noch anhängig. Wittert das Team einen „Hatestorm“, werden die Kommentare auf ihre Strafbarkeit überprüft und die Täter identifiziert. Dann übernehmen spezialisierte Juristen, mit denen HateAid kooperiert: Sie erwirken Unterlassungserklärungen oder Schadenersatzzahlungen bis zu 3.000 Euro, in selteneren Fällen kommt es zu einer Gerichtsverhandlung. Etwa 25 Prozent seien uneinsichtige Überzeugungstäter vom rechten Rand, die unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit andere beschimpfen und bedrohen. Die große Mehrheit zeige Reue, wenn man sie auf ihre Verfehlung hinweist: „Das sind oft gutbürgerliche Familienväter, die sich in der aufgeheizten Stimmung zu rassistischen und sexistischen Kommentaren hinreißen lassen. Meist sind sie selbst erschrocken über ihre Verrohung.“

Die Organisation zahlt die Anwälte und trägt das Prozessrisiko, Schmerzensgeld oder Schadenersatz fließt in einen Fonds, um künftige Klagen zu finanzieren. Der Hintergedanke: Es sollen sich auch jene gegen Hetze wehren, die sich selbst keinen Anwalt leisten können.

Gefahr für Demokratie

Die deutsche Journalistin entschloss sich, juristisch gegen ihre Hater vorzugehen – nicht aus persönlicher Rachsucht, sondern aus einer gesellschaftlichen Verantwortung heraus. Denn der digitale Hass ist nicht nur ein Problem für den einzelnen Betroffenen, sondern für die gesamte Gesellschaft, erklärt von Hodenberg. „Das Internet ist mittlerweile der Ort, an dem wichtige gesellschaftliche und politische Debatten geführt werden. Digitale Gewalt führt dazu, dass die Menschen aus Angst vor Hass und Hetze ihre Meinung nicht mehr aussprechen. Das ist eine ernste Bedrohung für unsere freie Demokratie.“

Von Hodenberg wünscht sich mehr Zivilcourage und Solidarität für Menschen, die im Auge des Shitstorms stehen. „Wir haben uns an den aggressiven Ton im Netz gewöhnt. Aber der Hass wird nur verschwinden, wenn wir uns wehren und den Tätern zeigen, dass das Internet kein rechtsfreier Raum ist.“ Eines dürfe man nicht vergessen: Verglichen mit allen Internetnutzern sind die Hasser und Hetzer eine Minderheit. Sie schreien nur besonders laut.