Wellness
03.02.2018

RunNa: 90 Prozent mental, der Rest ist im Kopf

Über für mich überirdische Leistungen von Ultraläufern.

„Mir geht’s gut, nur meinem Fuß nicht.“ Ich schaue etwas ungläubig, denn der anscheinend etwas lädierte Fuß soll noch weitere 60 Kilometer bewältigen. Es ist kurz vor Mittag, als sich Andy Berninger in Apetlon mit einem Paar Würstel stärkt. Nach 60 Kilometern. Halbzeit bei der 24 Stunden Burgenland Extrem Tour. Ich plaudere noch ein Weilchen mit ihm. Andy hat Ultra-Erfahrung. Schmerzen kennt er. Wie man sie überwindet auch. „Das gehört dazu“, meint er.

Passiv statt aktiv

Bereits zum vierten Mal war ich dabei. Passiv. In meinem Brotberuf für eine Reportage. Und bereits zum vierten Mal wurde ich vorab von den Veranstaltern eingeladen, mittendrin statt nur dabei zu sein. Die Reportage anders aufzuziehen. Aktiv. Laufend. Soweit es eben geht. Und ebenfalls zum vierten Mal habe ich dankend abgelehnt. Ich und Ultra? Danke, aber mir reichen (noch) die 42,2 Kilometer. Auch wenn ich im Grunde genommen und vereinfacht gesagt eher ein Ausdauerviech bin, alles über Marathondistanz ist für mich überirdisch, einfach unvorstellbar und ich ziehe meinen Hut vor jedem, der diese 120 oder 80 oder 60 oder wie viele auch immer, bewältigt.

Aber zurück zu Andy. Während ich im Auto sitze und die Rückfahrt antrete, komme ich in meinen Gedanken immer wieder zu ihm zurück. Wie wird es ihm ergehen? Wird er es schaffen? Aber vor allem: Wie kann man so etwas schaffen, obwohl man schon nach der Hälfte mit Schmerzen kämpft? Über den Schmerz drüberlaufen, kennen wohl die meisten Läufer. Aber es macht einen Unterschied, ob es sich um die letzten Kilometer beim Marathon handelt oder ob man noch 60km vor sich hat. Daher die Frage, die mich seither nicht loslässt: Wie geht das?

70k am Laufband

Losgelassen hat mich die vergangenen Tage auch nicht ein Facebook-Posting, bei dem ich zwei Mal hinschauen musste, ob das tatsächlich so dasteht, wie ich es verstanden habe: „Wieder so ein Samstag. Etwas zu müde von der bisherigen Woche, daher nur 70km (in 6:39:58) statt der vorgenommenen 80km - war aber auch hart genug.“ Dazu ein Bild vom Laufband. Gepostet von Martin Tschiedel. 70km! 70! In Worten: Siebzig! Am Laufband! Unfassbar! Ein paar Stunden später wurde das Posting von ihm dann noch durch einen 10km-Outdoor-Lauf ergänzt: „Tagessoll von 80k erfüllt“, schrieb er darunter.

Martin Tschiedel ist in der kleinen, aber feinen heimischen Läuferszene kein Unbekannter. Seit 2010 sieht er sich als „wirklicher Ultraläufer“, veranstaltet seither die jährlich stattfindende Benefizaktion„Martin läuft 24 Stunden (und mehr)“, bei der pro gelaufenem Kilometer gespendet werden kann. Seit 2010 habe er so im Rahmen eines von ihm veranstalteten 24- oder 48-Stundenlaufs rund 36.000 Euro erlaufen, die für den guten Zweck gespendet werden.

Im vergangenen Jahr waren es beim 48h-Lauf in Gols sage und schreibe 245 Kilometer. Das Besondere: Martin läuft in dieser Zeit kurze Runden von ein bis zwei Kilometern, also keine klassischen Ultraläufe wie z.B. Burgenland Extrem. Dieses Jahr findet sein 48-Stundenlauf vom 11. Bis 13. Mai statt. 48 Stunden wird er auf der Außenbahn des Wiener Leichtathletikzentrums Runden zu je 437,72 Metern drehen. Wie schon bei Andy Berninger stellt sich mir da noch viel mehr die Frage: Wie geht das?

90 Prozent Kopfsache

„Es sind nicht unsere Füße, die uns bewegen, es ist unser Denken“, besagt ein chinesisches Sprichwort. Alles eine Frage der mentalen Stärke? „Ultrarunning is 90 percent mental and the rest is in your head, heißt es. Ohne den Kopf geht gar nix, weil muskuläre oder Sehnenprobleme verringern zumindest anfangs nur den Komfort, aber nicht die Fähigkeit sich weiterzubewegen. Wenn der Kopf aber mal sagt ‚Pause’, dann helfen die fittesten Beine nichts. Für mich am Wichtigsten, aber auch am Schwersten ist es, so oft als möglich im absoluten Hier und Jetzt und nirgends anders zu sein, einfach nur fokussiert auf die nächste kurze Runde, die nächsten Meter bis beispielsweise zur Labe. Das ist ein Zustand der absoluten Entspanntheit, den wohl jeder Läufer schon mal erlebt hat. Man darf also nicht an das bereits Absolvierte, wobei das noch Ungefährlicher ist und schon gar nicht an das noch vor einem Liegende denken. Nach zehn Stunden zu denken ‚noch 38’ macht dich platt“, sagt er.

Der Reiz

Was macht den Reiz für ihn aus? „Im Vergleich zu herkömmlichen Straßenläufen geht es einfach entspannter zu. Es gibt kein Drängeln und Rempeln am Start, keine Musterung der anderen Läufer. Das heißt aber nicht, dass es keinen Ehrgeiz gibt. Meine Herausforderung ist es, mich selbst zu besiegen und dass es für mich vor und nach dem 24/48h-Lauf nicht vorstellbar ist, wie ich die Distanz absolvieren konnte, aber es eben doch möglich ist. Dazu kommt auch die extrem familiäre Atmosphäre, da speziell beim Rundenultralauf viele Läufer Wiederholungstäter sind und sich die Gemeinschaft daher gut kennenlernt. Auch der Respekt vor der jeweiligen erbrachten Leistung ist extrem hoch, weil egal ob 100 Kilometer in 24 Stunden oder 250 – man muss es erst einmal schaffen, sich so lange zu bewegen.“

Das Training

Und wie trainiert man das? „Derzeit läuft das Training für den 48h-Sololauf. Für Distanzen über 100 Kilometer gibt's keine wirkliche Trainingslehre mehr. Jeder muss für sich herausfinden, was funktioniert. Ideen sind Doppeldeckereinheiten (Back-to-back) am Wochenende (z.B. zwei Marathons in zwei Tagen, oder gesteigert auf 50/50km, usw.) oder ein überlanger Lauf (wie z.B. 70-100km an einem Tag) pro Woche. Auch einen 12h-Lauf in der Vorbereitung einzubauen bietet sich an. Ab und zu eine moderate Tempoeinheit (5-10km Wettkampf) tut auch gut, um in den Ultraschlapfschritt wieder etwas Dynamik zu bringen. Also nicht so unähnlich einem Marathontraining, nur dass die Intensität im ganz schnellen Bereich wegfällt und die langen Läufe länger und langsamer sind. In Summe habe ich ca. 3000 Trainingskilometer von Anfang Dezember bis Mitte Mai am Plan. Mein Umfang in Belastungswochen liegt dabei bei ca. 150-200km.“

Der Vollzeitjob

Das alles macht Martin Tschiedel als Hobby, in seiner Freizeit, neben einem Vollzeitjob in einer leitenden Funktion. „Die Trainingszeit bringe ich auf, indem ich statt abends fernzuschauen oder Bier zu trinken eben laufen gehe. Leistungsmäßig würde ich mich als gutes Mitteldrittel in Österreich bezeichnen – der Trainingsumfang hält nicht ganz mit den Leistungen im Rennen mit, aber wenn einem das Training Spaß macht, ist das ja nix Schlimmes.“ Oh ja, das mit Umfang und Leistung in Relation kenne ich.

„Es sind nicht unsere Füße, die uns bewegen, es ist unser Denken.“ Das Sprichwort trifft auch auf Andy Berninger zu. Die Schmerzen im Fuß ließen ihn nicht aufgeben. Seine mentale Stärke hat ihn die weiteren 60 Kilometer von Apetlon bis ins Ziel nach Oggau getragen.

Mein Plan A

Ob ich mich nun, nach all den spannenden Erzählungen auch einmal an einen Ultra wage und vielleicht im nächsten Jahr an Burgenland Extrem? Als quasi Ausdauerviech gut vorstellbar und dennoch unvorstellbar. Wie hat Martin gesagt: „Meine Herausforderung ist es, mich selbst zu besiegen.“ Ich sage: „If it doesn’t challenge you, it doesn’t change you!“ Nächste Woche geht’s an dieser Stelle dann um meine Herausforderung für 2018. Dann gibt’s die Details von Plan A...

Autorin Natascha Marakovits finden Sie auch auf Instagram.