Michael Winterhoff

© Peter Wirtz

Leben
05/15/2022

Razzia bei bekanntem Kinderpsychiater Winterhoff

Michael Winterhoffs Buch „Warum Kinder Tyrannen werden“ war ein Bestseller – jetzt wird ihm gefährliche Körperverletzung durch Medikamente vorgeworfen.

Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, haben 100 Polizeibeamte die Praxisräume von Kinderpsychiater Michael Winterhoff durchsucht. Eine Razzia gab es auch in Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen, die mit ihm zusammengearbeitet haben.

Gegen den bekanntesten Kinderpsychiater Deutschlands liegen mehrere Anzeigen wegen Körperverletzung vor. Die Staatsanwaltschaft bestätigte, dass Razzien durchgeführt wurden: "wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung durch mögliche nicht fachgerechte Behandlung (...) mit dem Ziel, Patientenakten sicherzustellen".

Gern gesehener Talkshowgast

Schon vor knapp einem Jahr wurde Strafanzeige gegen Winterhoff gestellt (der KURIER berichtete). Kurz davor tingelte der Bonner Psychiater noch von einer Talkshow zur nächsten und verbreitete seine provokanten Thesen, die er auch in den Bestsellern "Warum Kinder Tyrannen werden" und "Deutschland verdummt" kundtat.

Süddeutsche und WDR deckten im Jahr 2021 schließlich seine Behandlungsmethoden auf, ehemalige Patientinnen und Patienten erheben schwere Vorwürfe gegen ihn.

Starke Neuroleptika

Der Psychiater verschrieb ihnen - manchmal ohne Diagnose - stark sedierende Neuroleptika (haben dämpfende Wirkung und werden oft bei Symptomen wie Halluzinationen verschrieben). Vor allem das Mittel Pipamperon mussten viele der Betroffenen über Jahre einnehmen.

Gefährliche Nebenwirkungen

Diese Medikamente können zahlreiche Nebenwirkungen hervorrufen. Sie reichen von Müdigkeit über starke Gewichtszunahme bis hin zu Diabetes und Herzerkrankungen. Zudem deuten Studien darauf hin, dass die Mittel dazu beitragen können, die Gehirnmasse zu verringern - die Kinder also intelligenzgemindert werden.

Immer gleiche Diagnosen

Eltern und auch Vormunde der Kinder, von denen sich viele in Einrichtungen der Jugendhilfe befanden, klagten, sie seien nicht hinreichend über die Medikamente aufgeklärt worden. In mindestens einem Fall wurden die Erziehungsberechtigten offenbar überhaupt nicht informiert. Laut Winterhoff handelte es sich um ein Missverständnis.

WDR und Süddeutsche haben mit mehr als 20 ehemaligen Patientinnen und Patienten gesprochen und deren Unterlagen eingesehen.

Ihnen allen stellte Winterhoff die Diagnose "Entwicklungsretardierung mit Fixierung im frühkindlichen Narzissmus" sowie "Eltern-Kind-Symbiose" aus. Dieses Krankheitsbild beschreibt er auch in seinen Büchern. In Fachkreisen wird die Diagnose jedoch nicht anerkannt, sie taucht in keinem Lehrbuch auf.

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