Leben
21.04.2018

RunNa: Drei Läufer. Drei Premieren. Ein Ziel: Marathon!

Über den Vienna City Marathon und damit verbundene Wünsche und Träume.

Berlin, du bist so wunderbar!“ Kaiserbase spricht mir mit seinem Song aus der Seele. Denn Berlin und ich, wir sind ganz dick miteinander. Vor zehn Jahren (ui, wirklich schon so lange her) habe ich mich in die Stadt oben an der Spree verliebt. Es war Liebe auf den ersten Blick: Mich faszinierte der Lifestyle, die Coolness, die Offenheit, Berlin eben. Wer die Stadt kennt, weiß was ich meine.

Es folgten unzählige Aufenthalte, ein Auslandssemester. Dann ging es schweren Herzens doch wieder zurück nach Wien. Mit den Jahren haben sich die Prioritäten geändert: Früher habe ich meine Ausdauer bei den Berliner Partynächten bewiesen, heute mache ich das lieber auf 42,195 Kilometern. Als ich beschloss, meinen ersten Marathon zu laufen, musste ich daher nicht lange überlegen, wo ich am Start stehen möchte: Berlin, Berlin, ich will die Premiere in Berlin!

Nun gut, meine Premiere ist mittlerweile gut zweieinhalb Jahr her. Dennoch kribbelt es auch heute noch, wenn ich an die Zeit damals zurückdenke. Das Training. In dem sich langsam aber sicher abzeichnete, dass ich die magische Vier-Stunden-Marke knacken kann. Die Tage davor. In denen ich mich fühlte, wie ein Emotions-Jojo. Denn die Taperingphase bringt es unweigerlich mit sich, dass man nichts mehr tun kann, außer möglichst nichts zu tun. Warten. Abwarten. Eine Achterbahnfahrt der Gefühle ist vorprogrammiert. Immer. Vor jedem Marathon. Aber ganz besonders vorm ersten.

Wien ist anders. Anders als Berlin. Obwohl die Gesamtteilnehmerzahl annähernd gleich ist, etwa 42.000 sind es in Wien, rund 44.000 in Berlin, unterscheiden sich beide Städte in einem gravierend: Berlin ist eine reine Marathonveranstaltung. Man könnte auch sagen: Berlin ist Marathon! In meinem Premierenjahr 2015 haben insgesamt 36.767 Läufer die Ziellinie nach 42,195 Kilometer überquert. Zum Vergleich: Beim Vienna City Marathon ist die eigentliche Königsdisziplin diejenige, mit den wenigsten Meldezahlen. Dementsprechend haben von den rund 42.000 gemeldeten Läufern im vergangenen Jahr gerade einmal 6319 den Marathon gefinished. Etwa 16.000 waren für den Halbmarathon gemeldet und etwa ebenso viele für die Staffel.

Doch genug von mir und Statistiken. Vor den Vorhang will ich heute jene holen, die am Sonntag beim 35. Vienna City Marathon zum allerersten Mal die 42,195 Kilometer in Angriff nehmen. Wer sind sie, was treibt sie an und was geht ihnen einen Tag vor dem großen Tag, auf den sie sich monatelang vorbereitet haben, durch den Kopf? Drei Läufer. Drei Geschichten. Ein Ziel: Marathon!

Renate: Die Genussläuferin

Eine von ihnen ist Renate. Die 52-jährige Niederösterreicherin hat 2017 den Entschluss gefasst, ihren ersten Marathon zu laufen. Gesprochen darüber habe sie schon öfter, aber wirklich in die Tat umgesetzt bisher noch nicht. Das sollte sich mit ihrer Teilnahme beim VCM 2017 ändern. „2015 stieg ich nach einer mehrjährigen Pause wieder ins Lauftraining ein. Ich bin damals mit der Tochter von einem Freund gelaufen. Julia ist zwar 20 Jahre jünger als ich, aber wir waren damals ungefähr auf dem gleichen Niveau.“ Renate lief nach eigenen Angaben davor schon 15 Jahre fast täglich die gleiche Runde. „Etwa acht Kilometer zum Entspannen“, wie sie sagt. Doch eine Verletzung brachte eine längere Zwangspause mit sich.

Nach ihrem Wiedereinstieg erhielt sie von Freundin Julia als Weihnachtsgeschenk einen Startplatz für den VCM Halbmarathon, den sie 2016 in einer Zeit von 1:59:38 finishte. „Wir hatten keinen Plan, wenig Ahnung aber dafür viel Spaß an der Sache. Wie ich den HM unter zwei Stunden schaffte? Keine Ahnung! Nach diesem Lauf konnte ich mir auch nicht vorstellen jemals wieder so eine lange Distanz zu laufen. In der Folge lief ich einige 10-Kilometer-Läufe, immer um die 58 Minuten. Beim Frauenlauf in Wien 2017 meine bis dahin persönliche Bestzeit mit 56:17.“

Nachdem Julia in freudiger Erwartung war, redete sie mit deren Vater Stefan, ein erfahrener Läufer, über ihren Traum einmal einen Marathon zu laufen. Gesagt, getan. Nach einer Leistungsdiagnostik begann das Training. Stefan, bis dahin nur guter Freund, wurde zum Coach.

„Der Beginn war easy, 30 bis 40 Wochenkilometer waren keine Tragik. Dann steigerte ich die Langdistanzen und am 6. Jänner lief ich meinen erster 30er.“ Von da an begann „der Ernst“ – Training vier Mal die Woche. „Es galt fast täglich den inneren Schweinhund zu überlisten, aber die Fortschritte konnten sich sehen lassen. Das Puls/Pace Verhältnis wurde immer besser und auch meinem Laufstil schenkte ich mehr Beachtung. Stefan hat mich immer motiviert, gefördert und gefordert. Vor allem erklärte er mir immer warum die einzelnen Einheiten in ihrer Unterschiedlichkeit so wichtig sind und dass drei Sekunden schneller auf 100 Metern die Welt sind.“

In der jetzigen Tapering-Phase sei sie erleichtert, die anstrengenden Wochen hinter mir zu haben, aber auch „ängstlich, fast panisch vor dem großen Tag am Sonntag.“ Dabei gehen ihr zwei Fragen ganz besonders durch den Kopf: „Wird meine angepeilte Ziel-Zeit von 3:59:59 erreichbar sein oder ist das Vorhaben doch zu gewagt. Und werde ich den Mann mit dem Hammer begegnen?“

Michael: Der Allrounder

Auch Michael ist einer von rund 10.000 Läufern, die sich am Sonntag der Herausforderung Marathon stellen. Wie auch für Renate ist es sein erster. Warum Marathon und warum die Premiere in Wien? „Beschlossen am VCM teilzunehmen, habe ich im Dezember, als ich mir Gedanken über meine Ziele für die neue Saison gemacht habe. Wie für so viele andere Läufer ist auch für mich dieser Mythos Marathon ein großer Anreiz. Ich will meine eigene Geschichte auf diesen 42,195 km erleben. Dass der erste in Wien stattfinden soll, war eine leichte Entscheidung, denn es ist ja meine Stadt, in der ich lebe und trainiere, und ich habe so viele Freunde und Bekannte, die auch in irgendeiner Form aktiv am VCM beteiligt sind, dass ich diesen Heimvorteil bei meiner Premiere nutzen möchte.“

Der 30-Jährige läuft seit etwa zweieinhalb Jahren regelmäßiger und ambitionierter, wie er sagt. „Vom 5-Kilometer-Rennen auf der Tartanbahn bis zum 32-Kilometer-Trail-Lauf im bergigen Gelände war vieles dabei. Die Abwechslung macht’s einfach aus für mich. Meine Halbmarathon PB von 1:22 Std vom letzten Herbst gibt mir schon etwas Selbstvertrauen auch über die doppelte Distanz eine ordentliche Leistung zeigen zu können.“ Womit er auch schon bei seinem Ziel für die 42,195 ist: „Beim ersten Marathon wäre es, glaube ich, ziemlich vermessen den persönlichen Erfolg nur von einer bestimmten Zielzeit abhängig zu machen, da man sich ja in unbekanntes Terrain begibt. Das ist ja das Spannende an der Sache. In erster Linie will ich mal das Flair eines großen Städtemarathons miterleben und einfach die Herausforderung annehmen, am Sonntag den längsten Lauf meines Lebens zu absolvieren. Irgendwie schwirrt da im Hinterkopf schon die magische Drei-Stunden-Marke, die ich mir an einem wirklich guten Tag auch zutraue, aber mal schauen.“

Das Training sei jedenfalls sehr gut und verletzungsfrei verlaufen. „Ich habe im Durchschnitt fünf Tage pro Woche meine Laufschuhe geschnürt und bin dabei auf ein Pensum von etwa 70 bis 80 km gekommen, ohne jedoch einen spezifischen Plan für den Marathon zu verfolgen. Ich versuche zwar mit unterschiedlichen Belastungen Abwechslung in meinen Trainingsalltag zu bringen und zumindest einen längeren Lauf pro Woche unterzubringen, aber eigentlich mach ich meistens das, worauf ich Bock habe. Soll jetzt nicht heißen, dass ich nicht auch gerne mal die Komfortzone verlasse, aber ich höre da hauptsächlich auf meinen Körper.“

Die letzten Tage vor dem großen Tag beschreibt er so: „Es kribbelt schon gewaltig und alles was lange Zeit so weit weg schien, steht plötzlich vor der Tür. Das Besondere an der Situation ist auch das Gefühl einer gewissen Hilflosigkeit, da das Fundament bereits gelegt wurde und falscher Last-Minute-Ehrgeiz sich wohl nur noch negativ auswirkten kann und dafür sorgt, nicht mit 100 Prozent an der Startlinie stehen zu können. Beim Gedanken an Sonntag und leichten Zweifeln, die dabei aufkommen, versuche ich vor allem die guten und positiven Trainingsmomente der letzten Wochen nochmal Revue passieren zu lassen und ruhig zu bleiben. Ich weiß, dass meine Freundin, Family und Kumpels wegen mir an der Strecke stehen werden um mich anzufeuern und mich im Ziel zu empfangen. Das ist nicht selbstverständlich und motiviert mich natürlich möglichst schnell das Ziel zu erreichen.“

Heidi: Die Talentierte

Die Dritte im Bunde, die ich an dieser Stelle gerne vorstellen möchte, ist Heidi. Die Freundin von einem der schnellsten Marathonläufer Österreichs, Valentin Pfeil, hat sich gemeinsam mit zwei Freundinnen vorgenommen am kommenden Sonntag ihren ersten Marathon zu laufen. „Wir wohnen alle drei in Wien und haben am 3. September 2017 bei einem Glas Rotwein den Plan geschmiedet, den kommenden Vienna City Marathon gemeinsam - und in Summe unter neun Stunden - zu absolvieren.“ Das Ziel ist damit auch schon verraten: Sub 3. In ihrem gemeinsamen Insta-Blog „I think we should run“ hat das Trio regelmäßig über ihr Training berichtet.

Im Gegensatz zu Michael hat die 30-Jährige schon früh das Laufen für sich entdeckt. „Ich habe mit ca. 14 Jahren mit dem Laufen begonnen und schnell gemerkt, dass mir eine gute Ausdauer gegeben ist. Seitdem laufe ich regelmäßig, aber ohne Trainingsplan und Ziel, sondern eher als Ausgleich zu meiner Arbeit und aus Freude am Laufen. Überraschenderweise bin ich dann beim Wachau-Halbmarathon 2014 in 1:24:17 durch das Ziel gelaufen.“

Mit dem Training für den ersten Marathon habe sich einiges verändert. „Der größte Unterschied war sicherlich, überhaupt so konsequent zweimal die Woche eine Belastung zu laufen und diese auch noch Woche zu Woche zu steigern, sei es im Umfang oder in der Schnelligkeit. Außerdem musste ich das mit Proben, Aufführungen und Shootings etc. unter einen Hut bringen. Da habe ich dann auch bald gemerkt, wie viel müder der Körper insgesamt wird, wenn man mal „richtig“ trainiert und nicht nur dauerlaufen geht.“ Unterstützung dabei hat sie nicht nur von ihrem Trainer, sondern vor allem auch von Freund Valentin bekommen. „Es war sehr hilfreich, jemanden an der Seite zu haben, der so viel Trainingswissen hat und dazu ein unglaublich gutes Tempogefühl. Auf der anderen Seite habe ich angefangen, Valentin, seine Leistung, seine Müdigkeit, die Wichtigkeit von Regeneration und vieles mehr zu verstehen.“

Angst vor dem Mann mit dem Hammer habe sie nicht. Dafür freut sie sich auf eines: „Auf die Pastaparty am Abend, zu der wir alle eingeladen haben, die uns in dem Marathon-Vorhaben unterstützt haben. Und ich freue mich - das ist mir bei den längeren Einheiten immer wieder aufgefallen - auf ein kühles Bier.“

Drei Läufer. Drei Geschichten. Ein Ziel. „Man muss schon selber an sich glauben. Angst habe ich nicht, Respekt allerdings schon.“ So die Aussage von Michael. Dem ist nichts hinzuzufügen. Alles Gute! Möge die Premiere gelingen.