Leben
12.05.2018

RunNa: Ein Wettlauf gegen die Zeit

Eine sehr persönliche Geschichte abseits dem Nachrennen zu neuen persönlichen Bestzeiten.

Sekunden werden zu Minuten. Minuten zu Stunden. Stunden zu Tagen und Tage zu Wochen. Nein, die Rede ist nicht von einem Wettkampf. Wobei der Ausdruck vielleicht gar nicht so falsch ist. Denn es geht auch ums Schnellsein. Und es ist ein Kampf und ein Wettrennen. Gegen die Zeit. Die Rede ist nicht vom Laufen, vom Fight gegen sich selbst. Sondern von etwas, das einem wie schnelles Laufen im Wettkampf auch die Luft raubt und das Herz wild schlagen lässt: Diagnose Krebs.

Eigentlich war für diese Woche ein ganz anderer Blogbeitrag geplant: Etwas über die 10k Challenge beim Österreichischen Frauenlauf. Damit verbunden dem Feldtest vor rund eineinhalb Wochen und der Gewissheit, dass es langsam aber sicher in die Zielgerade geht. Zwei Wochen sind es noch bis zum großen Tag, dem 27. Mai im Wiener Prater, auf den ich seit Monaten hintrainiere. Und nun? Nun haben sich die Prioritäten wieder einmal schlagartig verschoben. Die Frage, kann ich meine PB unterbieten, stellt sich nun nicht mehr oder ist mir nicht mehr wichtig. Vielmehr ist ungewiss, ob ich überhaupt am Start stehen werde. Stattdessen nicht anderswo gebraucht werde.

Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Beitrag schreiben soll. Alle Für und Wider abgewogen und mich im Endeffekt dafür entschieden, denn Krebs darf und soll nicht zu einem Tabuthema gemacht werden. Und bevor die Spekulationen losgehen: Nein, es betrifft nicht mich. Aber meine engste Familie.

Wie eine Zecke

Das Thema Krebs begleitet mich mein Leben seit ich denken kann. Ich kann mich an kein Jahr erinnern, in dem es nicht Thema war. Einmal mehr, einmal weniger. Die vergangenen Jahre wieder mehr. Mit Verlusten. Auch in jüngster Vergangenheit. Ich könnte sagen, Krebs ist wie eine Zecke, die sich in meiner Familie eingenistet hat. Wiegt man sich für kurze Zeit in Sicherheit, beißt sie plötzlich wieder umso heftiger zu und saugt an der Lebensfreude. „Alles was du willst ist ein wenig Zeit zum Atmen“, singen Tomte im Song „Schreit den Namen meiner Mutter“. Besser könnte ich es nicht formulieren. Auch wenn es ständig Thema ist, man gewöhnt sich nie daran. Und nun? Nun hat die Zecke wieder besonders heftig zugebissen. Diagnose Brustkrebs.

„Du hast doch nur das Laufen im Kopf“, habe ich schon öfter zu hören bekommen. Von Menschen, die mich nur oberflächlich kennen und glauben, sich ein Bild machen zu können von der Person, die ich für sie zu sein scheine. Vielleicht oberflächlich. Nur Kilometer und Training im Kopf. Vielleicht für manche auch verbissen. Mag sein. Aus Spaß an der Freud, auch wenn sie es nicht glauben wollen.

Kleines Glück im Unglück

„Machen Sie Dinge, die Ihnen Kraft geben, um Kraft für andere zu haben“, hat mir eine Ärztin kürzlich geraten. Und genau das ist der springende Punkt: Laufen ist meine Kraftquelle. Selbst beim härtesten Training schöpfe ich daraus Energie. Gerade diese Einheiten bringen mich auf andere Gedanken. Lassen den Kopf frei werden für andere Dinge. Für Spaß. Für Momente des Glücks im Unglück. Für Endorphine, die frei werden, auch wenn sich die Augen später vielleicht wieder mit Tränen füllen. In dem Moment ist der Schmerz vergessen. Auch in diesen endlos langen Tagen des Wartens, des Bangens, des Hoffens.

Wie bereits erwähnt, habe ich lange überlegt, mir diese Geschichte quasi von der Seele zu schreiben. Doch wie ebenfalls bereits erwähnt, darf Krebs kein Tabuthema sein. Das, aber auch das Thema Frauenlauf, hat mich dazu bewogen, darüber zu schreiben. Denn Brustkrebs ist nach wie vor Frauensache. Ein Thema, das jede von uns angeht. Vorsorglich oder als unmittelbar Betroffene. Jede achte Frau in Österreich bekommt gesagt: Sie haben Brustkrebs. Insgesamt 32.400 Mädchen und Frauen haben sich für den 31. Österreichischen Frauenlauf angemeldet. Statistisch gesehen ergibt das 4050 Betroffene.

Ob ich mit den 32.399 anderen Frauen und Mädchen am 27. Mai am Start stehen werde, wird sich zeigen. Ich laufe für sie und ihren Kampf gegen den Krebs, könnte ich jetzt sagen. Abgedroschen. Zu abgedroschen für mich. Wenn, dann laufe ich nicht für sie. Ich laufe für mich. „Machen Sie Dinge, die Ihnen Kraft geben, um Kraft für andere zu haben“, hat die Ärztin gesagt. That’s it!