Leben 26.05.2018

RunNa: 10k. Jede Sekunde zählt

© Bild: Natascha Marakovits

Über die 10k Challenge und warum der Frauenlauf für mich plötzlich zum Spendenlauf wird.

„Sie läuft ja so viel. Sogar Marathon. Also wirklich den ganzen. War schon...“ Ich sitze im Krankenhaus und höre zu. Staunend. Denn ich merke den Stolz in ihren Erzählungen. Über mich und meine Leidenschaft – das Laufen. Bisher hatte ich es nicht so wahrgenommen, dass sie das, was ich mache, so toll findet. Doch es ist nicht nur Stolz, viel mehr Begeisterung. Begeisterung, die ich ihr vermittle. Jedes Mal, wenn ich laufen gehe und danach einfach happy zurückkomme. Wenn ich ihr von einem besonderen Lauf erzähle. Wie erst kürzlich auf Rhodos. Oder wenn ich von meinen Marathons schwärme. Sie merkt, dass es mich glücklich macht. Und irgendwie macht es dadurch auch sie glücklich. Auch in diesem Moment. Im Krankenhaus. Einen Tag nach der OP. Die Zimmerkolleginnen hören zu. „Am Sonntag läuft sie auch wieder. Beim Frauenlauf“, sagt sie schließlich, schaut mich an und drückt fest meine Hand. Ja, das mache ich...

„Ein Wettlauf gegen die Zeit“, lautete der Titel meines Beitrags vor zwei Wochen. Es war mein bisher persönlichster Text, der dementsprechend auch viele Reaktionen hervorrief. Positive. Zuspruch und Bestärkung. Für eine Zeit, die nicht einfach ist, einfach wird. "Da ist so viel in Angst in deiner Welt", singen Tomte. Angst. Vor etwas, das einem den Atem raubt. Immer und immer wieder. Man gewöhnt sich nie daran. Krebs. Die Zecke, die sich eingenistet hat und immer wieder an der Lebensfreude saugt. „Machen Sie Dinge, die Ihnen Kraft geben, um Kraft für andere zu haben.“ Dieser Satz der Ärztin hat sich bei mir eingeprägt. Und nach einer Zeit des Nachdenkens, ob ich denn die Kraft haben werde, um beim Frauenlauf am Start zu stehen, sage ich ja: Denn Laufen gibt mir Kraft.

Ob es tatsächlich für eine neue Bestzeit reicht? Keine Ahnung. Die vergangenen Wochen waren anstrengend. Kräftezehrend. Warten. Bangen. Hoffen. Gleichzeitig stark sein und bestärken. Auch wenn es viele Momente gibt, in denen eigentlich die Stärke fehlt. Dennoch positiv bleiben. Das alles macht müde. Man fühlt sich ausgelaugt. Und dennoch habe ich mein Training für den Frauenlauf so gut es eben geht weiter durchgezogen. Laufen macht den Kopf frei. Egal was vorher war, hinterher ist’s immer besser. Man bekommt in Laufschuhen eine andere Perspektive. Ich zumindest. 

© Bild: Natascha Marakovits

Alles wird gut. Bestimmt. Morgen ist der Lauf, auf den ich mich nun seit 16 Wochen vorbereitet habe. Mein Artikel hat nicht nur Reaktionen bewirkt, sondern auch Ideen hervorgebracht. Der großartige Ultraläufer Martin Tschiedel (seine Geschichte gibt es hier nachzulesen) hat mich auf die Idee gebracht, meine 10k Challenge sozusagen in eine Spendenaktion zu verwandeln. Daher möchte ich morgen, an diesem 27. Mai, ein Zeichen setzen und nicht nur laufen was das Zeug hält, um meine PB zu knacken, sondern auch um Gutes zu tun. Lange Rede kurzer Sinn: Pro gelaufener Sekunde, die ich bei der 10k Challenge beim Frauenlauf unter 50 Minuten laufe, werde ich einen Euro an die Krebshilfe spenden. Ich lege mich bewusst nicht auf eine PB fest (das heißt unter 48:46), weil mir das nicht reicht. Sub 50 sollte ich in jedem Fall schaffen, das weiß ich. Im Best Case würden es laut Feldtest um die 150 Euro sein. Für eine gute Sache. Um der Zecke, die sich nicht nur in meiner Familie eingenistet hat, vielleicht irgendwann die Saugkraft zu nehmen. 

Wer meinen Spendenlauf zur angestrebten PB gerne unterstützen und ebenfalls für die Krebshilfe spenden will, kann dies gerne tun. Wie viel jeder pro Sekunde Sub 50 spenden will, bleibt jedem selbst überlassen. Mit einem Cent ist man dabei. Über zahlreiche Unterstützer würde ich mich jedenfalls freuen. Hier auch gleich der Link zur Online-Spende der Österreichischen Krebshilfe.

Kraftquelle Bewegung

„Machen Sie Dinge, die Ihnen Kraft gehen, um Kraft für andere zu haben“, hat die Ärztin vor ein paar Wochen zu mir gesagt. Laufen und Bewegung im Allgemeinen sind Kraftquellen. Nicht nur für mich als Angehörige, sondern auch für Betroffene. Warum Bewegung bei Krebs so gut ist, weiß Beatrice Drach-Schauer, die sich in ihrem unterschiedlichen Bewegungscoaching (unter anderem Lauftrainerin) auch auf Krebspatienten spezialisiert hat. 

Beatrice Drach arbeitet unter anderem mit Krebspatienten © Bild: Sandra Schmid Fotografie

Welche positiven Auswirkungen hat denn Bewegung, im Speziellen das Laufen? 

„Mittlerweile haben viele Untersuchungen gezeigt, dass gerade bei Tumorerkrankungen wie Brustkrebs und Darmkrebs die regelmäßige körperliche Aktivität (und hier vor allem der Ausdauersport) zu einer überzeugenden Risikoreduktion von 20 bis 30 Prozent führt. Dieser Effekt wird bei Ausdauersport ab 150 min pro Woche (aufgeteilt auf drei bis vier Einheiten) erreicht. Durch körperliche Aktivität wird die Menge des Fettgewebes, wo krebserregende Substanzen bevorzugt gelagert werden, reduziert und somit wird die Entgiftung des Körpers angeregt. Sport verändert das hormonelle Gleichgewicht und reduziert den Überschuss an Östrogen und Testosteron, senkt den Zuckerspiegel im Blut und damit die Ausschüttung von Insulin und IGF (Insulin-like Growth Factor).“

Und was bewirkt das Laufen bei Krebspatienten?

„Früher galt immer die Aussage: ‚Sie sind krank, schonen Sie sich.‘ Heute wissen wir aber aus vielen Studien: Gerade die Bewegung hilft den Patienten, das sogenannte Fatigue Syndrom (eine bleierne Müdigkeit) zu überwinden. Natürlich sollen die Patienten/innen unter Therapie keine körperlichen Hochleistungen erbringen, aber ein moderates Laufen ist durchaus möglich und viel mehr noch: Es tut den Patienten einfach gut. Laufen hilft dabei, dem Körper wieder etwas mehr zu vertrauen, die Gedanken frei zu bekommen und sich lebendig zu fühlen. Das frische Grün zu sehen, die Vögel singen zu hören und sich den Wind um die Nase wehen zu lassen kann sehr viel dazu beitragen, die Erkrankung und auch die Mühseligkeiten und Nebenwirkungen der Therapien körperlich und psychisch besser zu ertragen. Ein ganz großer Aspekt ist auch die soziale Komponente des Laufens: der gemütliche Lauf mit Freunden in der Natur tut einfach der Seele gut.  Vielen Patienten schätzen es, wenn sie einmal nicht über ihre Erkrankung sprechen müssen, und nicht nur auf ihre Krebserkrankung reduziert werden.

Zu guter Letzt, ein Rat an die Betroffenen:

„Sport ist wie ein Medikament, welches aber sehr einfach zu erhalten und überall verfügbar ist! Unbedingt mit dem behandelnden Arzt sprechen und kommunizieren, dass man gerne Sport macht, um sich dafür die Freigabe zu holen. Auch unter Strahlentherapie darf man Laufen, es sollte nur vorher dem Strahlentherapeuten mitgeteilt werden (es geht hier um die Markierungen, welche sich durch Schweiß verwischen können). Nicht überfordern und nicht erschrecken, wenn der Puls unter/nach Chemotherapie beim Laufen wesentlich höher ist als normal. Österreichweit steht die Krebshilfe Betroffenen mit Rat und Tat kostenlos zur Verfügung“, sagt Drach-Schauer

( kurier.at , nma ) Erstellt am 26.05.2018