Leben
07.04.2018

RunNa: And if you wanna fight, let’s start the show

Über Beats per Minute und das Geheimnis des Erfolgs von Haile Gebrselassie und Anna Hahner.

Ich habe etwas mit Haile gemeinsam. Ja, mit dem Haile. Haile Gebrselassie, dem mehrfachen Olympiasieger, Weltmeister und bis 2011 Weltrekordhalter im Marathon. Konkret geht es um Ski-Ba-Bop-Ba-Dop-Bop oder anders gesagt: „I’m a Scatman“. Er habe den Song von Scatman John bei seinem Weltrekord über 5000 Meter 1995 in Zürich im Kopf gehabt, als er die 400 Meter Runden auf der Bahn lief. Damit viele weitere Rekorde aufstellen können, sagte der äthiopische Langstreckenläufer in einem Interview der britischen Tageszeitung The Guardian. Nun gut, ich werde keine Weltrekorde aufstellen. Aber mit Musik im Ohr beim Laufen zu einer besseren Leistung beflügelt werden, kenne ich. Bei mir ist es nicht Scatman, sondern aktuell „Be Mine“. Der Song von Ofenbach, der bei Intervallen auf Dauerschleife rennt.

Papa was a Rollin' Stone

Musik hat für mich seit meiner Jugend einen besonderen Stellenwert. Wahrscheinlich liegt der Ursprung bereits in meiner Kindheit. Mein Vater ist es, dem Musik immer wichtig war. Papa was a Rollin‘ Stone, könnte man sagen oder besser gesagt, er ist es immer noch. Mit den Beatles hatte er es nicht so, dafür macht er auch heute noch bei „Satisfaction“ einen auf Mick Jagger und dreht das Radio so laut, dass meine Mutter nur die Augen verdreht. So bin ich aufgewachsen. Mit den Sounds der 60er und 70er. Nix mit Schnulzen und Balladen, der Rock wurde mir quasi in die Wiege gelegt. 

Genau wie mein Vater verbinde ich mit Musik unweigerlich Erlebnisse und damit verbunden Gefühle. Wie in einem Film spielen sich da bei bestimmten Songs die dazugehörigen Szenen ab. Das habe ich mir bis heute bewahrt. Und, um zum eigentlichen Thema zu kommen, Musik in meinen Ohren ist auch beim Laufen nicht wegzudenken. 

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Wie erwähnt, werden auf meiner Festplatte – also meinem Hirn – Erlebnisse mit dem dazugehörigen Song gespeichert. Ich weiß zum Beispiel heute noch, dass ich „Santa Fe“ von Beirut am letzten Kilometer im Prater meines ersten 30 Kilometer-Trainingslaufs im Sommer 2015 gehört habe. Dabei völlig high auf den letzten Metern fast mehr getanzt als gelaufen bin und es einfach nicht glauben konnte, dass da wirklich gleich 30k auf meiner Uhr steht. Oder ich weiß noch genau, dass „Don’t Be So Shy“ von Imany am Start vom Halbmarathon von Kärnten Läuft 2016 gespielt wurde. Nicht nur in meinem Ohr, sondern offiziell, von den Veranstaltern. Ich mochte den Song. Egal wo und wann ich ihn jetzt höre, werde ich erinnert: Beim Lauf ging’s mir schlecht. Ich musste an dem Tag kämpfen. Gegen die Schwüle und das Blei in den Beinen. Seither mag ich ihn nicht mehr. 

Legale Droge

Laufen mit oder ohne Musik. Die Meinungen darüber gehen auseinander. Die einen können nicht ohne, für die anderen ist die Stöpsel-rein-ich-bekomme-rundum-mich-nichts-mit-Methode ein absolutes No-Go. Dass es durchaus hilfreich sein kann, ist wissenschaftlich belegt. Der Grund für die Leistungssteigerung liege nicht in den Muskeln, sondern im Gehirn, meint Psychologe Tom Stafford von der Universität im englischen Sheffield. Demnach würde Musik in einem bestimmten Areal des Gehirns, das für die Vorbereitung von Bewegung zuständig ist, wie ein Taktgeber wirken und somit helfen, durchzuhalten bis die Ziellinie erreicht ist. „Musik ist eine legale Droge für Athleten“, sagt auch der britische Sportpsychologe Costas Karageorghis in seinem Buch „Inside Sport Psychology“. Neben dem oft genannten Sicherheitsaspekt mitunter der Hauptgrund, warum die eigene Musikbeschallung bei großen Laufveranstaltungen verboten ist. 

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Legale Droge. Durchhalten. Stichwörter, die bei mir in den vergangenen Wochen eine zentrale Rolle gespielt haben. Wie schaffe ich es 25 Mal 200 Meter Vollgas zu laufen, wenn bereits nach der sechsten Wiederholung die Fragen auftauchen: Warum tue ich das jetzt eigentlich und wann werden die restlichen 19 um sein? Werde ich es überleben? Und wieso ist mein Körper schon wieder so Blei? 

Fragen über Fragen die sich da während so einer Hardcore-Einheit in meinem Gehirn auftun. Mein Rezept dagegen: Extrembeschallung. Daher ist mein iPod bei härteren Sachen immer dabei. Musik lenkt mich vom Blei ab und Texte wie „And if you wanna fight, let’s start the show“ wie in Be Mine" können mich pushen. Ich bin dann voll fokussiert und bekomme ringsum nicht mehr viel von meiner Umwelt mit (sorry an dieser Stelle, sollte ich einmal nicht reagieren, wenn mich jemand anspricht). Zu diesem Zeitpunkt steht das Ziel im Mittelpunkt – sprich das Training möglichst gut hinzubekommen – wenn da die legale Droge Musik hilfreich ist, warum nicht. 

Atemlos zum Sieg

Entgegen der zahlreichen Studien, die zu diesem Thema erschienen sind, mache ich keine Wissenschaft daraus. Auf die Playlist kommt, was gefällt und nicht wie optimal oder suboptimal sich die Beats per Minute auf die Schrittfrequenz auswirken könnten.

Wie hilfreich Musik für das Abrufen von Höchstleistungen sein kann, hat nicht nur Haile Gebrselassie betont, sondern haben auch die Hahner Zwillinge in den vergangenen Jahren gezeigt. Nach eigenen Angaben haben sie bei ihren Wettkämpfen stets Musik im Ohr gehabt, die sie im Kopf vor sich hin trällerten. Bei ihrem Siegeslauf beim Vienna City Marathon 2014 habe Anna Hahner „Atemlos“ von Helene Fischer, „Lose Yourself“ von Eminem und „Free Falling“ von Tom Petty immer und immer wieder im Kopf abgespielt. Es dürfte geholfen haben: Auf den letzten Metern konnte sie die Kenianerin Caroline Chepkwony noch überholen und lief so nach 2:28:59 Stunden als erste Frau ins Ziel. 

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Doch braucht es immer die Beschallung? Definitiv nicht! Während ich bei zunehmendem Laktat im Blut gern mal durch pulsierende Beats abgelenkt werde, ist’s bei ruhigen Dauerläufen und in der Natur genau das Gegenteil. Ich merke: Je lauter und stressiger es um mich herum ist, umso mehr brauche ich die Musik. Bevor ich mich dem Straßenlärm hingebe, lausche ich lieber „Supermassive Black Hole“ von Muse. Hingegen morgens um sechs, wenn die Stadt noch schläft oder fernab der City, auf einsamen Strecken, auf denen ich binnen zwei Stunden keiner Menschseele und vielleicht zwei Autos begegne, finde ich Beschallung störend. Da liebe ich die Ruhe und Stille um mich herum. Lasse meine Gedanken ziehen. Tanke Kraft. Von Langeweile keine Spur.  

Ebenfalls anders ist es bei großen Laufveranstaltungen. Nicht nur, dass es ohnehin bei den meisten Wettkämpfen verboten ist, finde ich es mitunter störend, nichts vom eigentlichen Flair der Veranstaltung mitzubekommen. Ich liebe es z.B. die Trommler in der Hauptallee schon von Weitem zu hören und dazu passend die Laufschritte – beinahe wie Pferde (oder Ponys), die mit den Hufen am Asphalt galoppieren. Und was wäre ein Marathon ohne die anfeuernden Zuschauer, die den eigenen Namen rufen und man sich dadurch fühlt wie eine Superheldin, die zum Weltrekord ansetzt. 

Run as fast as you can

Im besten Fall werde ich mich am 27. Mai wie eine Superheldin fühlen. Wenn die Mühen für das Training für die 10k Challenge beim Österreichischen Frauenlauf belohnt werden. Dafür quäle ich mich seit ein paar Wochen beim, für mich so argen, Tempotraining. Die Hymne dafür steht seit dieser Woche auch fest. Weder Scatman und hoffentlich auch nicht „Atemlos“, sondern „Just Like A Pill“. Ich mag P!nk eigentlich nicht. Doch bei dem Text bekomme ich derzeit beim Training auch ohne Minusgrade Gänsehaut. „Run as fast as you can“, singt sie darin. Werde ich. Mit Sicherheit. Der Song ist im Ohr und wird auf Dauerschleife innerlich abgehen. 

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Mit diesem Ziel vor Augen werde ich also weiterhin mit „And if you wanna fight, let’s start the show“ beim Tempotraining durchbeißen und mir die Antwort auf die Frage, „Warum tue ich das eigentlich?“, selbst geben: Weil ich mich gerne herausfordere. Und weil es mir im Endeffekt was bringt. Kurzfristig. Die Endorphine, die frei werden, wenn ich es so gut es geht durchgezogen habe und glücklich in der Hauptallee am Boden liege. Und langfristig. Für mein eigentliches großes Ziel für dieses Jahr: wieder einen Marathon laufen. Das motiviert. Dafür brauche ich keine Musik.