Leben
22.10.2018

Psyche in Aufruhr: "Keine Angst vor der Angst haben"

Der Mensch braucht sie zum Überleben. Wenn die Angst aber das Kommando übernimmt, macht sie krank. Ein neues Buch zeigt Auswege.

Angst kann sehr mächtig sein - und jeden treffen. Popstar David Bowie und Souldiva Aretha Franklin hatten Panikattacken. Die Sängerin und Schauspielerin Barbra Streisand leidet an Sozialphobie, geradezu legendär sind die Ängste von Woody Allen, der erst im Alter von vierzig Jahren bei ausgeschaltetem Licht schlafen konnte. Doch der Mensch braucht dieses Gefühl auch, um zu lernen und sich weiter zu entwickeln. In einem neuen Buch beschäftigen sich Dr. Georg Psota, Chefarzt der Psychosozialen Dienste in Wien, und Autor Michael Horowitz mit dem Wesen der Angst. Der Kurier traf sie zum Gespräch.

KURIER: Ihr erstes gemeinsames Buch haben Sie dem „weiten Land der Seele“ gewidmet, jetzt fokussieren Sie sich auf ein spezifisches Thema. Warum ausgerechnet „Angst“?

Michael Horowitz:  Weil die Angst in unserer Gesellschaft derzeit sehr virulent ist. In Bonn wurde soeben im Haus der Geschichte eine große Ausstellung eröffnet, ihr Titel lautet „Angst. Eine deutsche Gefühlslage?“  Es geht um die Angst vor Atomkrieg, Umweltzerstörung oder die Zuwanderung. Ängste betreffen sowohl einzelne Menschen als auch die gesamte Gesellschaft, sie sind ein omnipräsentes Phänomen. 

Ist das durch Zahlen belegt?

Georg Psota: Da müssen wir zwischen einem allgemeinen Angstlevel in der Bevölkerung und Angsterkrankungen unterscheiden. Kollektive Angst nimmt sicher zu, das messen deutsche Versicherungsgesellschaften, es handelt sich dabei aber eher um ein soziologisches Phänomen. Wenn wir jedoch über Angsterkrankungen sprechen, sprechen wir von 12 bis 15 Prozent der Bevölkerung, die davon betroffen sind – und zwar pro Jahr. 

Jeder siebte Mensch leidet also im Laufe seines Lebens an einer Angsterkrankung, innerhalb eines Jahres. Insgesamt ist das viel, weil Jahr für Jahr neue Menschen davon betroffen sind. Das beinhaltet zugleich eine gute Nachricht: Man kann im Jahr X an einer Angsterkrankung leiden, und in den nächsten 20, 30 Jahren nicht.

Angst ist  per se aber nichts Schlechtes?

Horowitz: Sie ist ein Urgefühl, das der Mensch zum Überleben braucht. Ich zitiere Erich Kästner: „Wer keine Angst hat, hat keine Fantasie“. Angst kann uns in bestimmten Situationen das Leben retten und fungiert als Warnsignal. Aber wenn die Angst mit massiven Schwierigkeiten verbunden ist, kann sie sich zu einer Krankheit entwickeln,  die schwächt, belastet und Existenzen gefährden kann. Wenn die Angst das Leben dominiert, braucht es professionelle Hilfe.

Angsterkrankungen und überhaupt psychische Erkrankungen werden immer noch tabuisiert.

Psota: Ja, leider. Diese Tabuisierung ist ein großes Problem. Angst wird oft als Zeichen der Schwäche betrachtet. Aber wir brauchen keine Angst vor der Angst zu haben. Vielmehr geht es darum, sie zu erkennen, zu verstehen und schließlich zu behandeln. Wir müssen damit richtig umgehen und die Schwelle erkennen, an der die Angst zum psychischen Problem wird.

Wie sehr wirkt das gesamtgesellschaftliche Klima als Auslöser für Angsterkrankungen?

Psota: Angsterkrankungen können sehr wohl von einem Klima der Verunsicherung gefördert werden, vielleicht noch mehr, wenn es große soziale Schwierigkeiten gibt. Wenn es also an die Existenz geht – also etwa, wenn ein Mensch den Job verliert. Das ist eine völlig adäquate Angst, aus der aber in Folge eine Angsterkrankung entstehen kann.

Angst ist, als eine der Grundemotionen des Menschen, leicht zu erzeugen und lässt sich gut als Instrument einsetzen…

Psota: Siegergeheul und Angstgeschrei – das sind die beiden Gefühlslagen, die sich am besten instrumentalisieren lassen. Beide sind sehr archaisch, haben also mit den älteren Gehirnstrukturen des Menschen zu tun. Es ist also eine reine Stammhirngeschichte. Das Stammhirn ist immer nahe beim Stammtisch. Mit der Angst der Menschen zu spielen, ist ein altes Metier.

HorowitzDazu kommen gobale Desaster, für die es fast keine Lösungen mehr gibt. Man hört fast täglich von irgendeiner extremen Naturkatastrophe. Diese dramatische Umweltsituation  erzeugt ebenfalls Ängste.

Welche Rolle spielen die Medien dabei?

Psota: Eine sehr große. Für die Medien ist es daher mehr denn je Aufgabe, andere Gehirnregionen als das Stammhirn zu erreichen. Den Neokortex, neuere Anteile des Gehirns, die im Laufe der Entwicklungsgeschichte entstanden sind.

Okay, und wie würden Sie mir das als Nicht-Neurobiologen, sondern als Journalistin übersetzen?

Psota: Es braucht mehr Zahlen, Daten und Fakten statt hysterischer Berichterstattung. Das ist in Zeiten von Fake News schwierig, aber nötig. Es ist schon interessant: Die häufigsten Ängste der Deutschen, die Jahr für Jahr erhoben werden, betreffen heute fast ausschließlich Themen wie Überfremdung, Flüchtlinge, Naturkatastrophen, Terrorismus.  Es sind alles Ängste, die mit dem Außen zu tun haben. Geht man in der Geschichte der Befragung zurück, haben die Ängste früher anders ausgesehen. Man fürchtete um die eigene Gesundheit oder die Versorgung von Kindern und Familie. Das waren real begründete Ängste, die heute weit in den Hintergrund getreten sind. Heute geht es nur mehr um die böse Welt und die bösen anderen.

Ist Angst ansteckend?

Psota: Ja. Angst kann akut ansteckend sein – und sie kann chronisch ansteckend sein, natürlich nicht im Sinne eines Virus. Sie ist ein gesellschaftliches Gruppenphänomen. Das ist letztlich auch die Begründung dafür, warum die Medien eine so große Verantwortung haben. Sie können Angst induzieren und wie einen Virus verbreiten.

Horowitz: Dazu kommen die sozialen Medien, über die Ängste und Panik  zusätzlich verbreitet werden, sodass sie sich verselbstständigen.

Es gibt aber auch so etwas wie Lust an der Angst?

Horowitz: Ja, sicher. Es erzeugt ein Lustgefühl, wenn man die Angst überwindet, das zeigen zahlreiche Extremsportler. Winston Churchill, der während vieler Kolonialkriege als Kriegsberichterstatter arbeitete, hat diese Form spannender Erregung so beschrieben: „Nichts im Leben löst ein größeres Hochgefühl aus, als beschossen und nicht getroffen zu werden.“

Was unterscheidet Angst von der Angsterkrankung?

Psota: Die Qualität. Bei Angsterkrankungen wird man von der Angst beherrscht. Es gibt keine adäquate Redaktion mehr darauf und ist mit einer Reihe von Symptomen verbunden.

Wie merkt jemand, dass er eine Angststörung entwickelt?

Psota: Das kommt darauf an. Die Panikattacke, also akute Angst, kommt ganz plötzlich, in einer bestimmten Situation.

Horowitz: Sie kommt über einen Menschen, wie ein Ungetüm, das sich auf dessen Schultern setzt. Diese  Angst ist von einem Moment auf den anderen  da.

Psota: Bei diesen plötzlichen Ängsten gibt es allerdings noch weitere Varianten, die sich entwickeln und manifestieren können. Wir reden dann von Phobien.  Manche Menschen trauen sich dann zum Beispiel nicht mehr auf die Straße, haben Angst im Aufzug, vor dem Einkaufen, Angst vor anderen Menschen oder vor Menschenansammlungen. Diese Phobien können sich auf Menschen, Dinge oder Situationen beziehen, denken Sie zum Beispiel an Spinnenphobie. Sie ist sehr häufig.

Wie hängen Ängste und Depressionen zusammen?

Psota: Eng. Es sind psychodynamische und neurobiologische Geschwister, und daher zum Teil auch in der Therapie miteinander verknüpft. Ein Mensch kann von einem der beiden Geschwister besucht werden und 20 Jahre später vom anderen. Wobei die Angsterkrankung eher zuerst kommt. Wenn sie nicht oder schlecht behandelt wird, kann daraus eine Depression entstehen. Umgekehrt ist es eher selten.

Welche Phobien sind am häufigsten?

Psota: Schlangen- und Spinnenphobien sind ganz vorne. Bei den Angsterkrankungen per se ist die Sozialphobie viel häufiger als man glauben würde. Sie scheint noch häufiger als die Agoraphobie.

Und dann gibt es noch dieses allgemeine, diffuse Gefühl von Angst, das einen Menschen Tag für Tag dominieren und belasten kann?

Psota: Das ist die generalisierte Angststörung, die man auch Sorgenkrankheit nennen könnte. Sie ist der Depression sehr nahe, kommt relativ häufig vor, wird aber oft nicht erkannt.  Ihr Entstehungsweg ist ein anderer.

Heißt?

Horowitz: Sie ist nicht von einem Tag auf den anderen da, sondern wird allmählich mehr. Wenn sie dann da ist, hat man  permanent Sorge.

Psota: Meist haben die Betroffenen eine ganze Reihe verschiedener Ängste. Man fürchtet sich, dass alles schief geht und dass Menschen, die man liebt, etwas zustößt, etcetera.

Aber ehrlich: Das habe ich auch, das hat jeder in irgendeiner Form…

Horowitz: Selbstverständlich! Ich habe ebenfalls solche Gedanken, das ist normal. Entscheidend ist jedoch, dass man damit gut leben kann, und die Angst dann wieder verschwindet. Wenn sie sich aber so verselbstständigt, dass sie zu einer permanenten Belastung wird, wird“s kritisch.

Psota: Das ist etwa dann der Fall, wenn jemand stundenlang irgendwelche Angstfantasien nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Wenn dieses Gefühl größer wird als man selbst und die Angst das ganze Leben bestimmt, einen Menschen also im Griff hat.

Im aktuellen Bericht zur Lage der Kinder und Jugendlichen gaben 38 Prozent der Buben und 35 Prozent der Mädchen im Alter von 10 bis 18 Jahren an, dass sie schon einmal psychische Probleme hatten, dazu zählen auch Ängste. Wie erklären Sie sich das?

Horowitz: Wir führen generell ein ungesünderes Leben. Nicht nur weil der Leistungsdruck gestiegen ist, sondern weil die Einflüsse vielfältiger geworden sind – das gilt auch und besonders für Kinder und Jugendliche. Es sind in kurzer Zeit zu viele Einflüsse da, die  Psyche ist überfordert.

Psota: Dazu gibt es zahlreiche Studien und Untersuchungen. Zweifellos hat diese Überreizung, vor allem durch die Digitalisierung, Folgen. Und das auch schon in ganz jungen Jahren. Wenn ich allerdings an meine eigene Kindheit und Jugend denke, hat es damals noch ganz andere Traumata gegeben. Kinder wurden geschlagen, es gab sehr viel Gewalt in der Familie. Ich habe Zweifel, dass das heute noch in dieser Prävalenz der Fall ist.

Heute sind die Ursachen und Belastungen andere. Der elektronische Überfluss spielt eine sehr große Rolle. Kinder und Jugendliche sind pro Tag im Schnitt dreieinhalb Stunden in den digitalen Medien unterwegs. Das ist sehr viel, das fehlt dann auch beim Schlaf.

Und der Leistungsdruck bzw. Stress?

Psota: Viele Kinder haben schon im frühen Alter einen durchstrukturierten Tag, oft verbunden mit einem hohen Leistungsdruck und damit verknüpften Versagensängsten als fast logische Konsequenz. Stress ist ganz sicher ein weiteres Toxin der heutigen Zeit. Das alles kann Ängste auslösen.

Umso wichtiger wäre es, bei Kindern und Jugendlichen genau hinzusehen – und rechtzeitig?

Psota: Unbedingt. Denn je früher eine Angsterkrankung ausbricht, desto heikler. Sie hat im Gehirn einen neurobiologischen und neurochemischen Weg gebahnt. Ein gebahnter Weg wird leichter gegangen. Hier wäre es wirklich wichtig, rechtzeitig hinzusehen, es zu erkennen und zu behandeln.

Gutes Stichwort: Was können Betroffene tun?

Psota Es gibt sehr viele Möglichkeiten, angefangen bei der Psychotherapie bis zum Medikament. Es gibt sogar die Option der klinisch-psychologischen Beratung, die  gute Ergebnisse bringt. Zuerst gehört untersucht, dann diagnostiziert und dann etwas gemacht. Weil es auch Angsterkrankungen gibt, die rein körperliche Ursachen haben, da wäre Psychotherapie unsinnig. Für jede Ursache gibt es, evidenzbasiert, eine entsprechende Therapie. Und in manchen Fällen hilft es einfach nur, sich körperlich zu betätigen.

Laufen gegen die Angst?

Psota: Für eine ausgewachsene Angsterkrankungen ist das sicher keine adäquate Therapie. Aber tatsächlich ist es so, dass Laufen bei manchen Menschen eine Angstverringerung für den kommenden Tag erzeugt.

Ich leide an Spinnenphobie. Gibt es dagegen eine Pille?

Psota: Wenn jemand an einer Phobie leidet, ist das keine Indikation für ein Medikament, es gibt keines. Hier helfen verschiedene Formen der Psychotherapie, in erster Linie Verhaltenstherapie, die etwa auch bei Agoraphobie eingesetzt wird. Es kann aber auch durchaus sein, dass die spezifische Geschichte, wie es zu dieser Phobie gekommen ist, tiefenpsychologisch geklärt gehört. Anders bei einem Menschen mit Sozialphobie: Ihm kein Antidepressivum anzubieten, wäre ein Kunstfehler.  Man muss also sehr genau unterscheiden.

Und wie sieht die Therapie bei der generalisierten Angststörung aus?

Psota: Im amerikanischen nennt man das die „What-if-Patienten“, es geht immer um das Thema „Was, wenn das und das passiert….“  Wenn man das nur psychotherapeutisch angeht, wird man nie fertig. Die Anspannung bleibt. Das ist eine klare Indikation für ein Antidepressivum plus Psychotherapie. Auch in der Evidenz. Aber es gibt neue Untersuchungen, dass bei sehr schweren Formen von Angststörungen sehr wohl auch Psychoanalyse respektive Psychotherapie sehr viel Wirksamkeit zeigt, weil man an die Wurzeln kommt.

Zuletzt eine  persönliche Frage: Wovor haben oder hatten Sie in Ihrem Leben schon einmal große Angst?

Horowitz: Ich bin früher sehr viel geflogen. Irgendwann war ich in Hongkong, es gab Sturm und Gewitter. Alle Maschinen blieben am Boden, nur meine startete in das Gewitter und in den Taifun hinein. Seit diesem Flug gebe ich zu, dass ich ängstlich bin, vor allem bei Langstreckenflügen und wenn ich weiß, es könnte Unwetter geben.

Vermeiden Sie seither Flüge?

Horowitz: Nein. Ich fliege weiter, weil ich mich nicht einschränken will. Aber Freude empfinde ich dabei keine mehr. Ich glaube, das ist eine Form der Angst, mit der ich leben kann und leben will.

Und Sie, Herr Dr. Psota? Hat Sie die Angst manchmal im Griff?

Psota: Ich hatte über Jahre eine Spinnenphobie, weil ich gebissen wurde und eine akute Allergie bekam. Doch dann habe ich bei einem Umbau geholfen, das war eine Art Desensibilisierung, weil dort so viele Spinnen waren. Was ich schon kenne, sind Anflüge einer generalisierten Angststörung. Diese Sorgengeschichte, wo es um  Menschen geht, die man liebt, um Geschehnisse oder um  Entwicklungen der Zukunft. Das ist mir vertraut.

Willkommen im Klub der Normalos.

Psota: Naja. Es macht einem das Leben nicht leichter und es ist schon etwas, von dem ich mich lösen muss.

Wie macht das der Fachmann?

Psota: Es ist mir vertraut und ich weiß, dass es etwas Phasisches ist.  Wichtig ist, dass ich es erkenne und verstehe. Schließlich mache ich es mir bewusst, dass diese Angst entbehrlich ist und an der Situation nichts ändert. Dann geht das wieder vorbei.