Leben
05.05.2018

RunNa: Marathoni, are you a Marathoni?

Über zwei Halbmarathons binnen acht Tagen und die Superhelden vom Rhodos Marathon.

Rund 20 Grad am Start. Sonne pur. Wolkenloser Himmel. Aufgrund der Bedingungen hätte man meinen können, es handelt sich um ein und dieselbe Veranstaltung. Aber die Umgebung – Betonwüste versus Meerblick – und vor allem die Zahlen machen den Unterschied dann doch deutlich: 5431 versus 142 beim Marathon. 12.801 versus 287 beim Halbmarathon und 1316 versus 223 beim 10 Kilometer Rennen. Um konkreter zu werden: Die Finisher-Zahlen von Vienna City Marathon und Rhodos Marathon. Der eine fand zum 35. Mal statt, der andere zum fünften Mal. Zwei Halbe mit Startnummer binnen einer Woche. Mit Startnummer betone ich an dieser Stelle, weil die 21,1 Kilometer sind bei den sonntäglichen Longjogs fast schon Standard. Damit aber auch schon genug vom VCM, denn die Geschichte dazu gab es bereits vergangene Woche hier nachzulesen.

Also zum Rhodos Marathon. Laufen wo andere Urlaub machen. Oder laufen und Urlaub machen, trifft es wohl perfekt. Das Event auf der griechischen Insel hatte es mir bereits im vergangenen Jahr angetan. Klein aber fein – sehr fein – trifft es am besten.

Take it easy

Das „Athletenhotel“, das Best Western Plaza, liegt nur rund 200 Meter vom Start- Zielgelände entfernt. Perfekt, um es entspannt anzugehen. Anders als beim VCM brauche ich mich in keine überfüllte U-Bahn quetschen, sondern muss nur einmal die Straße überqueren. Am Gelände herrscht reges, aber überschaubares Treiben. Ein paar wärmen sich auf, die meisten stehen herum oder sitzen in der Sonne am Eleftherias Square. Und bei einigen dürfte das Frühstück ausgefallen sein, sie greifen schon jetzt zum Gel.

„Miss Natascha from Austria.“ Was? Es ist etwa 7.20 Uhr, als ich plötzlich meinen Namen aus einem Lautsprecher höre. Oh wow. Ich werde tatsächlich durchgesagt, als wäre ich Nancy Kiprop, die hier und heute um den Sieg läuft. Tatsächlich befinde ich mich mittendrin unter rund 450 Teilnehmern, für die um 7.30 Uhr der Startschuss für die 42,2 und 21,1 Kilometer fallen soll. Die Stimmung am Start ist, wie bereits erwähnt, sehr entspannt. Die meisten Läufer stellen sich gerade einmal ein paar Minuten bevor es losgeht an die Startlinie. Von Gedränge, Herumzappeln oder nervösem Auf und Ab keine Spur. Südländische Mentalität eben.

Diese Entspanntheit überträgt sich auch auf mich. Entgegen aller anderen Wettkämpfe bin ich nicht nervös. Ich habe keinerlei Erwartung an diesen Lauf, außer: genießen. Mein Saisonziel – die 10k Challenge beim Österreichischen Frauenlauf – sieht nicht vor, dass ich davor einen Wettkampf auf Anschlag laufe. Außer dem Fun Run, der zum Desaster wurde, war als Vorbereitung nichts weiter vorgesehen. Schon gar nicht eine Distanz über der eigentlichen Wettkampfdistanz, also nichts größer/gleich zehn Kilometer.

Dementsprechend wurde das 10k Training die Tage zuvor auch nicht reduziert. Obwohl doch. Zumindest hatte ich es adaptiert, denn eigentlich hätte ich am Samstag, also einen Tag vorm HM, Intervalle laufen sollen. Eigentlich. Daraus wurde dann doch nichts. Stattdessen gab es einen lockeren 12k Morgenlauf die Küste entlang. Ein Vorgeschmack auf das morgige Rennen. Irgendwie hatte mein Körper mit dem Klima eh schon genug zu tun: Der Puls war höher und durch die hohe Luftfeuchtigkeit war ich binnen fünf Minuten so nassgeschwitzt, als würde ich aus der Dusche kommen. So lautete das Motto erstmals seit Beginn der Challenge: Chill doch einfach mal und lass Plan Plan sein. Gut so.

Laufen lassen

Okto. Plötzlich geht alles sehr schnell. Der Countdown wird heruntergezählt. Enas. Peng. Punkt 7.30 Uhr fällt der Startschuss. Die ersten fetzen vorne weg und das Feld zieht sich rasch auseinander. Kein Gedränge, kein Zickzack-Kurs anderer Läufer, die meinen alles niederreißen zu müssen. Von Anfang an kann ich mein Tempo laufen und finde schnell einen Rhythmus.

Wie bereits erwähnt, hatte ich mir in Sachen Zielzeit und Tempo keine Gedanken gemacht. Einfach einmal laufen lassen, schauen was sich gut anfühlt, diese Pace dann möglichst gleichmäßig laufen und vielleicht hinten raus ein bisschen schneller werden. So mein mir selbst auferlegter Plan. Im eigentlichen 10k Plan wäre ein Longjog gestanden. Sprich, the same like last week beim VCM: Grundlage. Fad!

Die ersten Kilometer geht es die Küste entlang ostwärts. Die Strecke ist ein Traum: Zum einen zur linken Seite das Meer, das durch die Sonne verführerisch glitzert, zum anderen zur rechten Seite die Altstadt von Rhodos, die als UNESCO Weltnaturerbe imponiert. Fünf Kilometer laufen wir die Hauptstraße entlang, dann der Wendepunkt und dieselbe Strecke retour, am Start-Zielbereich vorbei. Dann heißt es go west, um die zweite Hälfte des Halben in Angriff zu nehmen.

Die Strecke ist nicht gerade die einfachste. Ein paar kleine und ein größerer Hügel und vor allem der Wind entlang der Küste machen einem das Läuferleben schwer. Dementsprechend bin ich froh, nicht Vollgas am Plan stehen zu haben. Ein bisschen fühle ich mich wie auf der heimischen Insel – der Donauinsel – wo auch immer, egal in welche Richtung, der Wind weht. Irgendwie hat man ihn ständig um die Ohren.

Wer mich ein bisschen kennt, weiß: Ich hasse Wind. Komischerweise beginne ich entlang der Westküste aber nicht, wie sonst auf der Donauinsel, zu fluchen, sondern bin einfach nur happy. Darüber, hier und heute dabei sein können. Bei einem Traumlauf bei Traumwetter.

Der zweite Teil der Strecke ist anspruchsvoller. Zum einen, weil die Westküste windanfälliger ist, zum anderen, weil etwa bei Kilometer 13 der Heartbreak Hill von Rhodos wartet. Da ich die Strecke vom vergangenen Jahr bereits kenne, weiß ich, was nun auf mich zukommt. Doch es läuft weiter wie geschmiert. Ich kann die Pace halten und einige überholen. Das motiviert und dann geht es auch schon wieder abwärts. Durchschnaufen. Denn beim Rückweg wartet der Heartbreak Hill ein zweites Mal.

Beklatscht und bejubelt

Mittlerweile habe ich Kilometer 16 erreicht. Es geht wieder zurück. Die letzten Kilometer warten. Ich habe nach wie vor Kraft, keine Spur von erledigt sein und dennoch wage ich es nicht, richtig Gas zu geben. Bevor der Hügel nicht ein zweites Mal erklommen ist, stehe ich weiter auf der Bremse. Ich will mich nicht abschießen, denn das 10k Training wartet auch in der kommenden Woche. Noch dazu steht am Mittwoch der Feldtest an. 10er Renntempo testen. Heißt: Vollgas. Ui ui ui…

Der Heartbreak Hill von Rhodos bricht mir auch beim Rückweg weder Herz noch Pace. Als der höchste Punkt erreicht ist, kann ich es endlich: laufen lassen. Richtig Gas geben. Etwa zweieinhalb Kilometer noch. Da schießt man sich nicht ab. Ich werde schneller, lasse Frauen wie Männer hinter mir. Es macht richtig Spaß, fühlt sich sehr gut an. Noch etwa 500 Meter. Zeit, richtig anzudrücken. Ich höre bereits die Trommler im Ziel. Fast wie im Prater. Nur mit Meerblick. 200 Meter noch. Zielsprint. Nach 1:55:40 bin ich schließlich im Ziel. Gute acht Minuten langsamer als meine PB. Wen interessiert’s? Mich nicht und die Griechen noch weniger. Denn ich werde empfangen wie eine Superheldin. Mein Name wird wieder durchgesagt. Ich werde beklatscht und bekomme meine Medaille umgehängt. So müssen sich Sieger fühlen. Für die Marathonläufer heißt es, den ganzen Spaß noch einmal. Auf geht’s in die zweite Runde.

Fazit: Was mir bereits im vergangenen Jahr aufgefallen ist und auch dieses Jahr wieder: Die Griechen lieben Marathon und noch mehr die Teilnehmer. Bereits im Taxi vom Flughafen zum Hotel werde ich gefragt: "Marathoni, are you a Marathoni?" Laufen, vor allem der Marathon, hat in dem Land, in dem die 42,195 km ihren Ursprung haben, einen besonderen Stellenwert. Bewunderung schlägt einem entgegen, egal ob im Taxi, im Hotel oder beim Abendessen im Restaurant. "Good luck", sagt der Kellner am Samstag beim Verabschieden. 

Läufer, egal welcher Distanz, werden bejubelt, als wären sie Stars. Das zeigt sich vor allem bei den Marathon- und Halbmarathonläufern. Aufgrund des überschaubaren Teilnehmerzahl zieht sich das Feld rasch in die Länge und der Zieleinlauf gehört einem alleine. Dementsprechend wird man beklatscht und bejubelt, als wäre man Superman oder Superwoman. Auf die Endzeit schaut hier niemand. Jeder, der finisht, ist ein Held. Das macht es so sympathisch. 

Die Strecke ist, wie bereits erwähnt, nicht die schnellste. Aber die Umgebung entschädigt. Während dem Lauf und hinterher sowieso.

 

Neben dem Marathon und Halbmarathon (der dieses Jahr zum zweiten Mal angeboten wurde), gibt es auch noch einen fünf und einen zehn Kilometer Bewerb. Die Startzeit erfolgte um die Mittagszeit und somit getrennt von Marathon und Halbmarathon. Definitiv angenehmer als beim VCM, bei dem frische Staffelläufer Marathon- und Halbmarathonläufer auf der Strecke ziemlich alt aussehen lassen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zurück in Wien ist wieder Schluss mit lustig. Es läuft alles wieder nach 10k Plan für den 27. Mai. Feldtest inklusive mit den schnellsten hundert Metern ever. Aber auch das ist eine andere Geschichte.

Zu guter Letzt: Dankeschön an Discover Greece fürs Organisieren der Reise sowie Aegean Airlines und Best Western Plaza Hotel Rhodos, die sie unterstützt haben.