Wellness
10.02.2018

RunNa: Grundlage top. Tempohärte flop!

Egal wie weh es tut: Shut up and run! © Bild: Natascha Marakovits

Über Plan A, regelmäßiges Zerreißen und den Grund, warum das Feilen am Speed dieses Jahr Prioriät hat.

„Wie läufst du denn deine Longjogs? Mit welcher durchschnittlichen Herzfrequenz?“ „Etwa 160.“ „160? Das ist definitiv zu hoch. Welche Pace läufst du da?“ „Glatte 6er Pace. Ich laufe Grundlage eigentlich schon immer mit dem Durchschnittspuls und hab mir damit glaube ich eine ganz gute aufgebaut“, sage ich und krame meinen alten Laktattest aus der Tasche um zu zeigen: Hochpulserin. „Na wir werden sehen. Schauen wir es uns an.“

„Wir beginnen bei sechs Kilometer pro Stunde und steigern pro Stufe um zwei km/h. Also sechs, acht, zehn, zwölf, 14, 16. Je nachdem wie lange du es schaffst. Jede Stufe dauert drei Minuten.“ 14! 16?!! „Spätestens bei 14 ist Schluss“, sage ich. Ich stehe in der Sportordination am Laufband, bin verkabelt und soll hier und heute in den tiefroten Bereich, sprich bis an die Kotzgrenze gehen. Ein Leistungstest im Rahmen der 10k Challenge steht an. Und damit ist es raus: Mein Plan A. Ich bin tatsächlich dabei. Ich bin eine der drei Mädels der 10k Challenge 2018, die mit professioneller Unterstützung eine neue Bestzeit auf 10 km beim Österreichischen Frauenlauf am 27. Mai im Wiener Prater aufstellen wollen.

Vor mir stehen Robert Fritz und Natalie Mentel, die den Spaß überwachen. Und schon geht es los. Das Laufband setzt sich in Bewegung. Sechs km/h ist die erste Stufe, die zwecks aufwärmen etwas länger als drei Minuten dauert. Noch kann ich gehen statt laufen. Nach ein paar Minuten soll ich die sechs km/h laufen. Wie läuft man eine 10er Pace? Naja egal. Ich trabe los und irgendwann heißt es „Stopp“. Natalie zapft einen Bluttropfen aus meinem Ohrläppchen und dann geht es auch schon weiter.

Zweite Stufe. Acht km/h. Auch nicht besser. Drei Minuten trabe ich mit 7:30/km. Dann wieder kurz stehenbleiben. Bluttropfen spenden. Zehn km/h. Also eine glatte 6er Pace. Mein Grundlagentempo. Endlich fühlt sich laufen wie laufen an. Gleiches Spiel wie vorhin und schon geht es an die zwölf km/h, sprich 5:00 auf den Kilometer. „Das ist meine Hader-Pace“, sage ich zu Robert Fritz. Der Sportmediziner schaut mich an. „Damit hadere ich noch immer beim Halbmarathon“, erkläre ich. „Ach so“, sagt er und schmunzelt.

Bleihaxen

Wir plaudern ein bisschen während meiner Hader-Pace. Ich erzähle, dass ich vor Tempo einfach nur Schiss und dementsprechend schon Bammel vor der nächsten Stufe habe. „Stopp.“ Ich beuge mich wieder zu Natalie um Blut zu spenden. „So, dann geht es jetzt an die 14 km/h. Da darfst du das Laktat ruhig merken. Die Beine werden gegen Ende hin schwer werden“, sagt Fritz. Super. Die Ansage kann ich jetzt brauchen. „Reden kann ich aber jetzt nimmer“, bringe ich gerade noch heraus, denn das Laufband läuft schon wieder.

Erst nachdem es die Geschwindigkeit erreicht hat, werden die drei Minuten hinuntergezählt. Ich laufe und laufe. Es fühlt sich sogar gut an. Zumindest die erste Minute. Dann wird es zach. „Super, das schaut richtig gut aus“, motivieren mich die beiden. Haha, ja genau. Es fühlt sich nur nicht so an. Wie lange können eigentlich drei Minuten sein??! Scheinbar unendlich lang. Schließlich ist es geschafft. Kurze Pause um wieder Blut zu spenden. Ich schnaufe.

Rennen was geht

„Jetzt kommt die letzte Stufe. 16 km/h. Das schaffst du. Und sei es nur eine Minute. Ganz egal wie lange du durchhältst, probiere es einfach“, motiviert mich Fritz. Ich verdrehe die Augen und die Angst ist mir ganz sicher ins Gesicht geschrieben. Vor meinem inneren Auge sehe ich mich bereits vom Laufband fliegen. Aber gut, ich probiere es. Das Laufband setzt sich in Bewegung. „50 Sekunden wird beschleunigt, dann ist die Geschwindigkeit erreicht“, erklärt Natalie. Ok. Bereits die Beschleunigungszeit kommt mir unendlich lange vor. „Ab jetzt zählt es. Komm, das schaffst du.“ Ich renne was nur geht. Welche Pace ist das eigentlich? In Gedanken beginne ich zu rechnen. Ich rechne immer gerne, wenn es zach wird. Das lenkt ab. 3:45. Kann das sein?! Ich laufe gerade wirklich mit 3:45!

„Na das schaut ja richtig gut aus.“ Bevor ich innerlich in einen Jubelschrei ausbreche, weil ich so schnell laufen kann, reißt mich Robert Fritz aus meinen Gedanken. Was? „Du hast wirklich eine super Grundlage. Das hätte ich nicht gedacht“, meint er und schaut auf das kleine Gerät, das soeben meine ersten Daten ausgespuckt hat. Was? Juhu! Die vergangenen Monate war ich selbst schon im Zweifel, ob ich wirklich noch eine gute Basis habe. Knapp drei Monate unstrukturiertes Training nach Lust und Laune haben anscheinend keine negativen Spuren hinterlassen.

„Eine Minute hast du gleich. Komm schon, zieh’s durch. Stell dir die Zielgerade vor, die letzten Meter“, höre ich. Und dann kommt der alles entscheidende Satz: „Aber kaum wird es schnell, zerreißt’s dich! Aber sowas von.“ Aha. In dem Moment, in dem ich so schnell laufe, wie noch nie in meinem Leben, hätte ich es vielleicht etwas positiver formuliert: Da ist noch viel drin. Du hast viel Luft nach oben. Blabla. Aber gut. Man muss der Realität ins Auge blicken. Und die Realität sagt: Wenn ich da noch lange darauf stehen bzw. rennen soll, zerreißt es mich wirklich. Nach hinten. Wie in Filmen, wenn Leute vom Laufband fliegen. „Die Minute ist vorbei. Geht noch was? Halbe Minute? Zehn Sekunden?“, fragt Fritz. „Nein“, bringe ich japsend hervor und damit ist der Test dann auch geschafft.

Anders als alle anderen

„Also ich bin wirklich überrascht über deine Grundlage. Bei 99 Prozent der Läufer, die zu mir kommen, ist es nämlich genau umgekehrt. Ich hatte daher die Befürchtung, dass wir da ansetzen müssen, aber ganz und gar nicht. Du hast eine super Basis, auf der wir jetzt aufbauen können“, erklärt Michael Koller, der Mann von der Sportordination, dem die 10k Challenge-Frauen vertrauen. Sprich: Er ist unser Trainer und wird uns in den kommenden Monaten die Zerreiß-Pläne zusammenstellen. Ich beginne innerlich zu grinsen. Ja eh. Hab ich ja gesagt. Für mich ist 160 nicht anstrengend. Grundlage eben.

Zum Schluss, bei der letzten Stufe, habe mein Laktatwert fünf mmol betragen. Manche würden beim Test bis elf mmol laufen und sogar noch darüber. Elf? Und mich zerreißt’s schon bei fünf? „Während deine Laktatkurve unten ganz flach ist, geht sie, sobald es über Marathonpace ist, quasi senkrecht nach oben. Du hast überhaupt keine Tempohärte, keine Laktattoleranz. Aber daran werden wir ja jetzt arbeiten. Im Endeffekt wirst du so auch beim Marathon schneller werden, weil unten kannst du nichts mehr tun“, sagt Koller und spricht damit genau das an, was der Plan A bewirken soll: Einen Zehner im Rahmen der 10k Challenge hinknallen und diese Grundschnelligkeit dann für das Marathontraining im Sommer mitnehmen. Denn entgegen der 99 Prozent die zu Koller kommen, gilt für mich nicht, dass ich langsam laufen muss, um schneller zu werden. Im Gegenteil: Wer schnell laufen will, muss schnell laufen können, heißt es. Genau. That's the game!

Stirb langsam

Zerreißen. Oh ja. Mich zerreißt’s auf den kurzen. Das ist mir nicht neu. Wie das ausschaut? Genau wie es Coach Koller beschrieben hat: Während ich mittelschnell keinerlei Probleme habe und so einen Marathon laufe ohne einzugehen, ist das auf allen Distanzen darunter und damit der Pace darüber ganz anders. Vor allem 10er und 5er sind einfach nur Hölle! Ich leide. So richtig. Und das bereits kurz nach dem Start. Während ich beim ersten Kilometer noch euphorisch bin und denke, „yeah, es geht ja eh“, ist spätestens beim dritten Schluss mit lustig. „Ich kann mehr. Ich kriege keine Luft. Ich sterbe. Meine Beine sind Blei. Es tut so weh“, sind die gängigen Sätze, die mir da durch den Kopf gehen. Positiv denken? Fehlanzeige.

Irgendwie geht auch der längste 5er und 10er vorbei, nur Spaß macht das nicht wirklich. Kurz gesagt: Grundlage top, Tempohärte flop. Daher meide ich auch immer diese Distanzen, denn mit meiner Ausgangsbasis ergibt das einen langen, langsamen, qualvollen Tod auf 10 Kilometern.

DIE Chance

Lange Rede kurzer Sinn: Nach langem Hin und Her habe ich mir deshalb für 2018 das Ziel gesetzt, schneller zu werden. Um mir so eine fehlende Grundschnelligkeit aufzubauen. Vergleicht man meine Bestzeiten, schneide ich beim Marathon am besten ab. Je kürzer die Distanz, umso schlechter die Zeit. Das soll sich ändern. Und nach dem Desaster-Jahr 2017 ist 2018 der richtige Zeitpunkt dafür.

Wesentlich ausschlaggebend für meinen Entschluss war ein Facebook-Posting des Österreichischen Frauenlaufs: Die 10k Challenge startet wieder, hatte ich Anfang Jänner gelesen. Zuerst nur überflogen, weil es die vergangenen Jahre immer Sub 40 Minuten waren, die als Kriterium angegeben wurden, um dabei sein zu können. Ich hatte die Challenge bisher immer begeistert verfolgt, die Mädels dafür bewundert – für ihr Ziel, das ich nie erreichen werde. Habe mitgefiebert, sie auf der Zielgeraden angefeuert. Mich mit ihnen gefreut, wenn es geklappt hat und mitgefühlt, wenn es knapp verfehlt wurde.

Das Posting ließ mich nicht los und bei genauerem Hinsehen entdeckte ich, dass es gar nicht mehr Sub 40 sein müssen. Da stand tatsächlich: Drei Mädels werden gesucht, die eine PB auf 10 km aufstellen wollen. Zeitvorgabe: 40 bis 60 Minuten. Wenn das mal nicht DIE Chance ist, um endlich am Speed zu feilen. Also habe ich es getan. Ich habe mich beworben und nach langem Warten hieß es schließlich: Du bist dabei! Wow. Ich freue mich riesig mit Sarah und Victoria, den beiden anderen Mädels, an den Start zu gehen! Auf das Training. Das gemeinsame Leiden. Das Fluchen während dem Quälen. Aber vor allem darauf, gemeinsam hart für eine Sache zu trainieren. Ein Ziel zu haben und das als Mädels-Trio zu verfolgen. Teamspirit.

Der Leistungstest in der Sportordination war der Auftakt für das Training, das nun beginnt. Der Laktattest hat es schwarz auf weiß gezeigt: Es zerreißt mich. Und dementsprechend wird die 10k Challenge für mich härter als jedes Marathontraining. Ich werde leiden. Richtig. Aber ich freu mich darauf. Riesig! Ich quäle mich gerne, wenn ich ein Ziel vor Augen habe. „Das Training wird lustig“, sagte Robert Fritz abschließend. Ja eh. Ist nur die Frage für wen. Es wird mich zerreißen. Bei all den 100ern, 200ern, 400ern und 1000ern.

Skurril und lustig

Das Skurrile: Drei Tage nach dem Laktattest bin ich die schnellsten 1000er meines Lebens gelaufen. Wesentlich schneller als jemals zuvor. Im Stockfinsteren. Dementsprechend habe ich keine Pace gesehen. Bin einfach gerannt. Planlos. Eine Vorgabe gab es nur in meinem Kopf. Und die lautete: Vollgas! Probieren geht über Studieren. Das war gut so. Denn normalerweise kontrolliere ich bei Intervallen immer die Pace. Und kaum bin ich wesentlich schneller als vorgegeben, bekomme ich Bammel. Dass ich die letzten dann nicht mehr so gut schaffe. Dass ich eingehe. Also lieber bisschen runter vom Gas. Das war an diesem besagten Freitag nach dem Test anders. 4:14 war der schnellste Kilometer. Es fühlte sich großartig an!

Auch wenn es nur eine Minute war, hat mich anscheinend allein das Wissen, dass ich eine 3:45er Pace laufen kann, ohne dass es mich tatsächlich zerreißt, unheimlich beflügelt. Wie war das nochmal beim Ultra:„90 Prozent mental, der Rest ist im Kopf.“Nun gut, ganz so wird es nicht sein. Das Training wird beinhart. Aber: „If it doesn’t challenge you, it doesn’t change you.“ Am 27. Mai wird es sich zeigen. Mein Tag X: Die 10k Challenge beim Österreichischen Frauenlauf im Wiener Prater. Welche Zeit ich mir vorgenommen habe? „Du hast viel Potential“, hat mir Michael Koller gesagt. Das möchte ich am 27. Mai ausschöpfen. Vollgas. Alles was geht. Und bis dahin heißt es beißen. So wie heute, bei den 4x6x200 Metern. Die stehen am Plan. „Das Training wird lustig“, hat Fritz gesagt. Ja. Ganz sicher. Ich werde daran denken, wenn es mich heute zerreißt…

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