© Illustration: Christa Breineder

Leben
01/24/2017

Warum wir auf Retro stehen

Fluchtreflex vor zu viel Neuem oder Vorliebe für alte Designs. Was hinter der neuen Lust an Altem steckt.

Samstagabend in Wien, eine Studentenparty: Junge Menschen tanzen, trinken und reichen eine Sofortbildkamera durch die Runde. Jeder darf einmal knipsen. Dann steigt die Spannung: Als der Apparat Sekunden später ein verblasstes Foto mit weißem Rahmen ausspuckt, wollen es alle sofort sehen. Am Ende nimmt jeder Partygast als Andenken ein Bild mit nach Hause. Nein, diese Szene trug sich nicht in den Siebzigerjahren zu – sie ist aktuell. Denn die kultigen Sofortbildkameras erleben 70 Jahre nach ihrer Markteinführung ein echtes Party-Revival. Nur ihr Look hat sich der aktuellen Mode angepasst: Der Instant-Fotoapparat ist nicht mehr groß, schwarz und sperrig, sondern farbenfroh und handlich. In der Bestsellerliste von Amazon rangiert das rosafarbene Modell der Marke Fujifilm gegenwärtig unter den Top 10. Die Nachfrage sei zuletzt "extrem" gestiegen, heißt es von der Pressestelle der Foto-Firma. Und zwar vor allem bei Digital Natives, also Jungen, die Analogfotografie gar nicht mehr kennen.

"Polaroid hat die Kamera einst als Partytechnik beworben", erklärt der deutsche Kunsthistoriker Dennis Jelonnek. "Sie wurde herumgereicht, war Teil des Geschehens. Das macht auch heute noch die Faszination aus. Früher war es klar, dass ein Bild sofort angreifbar war, heute nicht mehr. Das Erscheinen eines Fotos ist für uns selbstverständlich, nicht aber, es anzugreifen."

Fluchtreflex

Der Hype um die Sofortbildkamera ist nur ein Auswuchs des aktuellen Retro-Trends. Koffein-Liebhaber zelebrieren statt teurer Kapseln das Schlürfen von Filterkaffee, bei den gerade stattfindenden Fashion Weeks vergeht keine Show ohne Modeelemente aus vergangenen Jahrzehnten (derzeit besonders en vogue: Siebzigerjahre-Glockenärmel). Die Schallplattenindustrie freut sich schon seit einigen Jahren über steigende Verkaufszahlen – zuletzt wuchs das Vinyl-Geschäft in Deutschland um 41 Prozent, berichtet der Berufsverband Musikindustrie. Downloads würden hingegen an Bedeutung verlieren.

Das haptische Erlebnis ist bei den Schallplatten wie bei der Polaroidkamera Teil des (aufgewärmten) Erfolgs – aber nicht der einzige Grund für die Sehnsucht nach Vergangenem. Warum Altes wiederentdeckt wird, beschäftigt auch Sascha Friesike, Professor an der Vrije Universiteit in Amsterdam. "Für manche ist es ein Fluchtreflex vor zu viel Neuem. Andere wiederum kaufen Dinge, die sie an die eigene Kindheit erinnern; damit flüchten sie nicht wirklich, sondern holen sich die Erinnerungen zurück."

Ähnlich sieht es einer, der in der Regel nicht zurück-, sondern nach vorne blickt: Trendforscher Harry Gatterer vom Deutschen Zukunftsinstitut. Er erklärt, warum wir wieder zur Sofortbildkamera greifen, obwohl topmoderne Geräte zur Auswahl stünden: "Unser Gehirn hat die Tendenz, das Vergangene zu verklären, somit erinnern wir uns nur mehr an die guten alten Zeiten und assoziieren positive Emotionen mit den zum Teil in die Jahre gekommenen Produkten." Deshalb sei die Voraussetzung für einen Retro-Boom, dass der Gegenstand vorher komplett verschwunden war. Das Zurücksehnen nach alten Traditionen sei zudem vorrangig als "Reaktion auf die komplexen Herausforderungen unserer Zeit" zu sehen, sagt Gatterer. Denn: "Altbekanntes kann Sicherheit und Orientierung vermitteln."

Ästhetik

Dass sich ausgerechnet der designbewusste Hipster einen Schallplattenspieler zulegt, habe seinen Grund, meint Friesike. "Technisch gesehen sind sie längst überholt. Beim Kauf eines Plattenspielers geht es natürlich viel um Ästhetik und zeitloses Design." Doch der Retro-Trend greift noch weiter: Nicht nur sind alte Produkte wieder begehrt – neue werden auf alt getrimmt, zum Beispiel, indem bewusst veraltete Techniken integriert werden (wie bei den neuen Filterkaffeemaschinen).

Andere bleiben einfach alt, sagt Marketing-Experte Friesike und erwähnt die Uhrenindustrie. Alte Modelle sind aktuell hoch im Kurs: "Teil der Faszination ist sicher, dass eine kleine Maschine am Handgelenk auch nach 50 Jahren noch genau die Zeit anzeigen kann. In einer Welt der ständigen Veränderung ist das für viele eine Art beruhigendes Gefühl am Handgelenk", sagt er.

Generell würden sich Menschen wieder mehr Zeit für bestimmte Produkte nehmen. Den Anfang machte die Slow-Food-Bewegung, inzwischen vermarktet man hochqualitative Lebensmittel vor allem darüber, was sie nicht beinhalten, erklärt Sascha Friesike. "Glutenfreie Brötchen, alkoholfreies Bier, Eiscreme ohne Zusatzstoffe, laktosefreie Milch etc. Viele Kunden haben das Gefühl, dass die Lebensmittelindustrie den Bogen überspannt hat. Und so sehen wir eine starke Rückbesinnung auf einfachere Produkte, die lokal erzeugt werden und deren Inhaltsstoffe man versteht." Zum Beispiel die stetig wachsende Craft-Bier-Szene, eigentlich eine Wiedergeburt der kleinen Brauerei von nebenan.

Ausgerechnet moderne Alternativen haben dazu angeregt, sich auf traditionellere rückzubesinnen, sagt Frieske. "Der PDA (Personal Digital Assistant, Anm.) war vor dem Smartphone das große mobile Gadget und versprach, dass man nun unterwegs digital Notizen aufschreiben kann. Das hat viele Menschen dazu veranlasst, sich Gedanken zu machen, wie sie überhaupt etwas notieren wollen. Für viele war die Antwort, dass sie dafür keinen modernen Taschencomputer brauchen, sondern ein schönes Notizbuch." Und so erlebten klassische Notizbücher wie Moleskin oder Leuchtturm mit der Digitalisierung unserer Büros eine Renaissance.

Nachahmer

"Auch beim Design und bei Möbeln spielt die Rückbesinnung eine Rolle", beobachtet Trendforscher Harry Gatterer. So findet etwa der berühmte "Egg Chair" (siehe Illustration), designt 1958 von Arne Jacobsen, heute besonders viele Nachahmer. Möbelstücke in Vintage-Optik haben einen fixen Platz in diversen Einrichtungshäusern oder zieren angesagte Lokale in In-Vierteln. Genau das sei auch das Spezielle am aktuellen Retro-Trend: Er findet auf vielen Ebenen statt, von der Mode über die Technik bis zu Lebensmitteln und Einrichtung. Im Prinzip gebe es immer eine Sehnsucht nach Altem, sagt Gatterer. "Die Rückbesinnung auf die Vergangenheit ist Teil einer Gesellschaft. Aktuell ist sie besonders ausgeprägt."

Weil jeder Trend einen Gegentrend bewirkt, sei es nicht verwunderlich, dass momentan die Idee des "Digital-Detox" bzw. das Thema Achtsamkeit auf große Resonanz stößt. "Retro heißt nicht automatisch zurück zu den technischen Anfängen. Es versteht sich im konkreten Fall mehr als eine Abkehr vom Digitalen." Das zeige sich darin, dass die Maschine für den Filterkaffee in einer modernen High-End-Küche steht.

Die rasante Entwicklung der digitalen Welt sehen Experten als Hauptgrund für die aktuelle Retro-Welle. Und da liegt auch das Problem, sagt Harry Gatterer. Er spricht von einer "Gegenwartsschleife": "Das Internet, die sozialen Medien, die Datenflut – all das beansprucht unsere Aufmerksamkeit in einem extrem hohen Maße. Wir vergessen die Vergangenheit und können uns nicht solide mit der Zukunft beschäftigen." Der Retro-Trend hat also nicht nur damit zu tun, was war – sondern auch, was kommt.